Essingen
Trübe Brühe aus alten Wasserrohren
Dass aus unseren Wasserhähnen, Duschköpfen und Waschmaschinen sauberes Trinkwasser kommt, ist eine Errungenschaften unserer Gesellschaft, von der viele andere Länder nur träumen können. Wie das mit solchen Privilegien so ist, nehmen wir sie oft erst wahr, wenn wir sie nicht mehr haben. Für ein pensioniertes Ehepaar aus Essingen, das anonym bleiben möchte, war knapp zwei Monate lang folgendes Realität: Jeden Morgen floss bei ihnen eine gelbliche Brühe aus der Leitung. Auf Empfehlung der Verbandsgemeinde mussten sie dann solange den Hahn aufgedreht lassen, bis das Wasser wieder klar war. Verständlich, dass sie das Wasser auch dann nicht unbedingt trinken mochten. Erste Indizien auf gesundheitliche Auswirkungen gab es schon: „Ich war vor einigen Wochen mit einer Magenschleimhautentzündung beim Arzt. Es lässt sich nicht beweisen, ob das am Wasser liegt. Ich kann nur sagen, dass ich mein Leben lang noch keine Probleme mit dem Magen hatte“, sagt die Essingerin. Sie berichtet außerdem von Problemen mit der Waschmaschine, die durch das unsaubere Wasser nicht anspringen wollte.
Was ist die Ursache für das braune Wasser? „Am 5. Juli 2021 ist bei den Gruppenwasserwerken Bornheim, die zur Walsheimer Gruppe gehören, eine Wasseraufbereitungsanlage in Betrieb gegangen, um die bisher hohe Wasserhärte von circa 17 Grad Deutscher Härte auf etwa acht Grad zu senken“, sagt das Essinger Gemeinderatsmitglied Rochus Reher, der sich mit dem Thema an die RHEINPFALZ gewendet hat. „Die Wasseraufbereitung erfolgt durch einen Ionenaustausch im Carix-Verfahren. Meine Vermutung ist, dass sich durch die aktuelle Wasserzusammensetzung verstärkt vorhandene Ablagerungen wie Kalk, Rost und so weiter, die sich aufgrund der bisherigen hohen Wasserhärte über die Zeit gebildet hatten, ablösen und somit im Wasser mitgespült werden.“ Davon betroffen sind vor allem ältere, verzinkte Rohrleitungen, wie sie in dem 46 Jahre alten Haus des Essinger Ehepaars verbaut sind. Abhilfe schaffte ein teurer Schritt: Seit die Leitungen vom Keller in die Küche ausgetauscht wurden, fließt wieder klares Wasser.
Wassyl: Wasser in einwandfreiem Zustand
Ein weiterer Betroffener aus Essingen, Rolf Strüber, muss bei diesem Vorschlag lachen. „Ich bin über 80! Für sowas habe ich kein Geld zurückgelegt. Wenn’s soweit kommt, dann zieh ich lieber ins Bethesda.“ Bei ihm sei es mit dem gelben Wasser nicht ganz so schlimm wie bei dem Ehepaar. Dennoch muss auch er jeden Morgen erstmal das Wasser laufen lassen, bis es wieder klar wird. Auch einige seiner Nachbarn hätten ähnliche Probleme, sagt er. Der Chef des Bornheimer Wasserwerks habe ihm versichert, dass es irgendwann besser werde, sobald die Ablagerungen aus den Rohren gespült sind. Ob das Tage, Wochen oder Monate dauern würde, sei aber unklar.
„Es gingen vereinzelte Beschwerden über Trübungen des Wassers bei der VG-Verwaltung und den Gruppenwasserwerken in Bornheim ein. Es waren ungefähr fünf bis sechs Fälle mit Gebäuden älteren Baujahrs“, sagt Verbandsbürgermeister Axel Wassyl. Weitaus zahlreicher seien allerdings die positiven Rückmeldungen über das aufbereitete „neue“ Wasser. Unzweifelhaft befände sich das gelieferte Wasser in einem einwandfreien Zustand und werde laufend untersucht.
Verbandsgemeinde gibt Ratschlag für Betroffene
Über die vereinzelten Probleme mit dem gelben Wasser hat die Verbandsgemeinde inzwischen im Amtsblatt aufmerksam gemacht. Die Meldung enthält auch einen Ratschlag für Betroffene: „Die Anschlussnehmer sollten in regelmäßigen Abständen einen Trinkwasseraustausch in ihrer kompletten hausinternen Trinkwasserinstallation vornehmen. Dies sollte durch gleichzeitiges Aufdrehen sämtlicher Wasserhähne erfolgen. Das Wasser sollte allerdings einige Zeit laufen, damit der Effekt auch entsprechend eintritt und die Ablagerungen in den alten Leitungen gelöst werden. Ein nur kurzes Aufdrehen hat so gut wie keinen Effekt.“ Dieser Vorgang müsse in manchen Fällen mehrfach über eine gewisse Zeit wiederholt werden, bis sich in den Leitungen ein gewisses Gleichgewicht eingestellt und sich ein neuer Biofilm, welcher der jetzigen Zusammensetzung des Wassers entspricht, gebildet hat. Wie lange das dauert, hänge von den jeweiligen Gegebenheiten in den betroffenen Gebäuden ab.
„Unbedingt – unabhängig von der Umstellung auf das aufbereitete Trinkwasser – ist darauf zu achten, dass es in Gebäuden keine sogenannten toten Leitungen gibt. Das sind meist Stichleitungen, die nicht mehr oder nur sehr wenig gebraucht werden“, erklärt Wassyl. „Hier kann es innerhalb weniger Tagen zu Verkeimungen kommen, die durchaus auch rückwärts wandern und die in Gebrauch befindlichen Zweige infizieren können. Auch Kaltwasserleitungen, die durch Warmwasser- oder Heizungsrohre erwärmt werden, sollten in keinem Gebäude vorhanden sein.“
Neue Anlage erzeugt aggressives Wasser
Ortsbürgermeisterin Susanne Volz hat erst vor Kurzem von den Problemen erfahren. „Ich kann also nicht von einer Flut an Beschwerden sprechen. Trotzdem muss ich sagen, dass ich von der Informationspolitik der Verbandsgemeinde in dieser Sache nicht begeistert bin.“ Die Dorfführung könne nur wenig machen, um dem Problem beizukommen.
Ein Installateur aus der Region hat sich die Sache aus nächster Nähe angeschaut. Auch er möchte anonym bleiben, da er mit den Wasserwerken zusammenarbeitet und „nicht meine Konzession aufs Spiel setzen möchte“. Er hat zur Zeit drei Kunden in Essingen mit demselben Problem, zwei weitere in Walsheim und einen in Knörringen. Die beschwichtigenden Aussagen der Verbandsgemeinde kann er nicht unterschreiben. „Es löst sich nicht nur Rost und Kalk von den Rohren. Die Wasserbereitungsauflage erzeugt ein sogenanntes aggressives Wasser, dass auch eine Schutzschicht in den Rohren angreift. Das wird auch nicht mit der Zeit besser. Nach einigen Jahren haben sie einen Lochfraß, dann wird es richtig teuer.“ Weil das aggressive Wasser weniger Calcium und Magnesium, aber dafür mehr Natrium beinhaltet, sei es außerdem ungesund für Menschen mit hohem Blutdruck. Der Installateur glaubt, dass sich die Situation erst bessert, wenn die Wasserwerke das Wasser anpassen.
