Annweiler / Speyer
Rollstuhlfahrer findet nach 2,5 Jahren Jobsuche durch RHEINPFALZ ersten Arbeitsplatz
Eigentlich bringt Dominik Bolz alles mit, was man sich als Arbeitgeber so wünscht. Er hat erfolgreich studiert, mehrere Praktika absolviert, besitzt ein eigenes Auto, ist jung, motiviert und auch bereit, längere Anfahrtswege in Kauf zu nehmen. Trotzdem blieb seine Arbeitsplatzsuche nach dem Studienabschluss erfolglos. Seit 2,5 Jahren flatterten ihm nur Absage ins Haus. Seine körperliche Beeinträchtigung sei darin nie thematisiert worden, sagt er, „aber im Endeffekt weiß ich, woran es liegt“. Der 30-Jährige hat Spina bifida, eine angeborene Spaltung der Wirbelsäule, im Volksmund als „offener Rücken“ bekannt. Deswegen ist er in vielen Bereichen auf einen Rollstuhl angewiesen. Trotz der vielen Niederschläge war für ihn klar, sich nicht unterkriegen zu lassen: „Ich stecke den Kopf nicht in den Sand und hoffe, dass das Glück doch noch auf meiner Seite ist“, äußerte der Annweilerer in unserem Artikel „Verpufft Inklusionsgedanke in Realität?“ vor einem Monat.
Das Glück war ihm hold, denn manchmal kommen einfach viele gute Dinge zusammen. Gleich am Morgen habe ihr ein Kollege den Artikel geschickt, berichtet Sandra Seiler, Assistenz der Geschäftsleitung bei Reha Team Vorderpfalz in Speyer, die zufällig – genauso wie Dominik Bolz – in Annweiler lebt. Sie und ihr Kollege hätten dann auf dem Weg zur Arbeit telefoniert und sich Gedanken gemacht, wie man den jungen Südpfälzer einbinden könnte. „Und unser Chef ist sowieso offen für Ideen von uns und Veränderungen.“ So rauschte bereits um 9.22 Uhr das Jobangebot des Sanitätshauses bei der RHEINPFALZ zur Weitervermittlung herein.
„Wir können auch von ihm lernen“
Dabei blieb es nicht. Auch ein Bad Bergzaberner Arbeitgeber lud Bolz mach dem Artikel zu sich ein. Doch nach der einwöchigen Hospitanz in Speyer stand für den jungen Mann die Wahl bereits fest: „Mein Herz war gleich hier. Vom Kollegialen hat es mir hier zugesagt“, erzählt er. Weder der längere Anfahrtsweg schreckt ihn noch findet er es schlimm, dass er in einem neuen Berufsfeld startet. Eher im Gegenteil. Studiert hatte Bolz Soziale Arbeit, einsteigen wollte er beruflich in die Betreuung von Jugendlichen oder körperlich beeinträchtigen Menschen. Nun kümmert er sich um Reha- und Orthopädiewaren. „Ich finde es extrem spannend, in einen neuen Bereich reinzuschauen. Und ich bin dankbar, dass mir hier die Chance gegeben wird, mich weiterzubilden“, sagt Bolz.
Als selbst Betroffener kenne er sich mit Rollstuhltechnik und Anträgen zu Rehatechnik aus. Die Bedürfnisse der Kunden könne er gut nachvollziehen. „Und mit seiner Erfahrung in Sozialer Arbeit können wir sogar noch etwa von ihm lernen“, findet Sandra Seiler, die auch als Quereinsteigerin in die Sanitätsbranche gekommen ist und nun seit 13 Jahren darin aufgeht. „Damit gibt sie mir den Mut, mich in dieses neue Gebiet einzuarbeiten.“
Handicap ist keine Hürde
Was für andere Arbeitgeber nicht immer leicht umzusetzen ist, hat das Sanitätshaus aufgrund seiner Kundschaft sowieso: einen barrierefreien Arbeitsplatz. Die Filiale ist großräumig und ebenerdig. Die Rezeptionstheke ist in der Mitte nach unten verflacht, sodass der Rollstuhlfahrer problemlos mit der Kundschaft reden kann. Eine Behindertentoilette war bereits vorhanden. Einzige Herausforderung: Die Büroräume sind im ersten Stock des 2020 gebauten Sanitätshauses, das damals von der Auestraße in die Nachtweide umzog. In Speyer hat es eine lange Tradition, 2015 übernahm Zoran Magin das Geschäft, das mittlerweile auch Niederlassungen in Germersheim und Schifferstadt hat. Dort wird Bolz auch demnächst vier Wochen intensive Einarbeitungszeit verbringen. Gerade lernt er in Speyer alle Bereiche kennen.
Ein halbes bis ein Jahr brauche man schon, bis das Grundwissen sitzt, überschlägt Seiler. Ziel ist, dass er den Bereich Warenwirtschaft übernimmt. Bis dahin werde auf jeden Fall auch ein eigenes Büro für Bolz im Erdgeschoss eingerichtet sein, versichert Seiler. Um finanzielle Förderungen bei der Agentur für Arbeit habe sie sich bisher nicht bemüht, obwohl diese eine ganze Reihe an Unterstützungen für Menschen mit Behinderungen und Arbeitgeber anbieten. „Aber das war für uns nicht ausschlaggebend“, macht sie deutlich. Das 17-köpfige Reha Team Vorderpfalz wolle wachsen und suche händeringend nach passenden Mitarbeitern. Ein Handicap sei da keine Hürde. Es gebe noch einen weiteren Mitarbeitenden mit Vorerkrankung.
„Inklusion sollte in allen Bereichen des Lebens wichtig sein“
„Wir als Sanitätshaus haben vielleicht einen anderen Blick drauf, weil es unser täglich Brot ist. Aber ich finde, Inklusion sollte in allen Bereichen des Lebens wichtig sein. Ein Mensch ist ein Mensch, egal, ob er eine Beeinträchtigung hat oder wo er herkommt“, macht Seiler deutlich. Im Fall Bolz habe sich der Betrieb rechtlich bei der Aufstellung des Arbeitsvertrags beraten lassen, „damit sowohl wir als auch Dominik auf der sicheren Seite sind“. So stehen Menschen mit Schwerbehinderung beispielsweise bei Vollbeschäftigung fünf zusätzliche Urlaubstage pro Jahr zu.
Aber an Urlaub denkt Bolz gerade noch nicht, erst einmal will er „alles hier aufsaugen“. Und vielleicht auch ein paar Impulse geben. Um bekannter zu werden, will das Sanitätshaus jetzt auch seine Social-Media-Präsenz ausbauen. „Ich helfe euch beim Insta-Aufbau“, meint der 30-Jährige gleich.