Eußerthal
Vom Pharma-Manager in die Psychiatrie: Das ist der neue Chef des Pfälzer „Zauberberg“
Abgeschieden im Pfälzerwald, hoch oben auf einem Berg, liegt eine Suchtklinik, die laut der DRV-Qualitätsbewertung als beste Deutschlands gilt. Die Fachklinik der Deutschen Rentenversicherung (DRV) war einst als Tuberkulose-Heilanstalt gegründet worden. Anfang des 20. Jahrhunderts wuchsen hier mondänen Sanatoriumsgebäude empor, die dem Ort noch heute „Zauberberg“-Charme verleihen. Fast wirkt es wie eine Fügung, dass an die Spitze nun ein Medizinier aus der Schweiz rückt – jenem Land, dessen Sanatoriumskultur Thomas Mann literarisch berühmt machte.
Achim Gooss hat zum 1. Januar die ärztliche Leitung übernommen. Die Klinik bietet Platz für bis zu 155 Menschen, um ihnen einen Weg raus aus der Sucht nach Alkohol und Medikamenten zu zeigen. Fast 20 Jahre lag die Klinik in den Händen von Thomas Korte, der nun mit 66 Jahren in den Ruhestand gegangen ist. Seinem Nachfolger sind die Pfälzer Berge bereits vertraut, ist er doch gebürtiger Landauer.
Schweiz, Zahlen, Pharma: ein ungewöhnlicher Weg
Nach dem Abi ging er nach Frankfurt, um Medizin zu studieren. Schon während des Studiums zog es ihn erstmals in die Schweiz – dort, wo der Begründer der analytischen Psychologie C. G. Jung wirkte. „Mich hat die Psychoanalyse schon immer interessiert“, sagt Gooss. Bis heute zeigt sich dies in seiner Lebenseinstellung: „Nur wer sich hinterfragt und selbstkritisch bleibt, kann auch zeitlebens besser werden.“ Immer wieder verließ er bekannte Pfade und suchte Herausforderungen. Diese Neugier und Lust auf neue Aufgaben sei zentrale Triebfeder seines Leben.
Nach dem Staatsexamen fasste er beruflich in der Schweiz Fuß und arbeitete in verschiedenen Kliniken. Seine Dissertation widmete er einer Forschungsarbeit zu Lebertransplantation. Weil ihn auch die Welt der Zahlen reizt, machte er später noch einen Master in Business Administration. Um ein Aufbaustudium zum Facharzt für pharmazeutische Medizin absolvieren zu können, wechselte er in die Pharmaindustrie und blieb dort, wie er sagt, „14 Jahre hängen“. Sein berufliches Spektrum war groß: Bei Riesen wie Pharmacia (heute Pfizer) war er in internationalen Funktionen tätig, bis es ihn in eine ganz kleine Firma verschlug, deren Geschäftsführer er war.
Achim Gooss: Mit Mitte 40 zurück an die Uni
„Aber mit Mitte 40 habe ich realisiert, dass ich eigentlich schon immer Psychiater sein wollte.“ Also zog er den Arztkittel wieder an: zurück in Vorlesungen, zurück in Nachtdienste – wie zu Beginn seiner Karriere. 2020 erlangte er den Facharzttitel für Psychiatrie und Psychotherapie und war als Chefarzt einer großen Suchtambulanz in Zürich tätig. „Nach sieben Jahren habe ich einen Traumjob fallen lassen. Es scheint ein Muster bei mir zu sein“, resümiert er.
Er habe wieder direkt mit Patienten arbeiten wollen, erzählt er. Und dann habe auch noch diese andere kleine Flamme im Hintergrund gebrannt: „Viele Pfälzer, die weggehen, kehren ja irgendwann wieder zurück in die Heimat“, meint er schmunzelnd. Und nachdem seine drei Kinder – heute 22, 25, und 28 Jahre alt – aus dem Haus gewesen seien, loderte diese immer mehr auf. Der Zufall spielte mit: Über einen alten Schulfreund, der in Eußerthal Patient war, sei er auf die Stellenausschreibung der DRV für Eußerthal gestoßen. Und war sofort begeistert vom Konzept und Renommee der Klinik.
Rückkehr in die Pfälzer Heimat
„Abhängigkeitserkrankungen sind keine Nische, sondern mitten in der Gesellschaft. Man kann Alkoholismus aber nur schwer heilen, wenn man die menschlichen Hintergründe wie erlebte Traumata nicht erkennt und behandelt – man muss zum Kern der Problematik gelangen“, ist seine Überzeugung. In Eußerthal könne er auf funktionierende, erfolgreiche Strukturen bauen. Zugleich habe er bereits Ideen, um den Behandlungsalltag effizienter zu organisieren. Ob es den „kreativen Visionär“, wie er sich selbst nennt, in sieben Jahren erneut weiterzieht? Dann sei er ja schon fast im Rentenalter, meint der 57-Jährige. Wobei: An Pension denkt er sowieso nicht. „Ich sehe meinen Beruf als Berufung an. Ich bin im Herzen gerne Psychiater.“