Pfalz / Hamburg
Von der Reeperbahn in den Pfälzerwald: So lebt der „Gangster-Schreck“ heute
„Das war organisiertes Verbrechen – in übelster Form.“ Der Mann, fast 80, blickt ins Leere. Seine Stimme fängt an zu zittern, hinter den Gläsern seiner akkuraten Brille steigen Tränen auf. „Manchmal ist der Überbringer näher am Wasser gebaut, der Empfänger dieser schrecklichen Nachricht ist dazu vielleicht gar nicht in der Lage.“ Es ist ein Moment, den man schwer vergessen kann. Die Szene stammt aus der preisgekrönten fünfteiligen Dokumentation „Reeperbahn Spezialeinheit FD65“, die aktuell auf Netflix und in der ARD-Mediathek läuft. Vor der Kamera sitzt Rüdiger Bagger, damals Oberstaatsanwalt in Hamburg. Er ist derjenige, der an diesem Tag die Aufgabe hat, zur Ehefrau seines geschätzten Kollegen zu fahren, um ihr zu offenbaren, welches Blutbad sich gerade im Polizeipräsidium ereignet hat.
Als Rüdiger Bagger an diesem Februarvormittag im Frühstücksraum des Hotels Dernbachtal sitzt, vor Blümchen-Kaffeeservice und mit Blick auf den idyllischen Pfälzerwald, denkt er im Gespräch mit der RHEINPFALZ an jenen Tag zurück. Auch jetzt lassen sich die Tränen nicht unterdrücken. Es ist der 29. Juli 1986. Die Hamburger Polizei und Justiz sind euphorisch. Nach jahrelanger Ermittlungsarbeit ist es ihnen endlich gelungen, den „Killer von St. Pauli“ festzunageln. Werner „Mucki“ Pinzner gilt als einer der skrupellosesten Männer auf dem Kiez. Elf Menschen soll der Auftragsmörder für das Rotlichtmilieu zur Strecke gebracht haben. Für heute ist seine letzte Vernehmung angesetzt. Wenig später wird nur Schockstarre zurückbleiben.
Nicht mehr ohne Revolver aus dem Haus gegangen
Der berüchtigte Vollstrecker sitzt neben seiner Frau Jutta im vierten Stock des Polizeihochhauses. Auf dem Schreibtisch stehen Getränke und Brötchen für ihn bereit. Plötzlich hat Pinzner eine Waffe in der Hand – seine Frau hat sie in ihrem Slip hineingeschmuggelt. Niemand hat sie kontrolliert. Er hält sie Staatsanwalt Wolfgang Bistry an den Kopf. Und schießt. Dann kniet sich seine Frau vor ihn, öffnet den Mund. Er schiebt ihr den Lauf des Revolvers hinein. Und drückt ab. Zuletzt gibt er sich selbst den Todesschuss.
Die massiven Sicherheitsmängel, die der Fall offenbart, werden einen Justizskandal auslösen, Politiker zu Fall bringen und das Thema Organisierte Kriminalität ins Licht der Öffentlichkeit rücken. Für Bagger und seine Kollegen ist es der Tag, der eine wohl nie heilende Wunde in ihr Herz reißt. „Das war der schlimmste Moment meines beruflichen Lebens“, sagt er und sucht den Blick seiner Lebensgefährtin. „Er ist danach nicht mehr ohne Revolver aus dem Haus gegangen“, erzählt Hildegard Glagow. „Wer in dem Bereich arbeitet und sagt, er hat keine Angst, der sagt nicht die Wahrheit“, hält Bagger ohne Schnörkel fest. Aber man dürfe dieses Gefühl nicht die Oberhand gewinnen lassen. „Unsere Büros waren hinter Panzerglas. Aber wenn man nachts um 1 Uhr irgendwann rausgeht, dann …“ Er hält inne. „Es gibt keine absolute Sicherheit.“ Das war ihm stets bewusst.
Legenden der Staatsanwaltschaft
Anfang der 80er haben kriminelle Banden das Hamburger Hafenviertel fest im Griff. Prostitution, Glücksspiel und Gewalt beherrschen die Reeperbahn. Über allem thront Wilfrid Schulz, der „Pate von St. Pauli“. Fast 20 Jahre regiert er den Kiez, soll Kontakte bis in höchste Kreise der US-Mafia haben. Mehrere Polizeigenerationen hätten sich an ihm die Zähne ausgebissen, erzählt Bagger. „Man nannte ihn auch Teflon-Wilfrid“. Bagger und seine Kollegen sind es schließlich, die ihn einbuchten können und sein Imperium zum Einsturz bringen. Sie sind die Köpfe der ersten Abteilung gegen Organisierte Kriminalität, die 1982 in Deutschland gegründet wird. Bagger ist der Ankläger der Fachdirektion 65 (FD65), einer Spezialeinheit der Polizei mit rund 40 handverlesenen Ermittlern, die den kriminellen Sumpf austrocknen sollen. Zehn Jahre ist er der Mann, der Kiez-Größen zu Fall bringt. Denn längst strebt eine neue Generation der Zuhälterkartelle an die Macht. GMBH und Nutella-Bande kämpfen um die Vorherrschaft auf dem Kiez. Ein blutiger Krieg, der viele Todesopfer fordert.
