Südpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Pflegekräfte aus Osteuropa: Droht in der Südpfalz Versorgungsnotstand?

Seine Eltern waren selbst pflegebedürftig. So kam Ferdinand Schupp die Idee, eine Pflegekräfte-Vermittlung zu gründen.
Seine Eltern waren selbst pflegebedürftig. So kam Ferdinand Schupp die Idee, eine Pflegekräfte-Vermittlung zu gründen.

Rund 300 000 Betreuungskräfte aus Osteuropa sind in Deutschland tätig. Sie leben bei den Senioren und helfen ihnen im Alltag. Ohne sie würde das Pflegesystem wohl zusammenbrechen. Doch die Corona-Krise hat alles verändert. Droht in der Südpfalz ein Versorgungsnotstand?

Ein älteres Ehepaar aus der Südpfalz. Er hat Diabetes und ist schwer pflegebedürftig. Seine Frau ist körperlich fitter, aber hat Demenz und kann sich nicht um ihren Mann kümmern. Pflegekräfte sorgen für die medizinische Versorgung. Aber um den Alltag bewältigen zu können, sind die beiden schon länger auf Unterstützung angewiesen. Ihre Kinder arbeiten. Eine Betreuungskraft aus Polen wohnt bei ihnen und hilft bei Körperpflege, im Haushalt, generell im Leben. Die aktuelle Dame soll für drei Monate bleiben. Bald endet diese Arbeitszeit. Was dann? Wegen der Corona-Krise ist der Grenzverkehr erschwert. Kann die Betreuerin ihren Aufenthalt verlängern? Findet sich eine neue Kraft? Und wenn nicht, wie soll die Familie die Situation ohne die Unterstützung aus Osteuropa stemmen? Unsicherheit und Verzweiflung macht sich breit. Die Landauer Ärztin und FDP-Stadträtin Elke Wissing kennt das Ehepaar und hat den Fall in der letzten Stadtratssitzung vorgetragen, um auf die Notlage vieler Familien aufmerksam zu machen.

Wie viele Pflegehilfen werden fehlen?

Die Lage ist prekär. Nach Schätzung des Verbands für häusliche Betreuung und Pflege arbeiten rund 300.000 osteuropäische Betreuungskräfte in Deutschland, 90 Prozent von ihnen schwarz. Doch egal, ob legal oder illegal, sie halten das Versorgungssystem am Laufen. Wenn ihre Arbeitskraft wegbricht, droht der Pflegenotstand. Der Verband schlägt Alarm. „Wir rechnen damit, dass ab Ostern 100.000 bis 200.000 Menschen schrittweise nicht mehr versorgt sind“, sagt Geschäftsführer Frederic Seebohm gegenüber dem ARD-Magazin „Report Mainz“. Viele Pflegekräfte verließen aus Angst vor einer Infektion das Land. Wenige Osteuropäerinnen kämen als Ersatz nach.

Bisher sei die Situation noch ganz gut zu händeln, sagt Ferdinand Schupp, der in Offenbach eine Niederlassung der deutschlandweiten Vermittlungsagentur Pflegehelden betreibt und aktuell um die 50 Damen im Gebiet von der Südpfalz bis nach Neustadt, Bad Dürkheim und Kaiserslautern im Einsatz hat. Allerdings sieht auch er einen Versorgungsnotstand auf Deutschland zukommen. Die Infektionszahlen werden steigen, auch einige Pflegekräfte werden sich anstecken, viele hätten Angst vor Reisen. „Da kommt noch was richtig Großes auf uns zu.“

Kann der Deutschland-Aufenthalt verlängert werden?

Wer keine 24-Stunden-Betreuungskraft mehr bekommt, bleibt zu Hause alleine oder muss sich im Familien- oder Freundeskreis um Hilfe bemühen. Denn die Pflege- und Altersheime sind voll, und die Krankenhäuser brauchen ihre Plätze für Erkrankte. Die schwierige Versorgungslage wird viele pflegebedürftige Menschen und deren Angehörige vor große Herausforderungen stellen. Glücklicherweise könne er aktuell noch alle Kunden versorgen – wenn auch mit Abstrichen, sagt Schupp. Seit Anfang März seien etwa 20 neue Damen aus Polen gekommen, dafür habe er rund zehn kurzfristige Absagen erhalten. „Wir konnten Ersatz besorgen, aber manchmal muss eine Familie dann ein bis drei Tage ohne Betreuung zurechtkommen.“

