Südpfalz / Hassloch
Sorge, Wille, Erleichterung: Mit einem Hilfskonvoi unterwegs
109 leere Kinderwagen stehen am Freitag auf dem Marktplatz von Lwiw. Sie stehen für 109 Kinder, die der Ukraine-Krieg bisher schon das Leben gekostet hat. Ein bitteres Mahnmal, das die Welt zum Weinen bringt. Etwa 100 Kilometer entfernt, in der polnischen Grenzstadt Przemyśl, warten derweil 19 Südpfälzer besorgt auf Nachricht aus der westukrainischen Großstadt. Zwei Mütter mit ihren Kindern sollen mit ihren Freunden, die schon in Germersheim und Herxheim leben, wiedervereint werden. Ob sie es über die Grenze schaffen, ist ungewiss, denn am Morgen gab es einen russischen Luftangriff auf den Flughafen der Stadt, die voller Flüchtlinge ist. Nun herrscht Aufruhr und Chaos.
Dass der Schrecken des Krieges dem Südpfälzer Hilfskonvoi so nah kommen würde, hatten die Team-Mitglieder wohl auch nicht gedacht. Am Donnerstagmorgen machen sie sich vom neuen Messeplatz in Landau aus auf den über 1300 Kilometer langen Weg Richtung ukrainische Grenze. Eine private Initiative von Geschäftsleuten hatte sich zusammengetan und innerhalb von zwei Wochen ein ganzes Netzwerk an Helfern mobilisiert. Unermüdlich trugen sie Hilfsgüter von Kleidung über Lebensmittel und Hygieneartikeln bis zu Windeln und Rollstühlen an Sammelstellen in Annweiler, Landau, Offenbach, Haßloch und Germersheim zusammen. Die Spendenwilligkeit hatte die Organisatoren selbst überwältigt. War doch anfangs nur ein Transport mit einer Anhängerladung an Gütern angedacht. Doch innerhalb weniger Tage entwickelte sich daraus einer der größten privaten Hilfstransporte der Region.
Hup-Grüße für Hilfskonvoi auf Autobahn
Bomben, die Städte zerstören, Menschen, die ihre Heimat verlieren, Familie, die sich in Kellern verstecken, ungezählte Leichen, die ohne Grab verscharrt werden müssen. Solche Bilder, die man tagtäglich in den Nachrichten sieht, können niemanden kalt lassen. „Da muss man einfach helfen“, war Sven Schmitt sofort klar, der die Hilfsinitiative ins Rollen gebracht hat. Zwei 40-Tonner-Lkw, ein 5,5-Tonner-Lkw und vier Sprinter machen sich auf die Reise, um 60 Tonnen Hilfsgüter für das Krisengebiet zu bringen. Dass sogar Politik und Geistlichkeit die Friedensmission verabschieden, rührt das Team schon. Aber nicht zu lang, „denn jetzt wollen wir so schnell wie möglich auf die Autobahn“, lautet die klare Ansage von Mitorganisator Peter Grimm.
Und dort wird der Konvoi immer wieder mit Hup-Geräuschen und Daumen hoch gegrüßt. Die riesigen Friedenstauben vor gelb-blauem Hintergrund, die der Graffiti-Künstler Frank Cmuchal auf die Lkw-Plane gemalt hat, sind ja auch ein weithin sichtbares Zeichen. Oft haben die Fahrzeuge selbst ukrainische Flaggen aufgemalt oder Schilder angebracht, die sie als Hilfstransporte kennzeichnen. Viel Unterstützung rollt in diesen Tagen auf den Straßen. Schmitt und Grimm betreiben beide Fahrschulen. Über ihre Kontakte konnten die Sattelschlepper akquiriert werden. Die Firmenchefs ließen es sich nicht nehmen, sich selbst hinters Steuer zu setzen. Auch wenn er das sonst nur noch zwei-, dreimal im Jahr mache, gesteht Gustav Kühner. Aber die Aktion ist ihm eine Herzensangelegenheit. Der er zusagte, ohne vorher seine Frau gefragt zu haben, wie er zugibt. So tat es auch manch anderer, ist aus einer Männerrunde bei der ersten Rast nahe Eisenach herauszuhören. Auch wenn die Gruppe die EU nicht verlassen wird, Sorge und Ungewissheit reisen trotzdem mit.
Einige Team-Mitglieder waren schon in Kriegsgebieten
Dabei sind Kriegsgebiete für einige der Team-Mitglieder nichts Neues. Schmitt war schon in Somalia, in Bosnien, im Kosovo und in Afghanistan, dort für den Feldlagerbetrieb zuständig. In der Kaserne in Speyer hatte er einst Daniel Broda, Bianca Knerr-Müller und Jochen Lapschansky kennengelernt, die jetzt ebenfalls in den Sprintern sitzen. Auch wenn die vier Szenen des Terrors nicht nur aus dem Fernsehen kennen, wissen sie: „Man wird auf viel vorbereitet, aber das kann niemals ausreichen für das, was man dort erlebt“, beschreibt Knerr-Müller das Gefühl von Ohnmacht, das immer bleibt.