Heute trägt „Hamburgs größer Verbrecher-Jäger“, wie ihn die „Bild“ einst nannte, Karohemd, beigefarbenen Pullunder und Glatze. Und ist ein inniger Pfalz-Enthusiast. Dank seiner Partnerin, die einen – das sei gleich vorweggenommen – nicht minder außergewöhnlichen Lebenslauf hat. Hier, in der lauschigen Wald- und Wiesenlandschaft rund um Dernbach, hat das Paar im Seniorendasein seinen Ruhepol gefunden. Gerade machen die beiden wieder Urlaub im Hotel von Familie Roth. Zum sage und schreibe 60. Mal. Innerhalb von 17 Jahren. Sie wandern im Pfälzerwald, lassen sich Wein und deftige Pfälzer Spezialitäten munden, genießen die abgeschiedene Idylle des Eußerthals ebenso wie die herzliche Geselligkeit des Pfälzer Menschenschlags.
Qualmender Schmidt, koksender Schill, entführter Reemtsma
Seit 30 Jahren schreiten die beiden nun gemeinsam durchs Leben. Als Hildegard Glagow den Hamburger kennenlernt, hat er seine Ermittlerzeit im Milieu längst hinter sich gelassen. Doch noch immer gilt er als Deutschlands bekanntester Staatsanwalt. Denn ab 1988 ist er 20 Jahre Sprecher der Hamburger Justiz. Zu allen großen Verbrechen ist er derjenige, der gegenüber den Presse Auskunft gibt. Und das in einer Zeit, als Hamburg die Medienhauptstadt Deutschlands ist. Über 3000 Interviews habe er in seinem Leben gegeben, berichtet er. Denn Bagger ist einer, der Klartext redet, der mit Verstand ebenso wie mit Humor gesegnet ist. Noch heute braucht es nur wenige Sätze, um das zu merken. „Bild“, „Süddeutsche“, „Spiegel“, „Stern“ und Co.: Sie alle gehen bei ihm ein und aus, als Skandal-Politiker Roland Schill in Rio gekokst haben soll, Schlager-Star Heino wegen Betrugs ins Visier der Justiz gerät oder Altkanzler Helmut Schmidt eine Anzeige bekommt, weil er auch im Theater das Qualmen nicht lassen kann. Jener Fall, kurz vor Baggers Ruhestand, ist wohl der bizarrste. Über 500 Anfragen aus der ganzen Welt seien damals bei ihm eingegangen, erinnert er sich und schüttelt den Kopf: „Witzig, dass eine Zigarette so einen großen Aufruhr erzeugen kann.“
Zu dieser Zeit raucht Bagger selbst noch. Und zwar in einer Dimension, mit der er selbst den kettenrauchenden SPD-Granden in die Tasche steckt. „Drei bis vier Schachteln am Tag“, wirft der 81-Jährige ein. Und erntet dafür einen besorgten Blick seiner Partnerin. Ja, die Leidenschaft für die Justiz lässt ihn seinen Körper bis zur Aufopferung treiben. Nikotin ist seine Nahrung, um den Stress und die Anspannung auszuhalten. „Zu Verbrecherjagd-Zeiten war ich zeitweise bis auf 57, 58 Kilo abgemagert“, erzählt er. Und auch als Pressesprecher sitzt er oft bis tief in die Nacht im Büro. Er kann nur mit Leib und Seele. Deswegen kommt er am 27. April 1996 auch erst verspätet zum Kirschblütenfest - Pflichttermin des deutsch-japanischen Wirtschaftskreises. Eine mehrstündige Pressekonferenz liegt da bereits hinter ihm. Denn es ist der Tag, an dem der spektakuläre Entführungsfall um Millionenerbe Jan-Philipp Reemtsma ein glückliches Ende nimmt. Doch dann ist er da - und als Tischherr für Hildegard Glagow auserkoren. Ein Abend, der sein Leben verändern wird. Alle seine bisherigen Beziehungen hätten sich ja – berufsbedingt – aus journalistischen Kreisen rekrutiert, bemerkt er. „Und dann treffe ich plötzlich diese toughe Geschäftsfrau, die schon die ganze Welt gesehen hat. Und was konnte ich ihr dagegen bieten: Freiheitsstrafe, ohne Bewährung.“
Eine Begegnung, die sein Leben verändert
Die gebürtige Aachenerin hat bereits eine beeindruckende Karriere in der freien Wirtschaft hingelegt. 1977 wird sie die erste deutsche Repräsentantin für Mannesmann in China, lebt elf Jahre in Peking. Von der Westdeutschen Landesbank abgeworben, leitet sie danach deren Fernost-Beratung. Sie gehört zu denjenigen, die maßgeblich die deutschen Wirtschaftsbeziehungen mit dem asiatischen Flächenstaat aufbauen, der heute größter Handelspartner der Bundesrepublik ist - trotz aller Schattenseiten und Kritik. Zu einer Zeit, als BASF und andere Großkonzerne noch keinen Gedanken an jenes Land verschwenden. In einer Epoche, in der Frauen in Führungspositionen so selten sind wie Regen in der Wüste Gobi. „Es hat mir Freude bereitet, Pionierarbeit zu leisten. Heute ist es ein anderes China“, resümiert die. Damals betreut sie große Unternehmen wie Lufthansa und Demag bei der Ansiedlung dort. Industrie, Maschinenbau, Technologie sind ihre Schwerpunkte. „Sie weiß sogar, was Drehmomentschlüssel auf Mandarin heißt, den Begriff kennen viele Chinesen noch nicht mal“, schiebt Bagger ein. „Und dann wurde gewitzelt: In China verkauft sie Bagger, in Hamburg schnappt sie sich den Bagger“, erzählt sie und lacht.
