Insheim / Steinweiler
Spurensuche nach historischem Doppelmord
Bei einem gemütlichen abendlichen Plausch mit einer Nachbarin wurde das Interesse von Bettina Graf-Hassenstein für einen Südpfälzer Kriminalfall geweckt. Die erzählte der Insheimerin, dass nach einem Hauskauf in der Kirchgasse beim Ausmisten ein altes Dokument gefunden worden sei, das sich auf einen Mordfall von 1920 beziehe. „Das Schriftstück war eher uninteressant“, erklärt die 57-jährige Hobbyforscherin, „aber ich wollte der Sache nachgehen.“ Beim Landesarchiv in Speyer, später auch bei den Standesämtern Kandel und Herxheim, wurde Bettina Graf-Hassenstein fündig. Sie hat inzwischen ihre „Mordsgeschichte“ in einer Zusammenfassung aufgeschrieben, die auf der Anklageschrift des Landgerichts Landau und zahlreichen Zeugenaussagen beruht.
Was hat die Insheimerin herausgefunden? Es ist ein grausiges Familiendrama aus der Vergangenheit, das sie in vielen Details nachzeichnet: Georg Hautz aus Insheim, 1886 geboren, hat am 20. Juni 1920 seine Ehefrau Anna und deren Mutter Eva Frank in Steinweiler umgebracht. Hautz war Sohn eines Gaswerksaufsehers und seiner Frau. Die Familie war laut Anklageschrift „nicht unvermögend, galt aber als herrisch und eigensinnig“. Diese Eigenschaften hätten auf den Sohn abgefärbt, der als „eingebildet, sehr rechthaberisch und verbohrt“ beschrieben wird.
Liebesglück nur von kurzer Dauer
Im Mai 1913 lernte er die 22-jährige Anna-Maria Frank aus Steinweiler kennen, die aus einer „sehr harmonischen“, liebevollen Schäferfamilie stammte. Er machte ihr den Hof, und man verlobte sich an Weihnachten. Die Freude war von kurzer Dauer. Georg habe seine spätere Frau „mit Worten gepiesackt, um sie unterwürfig und gefügig zu machen“, berichteten Zeugen.
Im Ersten Weltkrieg wurde der Insheimer eingezogen, aber schon bald am Fuß schwer verletzt, sodass er nicht mehr diensttauglich war. Eine Waffenfabrik im bayerischen Amberg gab ihm ab 1915 Arbeit und Brot. Hautz drängte laut Zeugenaussagen nun seine Verlobte massiv zur Heirat und verlangte 10.000 Mark Mitgift. Die Familie lehnte diese Forderung ab. Der Mann gab mürrisch nach, drohte aber, wenn Anna ihn nicht heirate, werde er sie erschießen – eine Androhung, die er in den nächsten Jahren häufig mündlich und schriftlich wiederholen sollte.
Zwei Töchter kamen trotz Ehekrise zur Welt
Die Trauung fand 1916 in Amberg statt. Zeugen sagten aus, dass Anna in der Ehe sehr gelitten habe. Ihr Mann gab ihr kein Geld, habe sie beschimpft, schikaniert und gedemütigt. Als ihre Tante Luise sie besuchte, erschrak sie über Annas depressiven Zustand und nahm sie mit zurück nach Steinweiler. In den kommenden Jahren führten die Eheleute kaum mehr einen gemeinsamen Haushalt; etliche Versöhnungsversuche scheiterten. Dennoch kamen zwei Töchter zur Welt.
Im Oktober 1919 reichte Georg Hautz, der inzwischen wieder in Insheim wohnte, in Landau eine Klage „auf Wiederaufnahme der Ehe“ ein, um Anna zur Rückkehr zu zwingen. Die Klage wurde abgewiesen, es folgte ein Antrag beim Vormundschaftsgericht, um das Sorgerecht für seine beiden Kinder zu erlangen. In einem Brief an die Behörde heißt es: „Ich sage mir, entweder jetzt meine Frau sein oder nicht sein, entweder leben oder sterben: Die Entscheidung muss nun bald fallen, wenn nicht durchs Gericht, dann durch mich selbst. Wer dann noch außer meiner Frau und ihrer Mutter sterben muss, wird es dann wissen.“ Der Antrag wurde abgelehnt und ihm eine Woche vor der Tat zugestellt.
Tochter stirbt in Armen der Mutter
Nun gab es für den verbitterten Mann kein Halten mehr. Am 20. Juni machte sich Hautz auf den Weg nach Steinweiler, mit einem geladenen Armeerevolver und einer geladenen Pistole. „Ich wollte sicher gehen, dass nichts schiefgeht“, hat er später ausgesagt. Mehrere Menschen beobachteten, wie er mit gesenktem Kopf in Richtung Niedergasse ging. Seine Frau, die mit den beiden Kindern am Brunnen im Hof spielte, sah ihn kommen und verriegelte das Hoftor. Er kletterte über das Tor, und während Anna mit erhobenen Armen um Hilfe rief, schoss der Täter wortlos auf seine Frau und traf sie in die linke Brust. Anna rief verzweifelt nach ihrer Mutter, die aus dem Haus gelaufen kam. Georg Hautz schoss zweimal auf seine Schwiegermutter, sie erlitt einen Lungendurchschuss, erreichte aber trotzdem noch ihre Tochter, die in ihren Armen starb. Am Nachmittag erlag auch die Mutter ihren Verletzungen.
Der Mörder schnappte seine älteste Tochter, die schreiend auf dem Boden saß, schob mit dem Fuß die Leiche seiner Frau beiseite und ging aus dem Tor. Zu den Menschen, die voller Entsetzen auf der Straße standen, sagte er laut Zeugenaussagen: „So, jetzt habe ich alles selbst geregelt, und mein Plan ist aufgegangen – außer dass ich mit vier oder fünf Toten gerechnet habe.“
Mörder fühlte sich unschuldig
Georg Hautz wurde am nächsten Tag von zwei Gendarmerie-Wachtmeistern in Insheim festgenommen. Am 3. März verurteilte ihn das Schwurgericht Zweibrücken zweimal zum Tode, später wurde die Strafe in zweimal lebenslange Haft umgewandelt. Im bayerischen Ebrach inhaftiert, stellte er Jahr für Jahr Anträge auf Wiederaufnahme seines Verfahrens: Er fühle sich unschuldig, habe seine Frau schützen wollen und die Schüsse hätten sich versehentlich gelöst. Am 14. Juni 1935 starb der Täter in seiner Zelle.
Chronistin Bettina Graf-Hassenstein, die Wert auf Vollständigkeit ihrer Recherche legt und deshalb die Todesursache erfahren will, hat das Standesamt Ebrach angeschrieben, aber noch keine Antwort erhalten. Davon abgesehen, ist sie voller Lob für die Archive und Standesämter, die ihre Nachforschungen freundlich und kompetent unterstützt hätten. Die Insheimerin, die in einer Elektronikfirma arbeitet, will die Doppelmord-Story noch ausführlicher dokumentieren. Sie sei sehr heimatverbunden, sagt sie, und interessiert sich schon lange für Geschichten aus der Geschichte. Als nächstes kann sie sich vorstellen, etwas über alte Gebäude in Insheim herauszufinden und aufzuschreiben.