Währenddessen fällt ihr Blick immer wieder aufs Handy. Sie ist sozusagen die Disponentin des Konvois. Denn viele private Hilfstransporte laufen ins Leere, wenn sie nicht vorab mit den Lager- und Verteilstellen in den Grenzstädten abgesprochen sind. Von Hilfsgütern, die einfach an der Straße abgestellt werden und dort vergammeln, hat die Gruppe schon gehört. So etwas soll ihr nicht passieren. Aber dass die Initiative Netzwerken kann, zeigt sich nicht nur bei der Spendensammlung und Transporterbeschaffung, sondern auch bei der Reiseorganisation.
An Grenze wird Konvoi gestoppt
Über ihren Arbeitgeber, die Malteser, habe sie Kontakt zum Saarpfalz-Kreis herstellen können, der Partnerlandkreis der Grenzregion mit dem unaussprechlichen Namen Przemyśl ist, erklärt sie. Dessen Europabeauftragte habe sie bei der gesamten Organisation unterstützt, damit die Hilfsgüter auch wirklich dort ankommen, wo sie gebraucht werden. Die Adresse der kommunalen Einrichtung in Lwiw, wo die Spenden hingebracht werden, hat ihr Violette Frys schon zugeschickt. Aber zunächst kommen sie ins Verteillager in der polnischen Grenzstadt. 8 Uhr morgens öffnet es seine Tore. Wir haben also noch die ganze Nacht zum Fahren.
Es wird eine Nacht, in der man lernt, im Sitzen zu schlafen. In der Zöllner an der deutsch-polnischen Grenze den auffälligen Konvoi herauswinken, aber schnell wieder ziehen lassen, als dessen Bestimmung klar ist. In der man merkt, dass es gar nicht so einfach ist, sieben Fahrzeuge angesichts von Verkehr und Pipipausen zusammenzuhalten. Und die endet mit schmissiger polnischer Folkloremusik aus dem Radio als Muntermacher zum Sonnenaufgang.
Die Züge in der Grenzregion sind überfüllt
Gegen 7 Uhr erreicht der Konvoi Przemyśl. Zusammen mit Lwiw auf der ukrainischen Seite der Grenze bildet es einen Knotenpunkt für Geflüchtete. Wer dem Krieg entflieht, für den ist der erste Zwischenstopp meist in der polnischen 60.000-Einwohner-Stadt. Auf der Suche nach dem Verteillager, wo der Hilfstransport erwartet wird, fahren die Fahrzeuge an einer umzäunten Zeltstadt vorbei. Das provisorische Auffanglager für die Geflüchteten auf der einen Straßenseite, eine Shoppingmeile mit McDonald’s, Adidas, Tedi und Co. auf der anderen – es ist ein verstörender, bedrückender Anblick.
Aber die Polen leisten Bemerkenswertes an der Grenze. Tausende polnische Freiwillige helfen den Flüchtenden. Auch Olga und ihre sechsjährige Tochter Nikita bekamen gleich ein Obdach für die Nacht in einem Mutter-Kind-Haus vermittelt, nachdem sie um 2.30 Uhr Przemyśl erreicht hatten. Am Abend hatte Sven Schmitt noch ein besorgter Anruf aus der Pfalz ereilt. „Die Züge sind überfüllt, sie weiß nicht, ob sie in einen reinkommt“, berichtete ihm eine Frau aus Herxheim über die Lage der beiden. Die RHEINPFALZ-Leserin hatte nach unserem Artikel über den Hilfskonvoi Kontakt zu den Organisatoren aufgenommen. Sie hat bereits eine ukrainische Familie bei sich aufgenommen. Deren beste Freundin wolle nun auch nach Deutschland kommen. So kam die Abholaktion für die beiden zustande. Später wird Olga erzählen, dass sie mit ihrer kleinen Tochter in ihrer Heimatstadt Kiew vier Tage in Kellern ausgeharrt hatte, wenn die Sirenen Raketenbeschüsse ankündigten. „Viele glauben, es wird nicht schlimmer. Aber ich weiß, was Krieg bedeutet. Wenn man ein Kind hat, muss man gehen“, sagt sie.
Hilfsgüter-Lager streng überwacht
Gegen 10 Uhr erreichen die beiden das Hilfsgüter-Lager. Da sind die Helfer gerade damit beschäftigt, die Laster und Sprinter zu entleeren. Die Polen sind top-organisiert. Nur wer angemeldet ist, darf auf das streng überwachte Gelände in einem abgeschiedenen Gewerbegebiet fahren. Dort gibt es hilfsbereite Gabelstapler-Fahrer zum Ausladen und eine Teeküche zum Aufwärmen. In der großen Lagerhalle türmen sich Hilfsgüter in gelben Hochregalen bis unter die Decke. All dies verweilt hier nicht länger als zwei Tage. Auch die Südpfälzer Waren werden noch am selben Tag auf 66 Paletten gepackt und mit zwei Lkw in die Ukraine geschickt, erklärt der polnische Lagerist.