2008 ist ein Wendepunkt in ihrer beider Leben. In mehrfacher Hinsicht. Beide gehen in den Ruhestand. Nach zwölf Jahren Fernbeziehung zieht das Nordlicht zu seiner Herzdame nach Düsseldorf. Solch eine 180-Grad-Drehung hat ja so mancher Beziehung schon das Genick gebrochen. „Wir haben uns eine gegenseitige Rücktrittsklausel gegeben“, scherzen sie. Doch bald schon ist für solche Flapsigkeiten kein Raum mehr. „Wenn man die ganze Zeit Vollgas gibt und dann in Pension geht, meldet sich oft der Körper.“ Die Jahre unter Hochdruck fordern ihren Tribut. Baggers Herz ist am Limit. Eine Herzmuskelentzündung wird festgestellt, die im schlimmsten Fall zum plötzlichen Herztod führen kann. Zwei Wochen bangt Hildegard Glagow auf der Intensivstation um sein Leben. „Ich dachte, das kann doch nicht sein. Jetzt sind wir endlich zusammen, und dann soll schon wieder alles aus sein.“ Der 81-Jährige hört von einem auf den anderen Tag mit Rauchen auf. Doch erst in der Pfalz findet er schließlich die Kraft zum Leben wieder. Nicht zuletzt deswegen wird dieser Landstrich für das Paar immer etwas ganz Besonderes sein.
Pfalz-Fans mit Leib und Seele
Hildegard Glagow kennt und liebt die Pfalz schon von Kindesbeinen an. Dereinst hatte ihr Vater auf einer beruflichen Reise durch Zufall im Eußerthal Halt gemacht. Später baute sich die Familie in der kleinen Waldgemeinde sogar ein Ferienhaus. Mittlerweile haben die beiden ihr ganzes Umfeld mit dem Pfalz-Virus infiziert. In ihrer Stammkneipe in Düsseldorf lassen sie sich Wein aus Schweigen-Rechtenbach ausschenken. „Wir haben dort auch einen Metzger, der Saumagen macht“, erzählt der 81-Jährige. „Aber nur zur Überbrückung, bis wir wieder in der Pfalz sind“, fügt seine Lebensgefährtin schmunzelnd an. Wer sie besucht, bekommt als Gastgeschenk einen Pfalz-Krimi des Landauer Weinexperten und RHEINPFALZ-Autors Jürgen Mathäß.
Und beim Pfalz-Urlaub darf natürlich die RHEINPFALZ nicht fehlen. „Die gehört fest zum Frühstücksritual“, berichtet Hildegard Glagow. Selbst in ihrer NRW-Heimat bleiben sie immer auf dem Laufenden: „Wenn ein Wander- oder Hüttenartikel aus der Region in der Zeitung steht, dann bekommen wir den von einem Freund immer gleich digital zugeschickt“, erzählt Bagger. „Die beiden kennen jeden Stein hier“, staunt Hotel-Betreiber Frank Roth über seine Stammgäste. „Morgens geben sie den anderen Gästen Wandertipps, unterhalten die Leute mit ihren Geschichten. Die schmeißen hier den Laden.“ Der „Gangster-Schreck“ a.D. und die China-Insiderin haben in der Pfalz ihre zweite Heimat gefunden. Der nächste Pfalz-Urlaub ist längst geplant. Es wird ihr 61. Aufenthalt in dem Dernbacher Hotel sein.

