Kreis Südliche Weinstraße Physisch und psychisch an der Grenze
„Die Polizeibeamten brauchen dringend längere Erholungs- und Regenerationsphasen, neben der körperlichen nimmt auch die psychische Belastung zu“, sagt Polizeidirektor Hans-Josef Roth, Chef von mehr als 500 Bundespolizisten in Bad Bergzabern. Gleich nach dem G7-Gipfel am 7. und 8. Juni in Garmisch-Partenkirchen sei ständig eine der drei Hundertschaften im Einsatz gewesen, seit Einführung der Grenzkontrollen am 13. September seien alle verfügbaren Einsatzkräfte aus Bad Bergzabern ununterbrochen an der deutsch-österreichischen Grenze, erzählt Roth. „An diesem 13. September, am Sonntagmorgen, wurde ich vom bevorstehenden Einsatz in Kenntnis gesetzt, in der Nacht zum Montag waren alle verfügbaren Einsatzkräfte vor Ort“, erinnert sich Roth. „Das geht an die Substanz, wir haben unsere Belastungsgrenze erreicht“, sagt der Chef heute, der den Führungsstab des Einsatzabschnittes Passau leitet, im wöchentlichen Wechsel mit einer anderen Bundespolizeiabteilung. Wie der Alltag vor Ort aussieht, schildern fünf Bundespolizisten, die seit dem ersten Einsatz dabei sind. „Es geht immer am Dienstag von hier los, abends sind wir dann in Passau“, erzählt Polizeiobermeisterin Jenny Jansen. Am nächsten Morgen folgt die Abfahrt zum Grenzabschnitt, für den man eingeteilt ist. Sie sei in Wegscheid gewesen und mit zuständig für die Organisation des Transports der Flüchtlinge. „In Absprache mit den österreichischen Behörden werden pro Stunde 50 Flüchtlinge gebracht, sie werden zuerst durchsucht und die Fingerabdrücke abgeglichen“, erzählt die Bundespolizistin. Viel Zeit bleibt nicht für das eigene Empfinden und für das Privatleben. Professionalität ist wichtig. „Es sind so viele Menschen, viele Familien mit Kindern. In der Regel sind alle dankbar“, sagt Jenny Jansen. Mitleid habe sie, wenn es notgedrungen Wartezeiten gebe. „Aber mittlerweile läuft es geordnet ab“, sagt sie. Als schlimm empfindet es der erste Polizeihauptkommissar Claus Sarter, wenn es Wartezeiten gibt oder Mütter so erschöpft sind, dass sie geweckt werden müssen, wenn ihre Kinder schreien. Sarter vertritt Roth in Bad Bergzabern und plant die Einsätze an der Grenze und im Hauptbahnhof Passau. „Der eine steckt es gut weg, andere sind sensibler, seit dem 13. September laufen die Einsätze in dieser Form, die Belastung ist permanent“, sagt er. Belastend sei in jedem Fall die Organisation des Privatlebens. Nachdem der Transport über die Grenze abgewickelt ist, werden die Migranten zunächst in grenznahe Gebäude, zum Beispiel ehemalige Möbellager gebracht. 7000 Menschen sind es jeden Tag im gesamten Grenzbereich. „Wir überprüfen dann die Papiere, nehmen Fingerabdrücke, die Menschen werden fotografiert, oft haben sie keine Papiere bei sich“, erzählt Matthias Nuß aus der Praxis. Eine weitere Aufgabe ist, die Grenze zu überwachen zum Beispiel die A 3 bei Passau. „Das Problem hier sind die Schleuser, die die Menschen in Autos wegbringen, damit sie Polizeikontrollen entgehen“, sagt der Führer einer Hundertschaft, Benjamin Niemann. Als Familienvater überwiege bei ihm die Freude der Ankommenden und dass die meisten dankbar seien. „Ein schönes Erlebnis war ein syrischer Familienvater, der nach Jahren seine Frau und Kinder an der Grenze abholen konnte“, erinnert sich der Bundespolizist. „Ich bin von der ersten Stunde an dabei, am Anfang war es kaum organisiert, inzwischen läuft es geregelt ab“, bestätigt Andreas Schreiber, Vater eines zehn Monate alten Sohnes. Schwer sei es für ihn, wenn er Kinder sehe, die mit großer Wahrscheinlichkeit auf der Flucht zur Welt gekommen seien, sagt der Familienvater. Als letzten Schritt vor Ort regeln die Bundespolizisten die Weiterreise der Migranten zu den Erstaufnahmeeinrichtungen. Einig sind sich alle, dass Hunderte von ehrenamtlichen Helfern, die teilweise täglich genauso lange im Einsatz sind wie sie selbst, Unglaubliches leisten, um die Menschen zu versorgen. Einig sind sie sich auch, dass die neun Tage Schicht und fünf Tage (vielleicht) frei an der Substanz zehren, physisch und psychisch. Und dass es auch für die Kollegen, die nicht in solchen Einsätzen sind, eine Belastung ist, denn sie müssen mehr Aufgaben übernehmen. „Unsere Überstunden können wir sicher nicht bis zum Jahresende abbauen“, macht sich der Chef in Bad Bergzabern keine Illusionen. Andreas Schreiber wünscht sich zusätzliche Kollegen, vor allem aus der Region, denn die wenigsten Bundespolizisten in Bad Bergzabern sind Pfälzer, sondern kommen aus allen Teilen der Republik. Am kommenden Dienstag geht es für alle wieder in den Einsatz und wahrscheinlich auch in der Weihnachtsschicht, am Dienstag, 22. Dezember. Für die Neujahrsfeier zu Hause reicht es dann noch, Weihnachten werden sie in irgendeinem Hotel an der deutsch-österreichischen Grenze verbringen. Info Die Bundespolizei hat eine Einstellungsoffensive gestartet, Informationen unter www.bundespolizei.de.