Waldhambach
Steinbruch Waldhambach: der Weg von der Felswand zum Straßenbelag
Meine Stiefel sehen aus wie Sau. Unsere Redaktionsputzfrau wird mich verfluchen. So wie Hänsel und Gretel ihre Brotkrumen-Spur durch den Wald legten, verteile ich eine Matschfährte durch die Landauer RHEINPFALZ-Räume. „Was hast du bei einem Steinbruch anderes erwartet?“, meint ein Kollege und grinst. Ich hätte vielleicht noch mal durch die Waschanlage waten sollen. Die ist eigentlich für die 100 bis 200 Laster gedacht, die tagtäglich nach Waldhambach kommen, um Steine, Schotter und Split abzuholen. Einmal durchs Wasserloch gefahren, und schon sind die Reifen wieder sauber, bevor sie über Pfälzer und Elsässer Straßen rollen, einigermaßen zumindest – hätte meinem Schuhwerk auch gut getan.
Dabei, ich gebe es zu, wir sind den Großteil des Weges sogar gefahren. Das Areal ist schließlich neun Hektar groß, hat Höhenunterschiede von bis zu 160 Metern, unendliche verzweigte Wege, auf denen riesige Gefährte Felsbrocken durch die Gegend karren. Das schafft man jetzt nicht einfach so bei einem Guten-Morgen-Spaziergang. Außerdem humpelt Fabian Schlink gerade an Krücken. Nein, kein Arbeitsunfall. Da sei tatsächlich noch nichts passiert, versichert der Chef. Fußball war’s. Trotzdem steht Schlink jeden Morgen gegen 5.30 Uhr auf der Matte, um im Steinbruch nach dem Rechten zu sehen. Danach geht’s nach Edenkoben auf den Schrottplatz, mittags ins Büro nach Landau und dann von Baustelle zu Baustelle. „Wie viel Firmen haben Sie denn?“, frage ich erstaunt. Er denkt nach, „so neun bis zehn“, überschlägt er. Mit 31 Jahren, wohlgemerkt. Der Steinbruch gehört der Gemeinde Göcklingen. Jahrzehntelang hatte ihn die Firma Kuhn gepachtet. Als der Seniorchef in Rente ging, übernahm 2013/2014 die Pfalzgranit GmbH, die damals zur Waldhambacher Schlinkgruppe gehörte. Mittlerweile habe er sich aber vom Familienunternehmen losgelöst, berichtet Fabian Schlink.
Wenn’s kracht, kracht’s richtig
Von einer kleinen Anhöhe hat man einen gigantischen Blick auf den Steinbruch, der sich wie ein Krater in die Landschaft frisst. Schlink zeigt rüber auf die Felsenwand und gibt eine Runde Geologieunterricht. Oben erstreckt sich eine rötliche Buntsandsteinschicht. Allerdings kein Qualitätsmaterial. Unbrauchbar. Die schwarze Schicht darunter besteht aus Andesit. Unnützes Wissen am Rande: das Gestein des Jahres 2020. Wer noch nie davon gehört hat, ist entweder kein Straßenbauer oder kein „Minecraft“-Spieler. In dem meistverkauften Video-Spiel der Welt werden Rohstoffe abgebaut, um Bauwerke herzustellen – unter anderem jenes Vulkangestein. Vulkan? „Ja, an dieser Stelle ist vor Tausenden von Jahren mal ein Vulkan ausgebrochen“, erklärt Schlink und sein Finger wandert in Luftlinie über ein weiß-gräuliches Band in der Felswand. „Das ist Vulkanasche.“ Übrigens auch unbrauchbar. Darunter kommt der Granitgebirgssockel. Der Ort, wo für die Steinbrucharbeiter die Magie passiert. Denn diese Schicht kann man für Waldwege, als Straßenbaustoff, als Schotter für Hausfundamente, als Findlinge für den Garten und vieles mehr verwenden.
Aber um an das Gestein heranzukommen, muss es natürlich erstmal aus der Felswand gesprengt werden. Wohl nächste Woche steht der nächste „Schuss“ an, berichtet Schlink von ein bis drei Sprengungen pro Monat. Dafür wird jedes Mal eine Fachfirma bestellt. Denn während die Sprengungen im Steinbruch Albersweiler verhältnismäßig überschaubar sind – der dorfnahen Lage geschuldet –, lässt man’s bei Waldhambach mit 20.000 bis 30.000 Tonnen auf einen Schlag richtig krachen.
