Siebeldingen RHEINPFALZ Plus Artikel Vier Weißweine, zwei Rotweine – und ein Jahrhundert Forschung

Professor Oliver Trapp (rechts) leitete die Führung.
Professor Oliver Trapp (rechts) leitete die Führung.

Wie schmeckt der Wein der Zukunft? Am Geilweilerhof erhielten Leser spannende Einblicke in eine stille Revolution im Weinberg.

Wie wird der Wein der Zukunft aussehen – und wie wird er schmecken? Antworten auf diese Fragen sucht das Team am traditionsreichen Geilweilerhof in Siebeldingen, einer Einrichtung des Julius Kühn-Instituts (JKI), mit wissenschaftlicher Präzision und langjährigem Engagement. 15 RHEINPFALZ-Leser – mehr als 100 hatten sich für diesen Termin interessiert – hatten die Gelegenheit, bei einer exklusiven Führung unter der Leitung von Institutsdirektor Professor Oliver Trapp in die Welt der Rebenforschung einzutauchen. Entlang des Rebenlehrpfads ging es mitten hinein in rund 100 Jahre Züchtungsgeschichte – im kommenden Jahr wird Jubiläum gefeiert. Trapp leitet das Institut seit September vergangenen Jahres und trat damit die Nachfolge von Professor Reinhard Töpfer an, der die Einrichtung fast drei Jahrzehnte lang führte, bevor er in den Ruhestand ging.

4000 Sorten, eine Mission

Schon der erste Blick auf die weitläufigen Rebanlagen beeindruckte die Besucher: Rund 4000 Rebsorten werden auf dem Gelände ausgegliedert, um zu sehen, wie sie sich entwickeln, so Trapp. Gekreuzt werden hierbei sowohl klassische europäische Sorten als auch Wildreben aus Amerika und Asien. Ziel ist es, robuste und qualitativ hochwertige Rebsorten zu entwickeln. Ein Paradebeispiel für diesen Erfolg ist die Sorte Regent, die erste pilzwiderstandsfähige (Piwi) Neuzüchtung aus der Resistenzzüchtung, die heute in der Praxis weit verbreitet ist. Der Regent ist eine Kreuzung aus den Sorten Diana (Silvaner/Müller-Thurgau) und Chambourcin.

Züchtung gegen Pilz, Frost und Klimastress

Neue Rebsorten entstehen jedoch nicht über Nacht. Die Entwicklung einer marktfähigen Sorte kann bis zu 30 Jahre in Anspruch nehmen. Der Prozess beginnt mit Kreuzungen, deren Sämlinge anschließend über viele Jahre hinweg auf zahlreiche Eigenschaften wie Ertrag, Krankheitsresistenz und Geschmack geprüft werden. Besondere Zuchtziele sind dabei die Widerstandsfähigkeit gegen Schaderreger wie Mehltau und Grauschimmel, aber auch gegen Insekten, Viren und Bakterien. Ebenso stehen die Toleranz gegenüber Frost- und Trockenstress sowie die Ertragssicherheit im Fokus. „Nur wenn alle Eigenschaften zusammenpassen, kann eine Sorte im Anbau und im Glas überzeugen“, betonte Trapp.

Die RHEINPFALZ-Leser verkosteten sechs verschiedene Weine.
Die RHEINPFALZ-Leser verkosteten sechs verschiedene Weine.

Um den Prozess zu beschleunigen, setzt das JKI zunehmend auf markergestützte Selektion (MAS). Dieses Verfahren ermöglicht es, mithilfe molekularer Marker bereits im frühen Sämlingsstadium gezielt gewünschte Genmerkmale zu identifizieren. Das spart nicht nur wertvolle Zeit, sondern erhöht auch die Erfolgschancen, verschiedene positive Eigenschaften zu kombinieren.

Herausforderung Klimawandel

Eine der größten Herausforderungen bleibt der Klimawandel. Steigende Temperaturen, längere Trockenperioden und extreme Wetterereignisse verändern die Bedingungen im Weinbau grundlegend. „Die Resistenz gegen Trockenstress wird in Zukunft immer wichtiger“, erklärte Trapp. Allerdings sei es schwierig, diesen Faktor im Züchtungsprozess objektiv zu bewerten. Dennoch arbeitet das Institut intensiv an Lösungen für diese Problematik.

Ausbildung und Forschung unter einem Dach

Am Geilweilerhof in Siebeldingen sind rund 100 Mitarbeitende tätig, etwa 70 davon im Bereich der Rebenzüchtung. Neben der wissenschaftlichen Forschung spielt auch die Ausbildung eine zentrale Rolle: So werden am Standort Winzer sowie und Doktoranden ausgebildet. Einst wurden hier auch Weintechnologen geschult – ein Ausbildungsberuf, der laut Trapp heute jedoch „nahezu ausgestorben“ ist.

Am Geilweilerhof werden neue Sorten gezüchtet, die dann in neue Weine münden.
Am Geilweilerhof werden neue Sorten gezüchtet, die dann in neue Weine münden.

Auf etwa 40 Hektar Rebfläche werden Anbauversuche durchgeführt, neue Kreuzungen selektiert und bewertet. Schließlich werden die vielversprechendsten Sorten an Rebveredler vorgestellt und bei Eignung in den Zulassungs- und Vermarktungsprozess überführt. „Die neuen Rebsorten müssen nicht nur widerstandsfähig sein, sondern auch geschmacklich mindestens mit etablierten Sorten mithalten können“, erklärte Trapp. „Nur dann haben sie eine Chance, sich durchzusetzen.“

Ein Ort mit Geschichte – und Zukunft

Der Geilweilerhof blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Bereits im 12. Jahrhundert wurde das Hofgut erstmals erwähnt. Es war Klosterbesitz, später kurpfälzisches Gut, französisches Nationalgut und schließlich Musterbetrieb. Durch die Stiftung des Industriellen August Ludowici wurde es schließlich zur Forschungsstätte für Reben.

Seit 1926 wird hier professionell gezüchtet. Zu den frühen Pionieren gehörte Peter Morio, dessen Arbeit Sorten wie Bacchus, Domina, Morio-Muskat und Optima hervorbrachte. Heute ist der Geilweilerhof Teil des Julius Kühn-Instituts, das als Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen mit deutschlandweit über 1300 Mitarbeitenden in 18 Fachinstituten eine tragende Rolle in der Agrarforschung spielt.

Finale mit Weitblick – und Wein

Den Abschluss der Führung bildete eine Weinprobe. Die Teilnehmer konnten sechs Rebsortenweine verkosten – allesamt Neuzüchtungen des Instituts, die vor Ort erhältlich sind. Auf dem Programm standen vier Weißweine und zwei Rotweine: Villaris trocken, Calardis Blanc trocken, Calardis Soleil, Calardis Musqué, Caladis Royal trocken und Calandro trocken.

Zu jedem Wein erhielten die Gäste Informationen zu Alkoholgehalt, Säure, Restzucker, Jahr der Markteinführung und sensorischen Eigenschaften. Begleitet wurde die Verkostung von Wasser und Brot, das den genussvollen Abschluss einer erkenntnisreichen Reise in die Zukunft des Weinbaus abrundete.

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