Kreis Südliche Weinstraße Wandern in einem riesigen Naturgemälde
«Bad Bergzabern.»Irgendwann stößt man als Pfälzer auf August Becker, unseren Heimatdichter. In seinem 1857 erschienen Hauptwerk „Die Pfalz und ihre Pfälzer“ beschreibt er Land und Leute auf treffliche Weise. Als ich nach einem Zahnarztbesuch in Klingenmünster auf die Büste des bärtigen Mannes stieß, war meine Neugierde geweckt. „Wann und wo?“, fragte mein Freund aus Schulzeiten, und es war beschlossene Sache, den „Becker-Weg“ zu gehen. Den Rucksack geschultert, den Stock in der Hand, beginnen wir unsere Tour in Bad Bergzabern. Gehend den eigenen Horizont erweitern, mit sich und seiner Region vertrauter werden, die Kondition verbessern und mit Muskelkraft selbst gesteckte Ziele erreichen: Das alles macht sie aus, die viel beschriebene Wanderlust. In der Nähe des Stadtschlosses finden wir die erste Markierung: Ein grünes Dreieck, auf weißen Grund gemalt, wird uns die Richtung weisen. Die Prachtstraße Bergzaberns verwandelt uns in schaulustige Flaneure. Erker, Drachenhäupter, Kuppeln und Windfahnen. Vorbei am Kurpark verlassen wir das Städtchen und wandern über Wonneberg und Metzenbühl in Richtung Dörrenbach. Waldpfade, Rebberge und Streuobstwiesen gestalten den Weg dorthin facettenreich. Ein Kirschbaum winkt uns gastlich zu. Wir nehmen an und lassen uns unter den schattenspendenden Ästen rastend nieder. Es ist ein heißer Sommermittag, kein Lüftchen regt sich. Auf einer mooswelken Weinbergmauer kriecht eine goldgrüne Eidechse und äugt geheimnisvoll zu uns herüber. Wasser rinnt unsere Kehlen herab. Vor uns ruht das „Dornröschen der Pfalz“, Dörrenbach, reizend schön in einem Bergkessel gelegen. Wir schlendern durch das Hauptsträßchen, als sich unweit der befestigte Kirchhof erhebt, der mit seiner starken Ringmauer einst mehreren Belagerungen ausgesetzt war. Über einen Pfad steigen wir zur Kolmerbergkapelle hinauf. Nach August Becker soll hier „der Waldbruder vom Kolmerberg“ gehaust haben, ein Einsiedler, der einst „in einer Krankheit das Gelübde gethan, keinen Wein mehr zu trinken. Als er wieder gesund wurde, aß er den Wein mit dem Löffel“. Uns ist auch trocken im Hals, außerdem knurrt der Magen. Wegen der fortgeschrittenen Stunde legen wir einen Zahn zu, erklimmen den Stäffelsberg (480 Meter) und gelangen zu den Drei Eichen, einem Waldplatz mit kleiner Schutzhütte. Nun, endlich: Jausezeit! Es gibt Hartwurst und Brot, dazu plätschert Wein und Wasser ins Glas. Ein bisschen Musik darf nicht fehlen: „Ja, so e’ Rieslingfeeling dud halt immer gut“, klingt es aus den Lautsprechern. Wir ziehen weiter. Vom Steinernen Tisch (543 Meter) geht es über die Hohe Derst (560 Meter) zum Hühnerfelsen (450 Meter), dann hinab nach Reisdorf. Der Weiler zählt zwar nur wenige Häuser, hat dafür aber mit der Wendelinuskapelle ein echtes Kleinod aufzuweisen. Ich trete ein und spreche ein Gebet zum Heiligen. In der Zwischenzeit hat mein Freund einen Brunnen ausgemacht und wir nutzen die Gelegenheit, um uns zu erfrischen. Es ist nicht mehr weit. In Erlenbach ist ein Zimmer reserviert, das spornt an. Es geht ein letztes Mal hinauf für heute, und zwar zum Krummen Ellenbogen (514 Meter), dann weiter zur Jungfernwollust (340 Meter) und wieder hinab ins Tal, eine Weile am Portzbach entlang, bevor wir den Seehof erreichen. Hinein ins Nass. Ein paar Runden geschwommen und man fühlt sich wie ein neuer Mensch. Vorbei am Berwartstein und nach Erlenbach, wo wir den Abend auf dem Balkon der Unterkunft ausklingen lassen. Am nächsten Morgen machen wir uns auf zur Binsenhohlstraße, wo das Hedwighaus, ein eingeschossiger Mansarddachbau, steht. Hier lebte einst Hedwig aus den gleichnamigen Romanen von August Becker. Dem Lauf des Erlenbachs gefolgt geht’s nach Vorderweidenthal. Wir pausieren, lauschen dem Geläut