Die Gruppe ist immens froh, Daniel Broda mit an Bord zu haben. Der gebürtige Pole kam mit 16 Jahren nach Deutschland. Heute ist er 50. Dass er sich kameradschaftlich in der Muttersprache mit dem Lagerteam verständigen kann und nicht über den Umweg Englisch macht vieles einfacher – und eine Angelegenheit wohl erst möglich. Denn um 11 Uhr ist alles in den Regalen verstaut, aber die zweite Familie, die die Helfer mitnehmen will, steckt noch immer in der Ukraine fest. Der russische Angriff am Morgen, die Explosionen, die Rauchsäule – das alles sorgt für einen riesigen Tumult in Lwiw.
Familie mit Taxi über Grenze geholt
Peter Grimm, der über eine Annweilerer und Germersheimer Verbindung den Kontakt zu Ivanka vermittelt bekam, überlegt verzweifelt, wie man die 38-Jährige und ihre zwei Kinder sicher und so schnell wie möglich über die Grenze bekommt. Der 12-Uhr-Zug hat schon mal eine Stunde Verspätung. Ob er dann fährt? Ob die drei überhaupt in einen der überfüllten Züge reinkommen? Man weiß es nicht. Dann kriegt die Gruppe hintenrum mit, dass es offenbar ein paar Taxifahrer gibt, die Leute über die Grenze holen. Dank Daniel Brodas Vermittlung fährt um 12 Uhr tatsächlich eines auf den Hof vor die Lagerhalle. Einige Fuffis wechseln den Besitzer. Das ist nur die Anzahlung. Das Geld ist für den Fahrer, für Sprit und um die Grenzzöllner zu schmieren, erfährt man, wenn man nachhakt. „Das hat natürlich einen Beigeschmack“, gibt der Haßlocher zu, „aber sonst hätten wir sie wohl nicht hergekriegt.“
Zwei bis drei Stunden kündigt der Taxifahrer für die Hin- und Rückfahrt an. Es werden sieben Stunden werden. Sieben Stunden in eisigem Wind. Und vor allem sieben Stunden des Bangens, in denen nicht klar ist, ob der Grenzübertritt wirklich klappt. Ivanka gibt immer wieder Zwischenmeldungen per Whatsapp. Der Taxifahrer hat ihr in Lwiw den Weg zu einer Seitengasse gewiesen, um sie zu finden. Denn am Bahnhof harren Tausende Menschen aus. Drei Stunden habe das Taxi dann an der rund 500 Meter langen Schlange an der Grenze gestanden. „Es waren Massen an Menschen, nicht nur in Autos, sondern viele auch zu Fuß“, erzählt sie nach ihrer Ankunft. Denn um 19 Uhr können endlich alle aufatmen. Das Taxi fährt vor. Ivanka, Anna und Lev haben es geschafft.
Viele wollen Ukraine nicht verlassen
Zur Begrüßung gibt es für die Kleinen erst mal Plüschlöwen. Die kommen bei dem zehnjährigen Lev super an, denn sein Name bedeutet Löwe, wie seine Mama am nächsten Morgen lächelnd an einer Raststation erzählt. Wenn sie zurück an ihre Heimat denkt, schwindet das Lächeln aus dem Gesicht. Ihr Mann ist im vergangenen Jahr gestorben. Er hatte bereits 2014 im Krieg gekämpft, nachdem russische Streitkräfte auf der Halbinsel Krim einmarschiert waren, und gesundheitliche Probleme davongetragen. Nun rang auch sie wie viele Ukrainer lange mit der Entscheidung, ob sie ihre Heimat verlassen würde oder nicht. „Viele wollen nicht gehen, weil ihr Mann noch dort ist, ihr Haus, ihr Leben. Für mich war es auch keine einfache Entscheidung.“ Einer Freundin, die auch bleiben will, habe sie gesagt: „Auf was willst du warten? Auf noch eine Bombe?“
Kaffee, Energydrink, Fast-Food-Pause – die anstrengende Tour steckt allen in den Knochen. Die Lkw-Fahrer haben wenigstens noch ihre Schlafkoje, die Gustav Kühner aber Olga und Nikita für die Nacht freimachte. Die Sprinterbesatzung plagt sich mit Nackenstarre, übermüdeten Augen und eingeschlafenen Gliedmaßen herum. Am Samstag gegen 16.15 Uhr sehen die Annweilerer endlich ihren geliebten Trifels wieder. Alle wohlbehalten zurück. Und ein großes Empfangskomitee erwartet die Gruppe auf dem Rathausplatz. Zwei Menschen haben in diesem Moment nur Augen füreinander. Ivanka kann ihre beste Freundin wieder in die Arme nehmen. Die kleine Familie wird erst einmal bei ihr in Germersheim unterkommen, bis die passende Wohnung in der Verbandsgemeinde Annweiler gefunden ist. Über 50 Privatleute haben bereits Wohnraum angeboten. Tränen der Freude und Dankbarkeit fließen in diesen Minuten. Es wird bestimmt ein Wiedersehen geben.