Wilgartswiesen
Seit dem ersten Rententag ist Helga Semrad stets für andere da
„Tue so viel Gutes, wie du kannst, und mache so wenig Gerede wie möglich davon“, ermahnte einst Charles Dickens seine Leser. Helga Semrad aus Wilgartswiesen hält sich daran. Der fit und jugendlich wirkenden Rentnerin ist es eher peinlich, über ihre vielen Aktivitäten zu sprechen.
Helga Semrad wurde 1957 geboren und lebt heute wieder in ihrem modernisierten Elternhaus. Nach ihrer Ausbildung zur Industriekauffrau in einer Schuhfabrik arbeitete sie 16 Jahre lang in diesem Beruf. Doch dann wollte sie etwas anderes machen und ließ sich zur Steuerfachkraft ausbilden. Dass sie sich vorzüglich mit Bilanzen und dem Rechnungswesen auskennt, wurde ihr dann sozusagen zum Verhängnis: In den Vereinen und Organisationen, in denen sie aktiv ist, übernahm sie quasi zwangsläufig das Amt der Rechnerin.
Engagiert in Vereinen, Kirche, Gemeinderat
Nach 48 Arbeitsjahren ist sie nun offiziell im Ruhestand, doch eigentlich im Unruhestand. Denn ihr erstmals angelegter privater Terminkalender ist voll. Sie ist – nicht erst seit der Rente – eine in der ganzen Verbandsgemeinde Hauenstein angesehene Helferin vor allem für Menschen aus Osteuropa, die sie durch das deutsche Behördenlabyrinth schleust. Sie hilft beim Ausfüllen von Formularen und Anträgen, begleitet zu Ämtern und kämpft um Arzt- und Krankenhaustermine.
Ihr erster arbeitsfreier Tag im Sommer 2019 war noch nicht zu Ende, da hatte sie bereits eine neue Verpflichtung: Bei der Organisation von Beisetzungen im Ruheforst Wilgartswiesen sollte sie vertretungsweise nur wenige Wochen mithelfen, jetzt ist sie immer noch dabei. Im Turnverein, in der Kirchengemeinde, im Gemeinderat: Es geht fast nichts im Ort ohne Helga Semrad. Als im vergangenen Corona-Jahr eine Arbeitsgruppe gegründet wurde, die für betagte oder erkrankte Mitbürger die täglichen Einkäufe organisierte, war sie natürlich auch dabei.
Lieber helfen als jammern
Wenn für die Konfirmation der Treppenaufgang zur Pfarrkirche von Grasbüscheln und Unkraut gereinigt werden soll, ist Helga Semrad mit Hacke und Rhabarberkuchen für alle Helfer zu Stelle. „Man kann bei so einer Aktion auch viel Spaß haben“, meint sie gelassen, „alle bringen was zur Erfrischung mit und nach getaner Arbeit gibt’s eine kleine Party. Das ist doch besser als darüber zu jammern, was alles getan werden müsste.“
Die Mitsechzigerin macht ihre Arbeit mit spürbarer Begeisterung, aber sie kostet auch Kraft. Ein halbes Jahr vor dem Tod ihres Vaters trat sie im Büro kürzer, ließ das Haus passend für ihn umbauen und pflegte ihn. Tief getroffen hat sie auch der Tod ihres jüngsten Bruders, der mit nur 43 Jahren an einem Herzinfarkt starb. Eines Tages musste sich Helga Semrad mit der Diagnose einer schweren Depression auseinandersetzen. Aber auch dieses Problem ging sie offensiv an. Sie sprach offen mit Freunden und Bekannten darüber, nahm alle Hilfestellungen an, die ihr geboten wurden.
Nicht alleine auch ohne eigene Familie
Eine Frau, die so engagiert lebt, steht nicht alleine da, auch wenn sie nie eine eigene Familie gegründet hat. Bilder und Fotos an den Wänden der gemütlichen Küche belegen, dass hier die weltbeste Tante lebt, der Terminkalender verzeichnet zahlreiche Treffen mit Freunden und Bekannten. Demnächst steht eine kleine Reise gemeinsam mit Freunden nach Bayern an – lieber aber würde sie wieder nach Skandinavien. Der kühle Sommer 2021 kam ihr sehr entgegen, sie liebt kältere Regionen. Ein Traum wäre für sie eine Reise in den ganz hohen Norden, oberhalb von Tromsø mit Schlittenhunden unterwegs sein und das Nordlicht bestaunen. Zweimal war sie schon in Norwegen. Oder aber, Kontrastprogramm, nach Namibia, Elefanten beobachten.
Wenn es bald wieder richtig kalt wird, bollert im Wohnzimmer der beeindruckende Kachelofen und Helga Semrad kuschelt sich nach getaner Arbeit mit der Katze auf das Sofa, blickt über den gepflegten Garten auf Pferde und spielende Nutrias am Queichufer, schaut sich im Fernseher Dokumentationen, Reiseberichte und Tierfilme an oder auch schwedische Krimis. Und dann bleibt der Terminkalender zugeklappt.
Die Serie
Der Lebensabschnitt nach den Berufsjahren bietet viele Möglichkeiten. Manche freuen sich, mehr Zeit für Familie, Hobbys oder Reisen zu haben. Anderen fällt es schwer, ihr früheres Leben loszulassen. Uns interessieren Ihre Geschichten. Engagieren Sie sich gesellschaftlich? Oder kennen Sie jemanden, der als Rentner etwas Außergewöhnliches gewagt hat? Melden Sie sich bei uns unter Telefon 06341 281-180 oder per E-Mail an redlan@rheinpfalz.de.