Auf zum Nabel der Steinbruchwelt
Damit Silvesterstimmung im Steinbruch aufkommt, bohrt die Firma an etwa 200 Stellen Löcher ins Gestein. Das dauert etwa eine Woche. „Und dann wird jeweils 2,5 Kilogramm Sprengstoff reingestopft, der eine Form hat wie eine große Salami“, erklärt Schlink. Dann macht’s Kaboom! Und auf die rund zehn Mitarbeiter des Steinbruchs wartet wieder Arbeit. So wird der Trichter im Berg immer tiefer und größer. Schlink schätzt, dass die Vorräte in Waldhambach „noch reichen, bis ich in Rente gehe“. Vom tiefsten Punkt des Steinbruchs geht der Blick steil nach oben: „Die Wand ist noch unberührt, da können wir noch 90 Meter rein“, sagt Schlink.
Auf dem Weg zum Nabel dieser entlegenen Welt kommt uns ein Muldenfahrzeug entgegen, also ein riesiger Kipplaster, der das gesprengte Gestein zur Weiterverarbeitung nach oben bringt. Schlink weiß, wer da so rasant an uns vorbeibraust. „Der ist schon Mulden in der ganzen Welt gefahren. Die größten, die es gibt, in den Gold- und Kupferminen von Australien.“ 300-Tonnen-Gefährte sind das, dagegen wirken die Waldhambacher 50-Tonnen-Mulden wie Spielzeug.
Das Maul des Vorbrechers ist hungrig
Ein Bagger löffelt die zerborstenen Felsen in die Transportlaster. Aber was, wenn die Brocken zu groß für die Baggerschaufel sind? Da macht’s der Bagger so ähnlich wie eine clevere Krähe, die eine Nuss knacken will. Aus der Luft zu Boden fallen lassen, und schon bricht sie auseinander. Der Baggerfahrer hat Unterstützung von einer sieben Tonnen schweren Stahlkugel, die er auf die übergroßen Steine plumpsen lässt, bis sie auf das richtige Maß zertrümmert sind.
Am Rande des Steinbruchs werden sie in das Maul des Vorbrechers gekippt. Ein über 100 Tonnen schwerer Koloss aus Finnland, der das Gestein auf Fußballgröße runterbricht. Einer der größten auf dem Markt, berichtet Schlink. Über ein Förderbahn kommt das Gestein in eine Siebanlage und wird danach in der Nachbrecherei auf die gewünschten Körnungen gebracht – bis auf 0,5 Zentimeter Durchmesser.
Ein Tunnel zum Mixen
Mehrere meterhohe Haufen unterschiedlich großer Steinchen sind am Eingang des Steinbruchs nebeneinander aufgetürmt. Unter ihnen verläuft ein geheimer Tunnel. „Hier, schauen Sie mal rein“, wirft er den Blick auf einen 150 Meter langen Schacht, durch den ein Förderband verläuft, dass Split und Schotter aus dem Dunkel ans Licht bringt. Schlink erklärt, dass unter den Gesteinshaufen Schiebetüren sind, die sich elektronisch öffnen lassen. Braucht ein Unternehmen beispielsweise für den Straßenbau eine bestimmte Mischung verschieden gekörnter Materialien, werde dies in der Waagenanlage eingegeben. Die Schieber lassen jeweils eine bestimmte Menge der gewünschten Körnung heraus. Das Ganze fällt auf das Tunnelförderband und kommt als fertiger Mix auf den Lkw. So verlassen rund 2000 Tonnen Gestein pro Tag den Betrieb. Das meiste holten die etwa 500 Gewerbekunden, berichtet Schlink, etwa 95 Prozent. Dass Privatleute vorbeikämen, um Schotter oder einen Findling für ihren Garten zu kaufen, sei eher die Seltenheit.
Apropos Garten und grün. Grün wird es irgendwann auch wieder in dem Steinbruch werden. Denn dort, wo die Sprengmeister und großen Maschinen ihre Schuldigkeit getan haben, wird das Loch im Berg wieder aufgefüllt. Mit unbelastetem Material aus Baugruben, sagt Schlink. „Dafür werden Terrassen angelegt, das Gelände wird begrünt“, erklärt er, sodass sich wieder Insekten und andere Tiere ansiedeln können. Bisher sei das in Waldhambach aber nur auf einem kleinen Teil passiert. „Den Rest brauchen wir noch als Fahrwege“, macht der Steinbruchchef deutlich, bevor er sich wieder in sein Auto schwingt. Es warten noch viele andere Baustellen auf ihn.