von Glocken und vierteilen zwei Äpfel. Slevogt hätte hier bestimmt seine Freude gehabt, mit Pinsel und Leinwand. Malerische Aussichten gibt es im Pfälzerwald sowieso, es kommt einem vor, als wandere man in einem riesigen Naturgemälde. Wir gelangen zur Lindelbrunner Wegspinne. Bevor wir zur Burgruine (438 Meter) hinaufsteigen, wird Einkehr gehalten. Im Biergarten des Cramerhauses lassen wir uns nieder, wenig später steht ein Schiefer Sack und eine Hausmacher Platte auf dem Tisch. Essen und Trinken hält bekanntlich Leib und Seele zusammen. Für Fernblicker ist die Felsenburg Lindelbrunn ein optimales Örtchen. Ein gemeinsames Selfie ist vor dieser Kulisse unabdingbar. Für die unter uns liegende Landschaft hat August Becker die Bezeichnung „Pfälzische Schweiz“ geprägt, zugleich aber auch problematisiert: „Was nun den Namen (…) betrifft, so ist er gerade so viel oder so wenig gerechtfertigt, als bei der ,sächsischen’, ,fränkischen’ oder gar ,märkischen’ Schweiz. Denn die Erhabenheit der Alpen wird man hier vergebens suchen; aber das Wilde, das Wildromantische in der Natur, das Groteske, Phantastische und Schauerliche wird uns auf jedem Schritte geboten.“ Weiter nach Stein und Quartier bezogen. Das Gästehaus ist direkt unter dem Engelmannsfelsen gelegen, dessen Gipfelkreuz in der Nacht weiß erleuchtet ist. Wir verbringen den Rest vom Nachmittag auf dem Balkon. Dann machen wir uns ausgehfein und wollen ein Wirtshaus aufsuchen. Doch weit und breit ist alles dicht. Müssen wir mit leeren Mägen ins Bett? Nein. Denn in der Pfalz wird Gastfreundschaft noch groß geschrieben. Als die Pensionswirtin von unserer Misere erfährt, werden wir von ihrem Mann nach Annweiler zum „Löwen“ gefahren. Jägerschnitzel mit Pommes und Salat, Altstadt-Ambiente, ein netter Plausch mit dem Schankwirt – der Abend ist gerettet. Sonntag. Quietschfidel schnattern Gänse umher, während wir noch in den Betten liegen. Angezogen, gefrühstückt, dann nach Völkersweiler, wo wir auf den Weg des Dichters zurückkehren. Glockengeläut verabschiedet uns aus dem Dorf, über Wiesenwege geht es am St. Paulusstift vorbei. Zwischen Ebers- und Rehberg erhebt sich der Asselstein (400 Meter), einer der gewaltigsten Felsformationen dieser Gegend. Unweit östlich streifen wir die bewirtete Kletterhütte, sehen gerade noch, wie eine Frau auf einen Tisch im Außenbereich steigt, um auf den Rücken ihres Pferdes zu gelangen. Sachen gibt’s. Trifels oder nicht, das ist hier die Frage. Wir entscheiden uns dagegen, zu viel Betrieb am Wochenende. Lieber tiefer in den Wald hinein, „Am Zollstock“ hinauf und weiter zur Neukastell (436 Meter). Die Burganlage wurde im Pfälzischen Erbfolgekrieg, im Jahr 1689, von französischen Truppen zerstört; allein wegen der Aussicht ist es jedoch Pflicht, die Ruine zu besuchen. Die Wanderung neigt sich dem Ende zu. Das Kleinod, in dem Max Slevogt sich so wohlgefühlt hat, den ehemaligen Maierhof Neukastell, lassen wir hinter uns, dann erreichen wir Leinsweiler. Aus dem Winzerdorf kommt man nur sehr schwer wieder weg. 1200 Jahre ist es alt und besticht mit romantischen Innenhöfen und urigen Weinkellern. Worte aus der letzten Erzählung August Beckers, „Reichsgraf Jockel“, kommen mir in den Sinn: „Auf längerer Fußwanderung ist nichts erquicklicher als den Abend unter freundlichem Obdach bei einem Glas Wein mit den Wirtsleuten zu verplaudern.“ Es fängt an zu nieseln, wir kehren ein. INFO Der August-Becker-Weg ist in den Wanderkarten des Landesvermessungsamtes Rheinland-Pfalz eingezeichnet. Die Markierung, grünes Dreieck auf weißem Grund, findet sich auf dem Abschnitt „Bad Bergzabern mit elsässischem Grenzgebiet“. Die zugehörige Broschüre gibt es im Tourismusbüro Klingenmünster oder unter: www.klingenmuenster.org/erlebnis/wandern-2/naehere-umgebung/august-becker-wanderweg/.