Weil einige Arbeiterinnen abgesprungen seien, sei es derzeit nicht immer möglich, jemanden zu finden, der allen Wünschen entspreche. Heißt: Die Sprachkenntnis ist mitunter nur auf geringem Niveau, oder ein Nichtraucher muss mit einer Raucherin vorliebnehmen. Natürlich seien auch bei ihm eine Handvoll Betreuerinnen „Hals über Kopf“ nach Polen zurück, als sich die Corona-Krise zuspitzte. „Wir hatten eine Pflegekraft, die komplett durchgedreht ist. Sie ist hilfeschreiend auf die Straße gerannt und hat die Feuerwehr gerufen“, erzählt Schupp. Etwa 20 hingegen hätten ihren Aufenthalt verlängert. Denn wer nach Polen zurückkehrt, muss aufgrund der Einreisebestimmungen erst einmal zwei Wochen in Quarantäne. Normalerweise blieben die Betreuerinnen zwei bis drei Monate, das EU-Entsendungsgesetz erlaubt Aufenthalte bis sechs Monate. Mit Ausnahmegenehmigungen blieben manche Damen aber auch ein ganzes Jahr, erläutert Schupp.

Wie viel verdienen legale Betreuerinnen?

Noch mal zum Verständnis: Die Pflegehilfskräfte aus Polen und Co. sind keine examinierten Krankenschwestern, die die medizinische Betreuung der Senioren übernehmen. „Das machen Pflegedienste hier, mit denen wir auch gut zusammenarbeiten“, berichtet Schupp. Die Betreuer aus Osteuropa seien vielmehr für Körperpflege, Haushalt und Alltagshilfen zuständig. Ein Ansprechpartner, der auch daran erinnere, Medikamente zu nehmen und genug zu trinken oder zu Spaziergängen animiere, erklärt Schupp. Die Pflegekräfte lebten bei den Senioren. Sie nehmen die monatelangen Aufenthalte im Ausland – auch noch in Corona-Zeiten – auf sich, weil sie hier deutlich höheren Lohn bekommen als zu Hause für die gleiche Arbeit.

„Etwa das Dreifache“ zahle ihnen Pflegehelden, gibt Schupp die Richtung seiner Agentur vor. Also deutschen Mindestlohn von 1700 Euro aufwärts, je nach Zuschlägen für besonders gute Sprachkenntnisse oder intensive Nachtbetreuung etwa. Ein persönliches Schicksal hat ihm vor drei Jahren den Anlass gegeben, die Firma zu gründen. „Meine Eltern waren selbst auf Pflege angewiesen“, erzählt Schupp. Weil sie unzufrieden mit ihrer Pflegekraft gewesen waren, habe er sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Denn zwei Punkte will er erfüllt wissen: „Es muss legal sein, und bei den Pflegekräften soll auch Geld ankommen.“

Wie kommt Personal nach Deutschland?

Die Ein- und Ausreise der Betreuungskräfte ist angesichts der Corona-Krise schwieriger geworden. Polen dürften aber weiterhin zu Berufszwecken nach Deutschland einreisen, stellt Schupp klar. Um die Versorgung aufrechtzuerhalten, habe das Franchise-Unternehmen Pflegehelden, das bundesweit 60 Filialen, 23 Kooperationspartner im In- und Ausland und 23.000 gelistete Betreuungskräfte hat, Busreisen organisiert. „Die Leute laufen über die Grenze und werden dann abgeholt und in Bussen zu den Familien gebracht.“ Das birgt natürlich ein hohes Ansteckungspotenzial. Busreisen sind mittlerweile in Deutschland verboten. Es werde nun nach Möglichkeiten des 1:1-Transports gesucht, berichtet Schupp. Auch Verbandsgeschäftsführer Seebohm schlägt Fahrten mit Einzeltaxis vor.

Wie steht es um Schutzvorkehrungen? Schließlich sind die Helfer im ständigen Kontakt mit Risikogruppen. Wer abgeholt werde, bekomme Fieber gemessen, Corona-Tests würden aber nicht gemacht, erklärt Schupp. „Wir empfehlen den Betreuungskräften, Mundschutz zu tragen und sich regelmäßig die Hände zu waschen. Kontrollieren können wir es natürlich nicht“, gesteht Schupp ein.

Seine Eltern waren selbst pflegebedürftig. So kam Ferdinand Schupp die Idee, eine Pflegekräfte-Vermittlung zu gründen.
Seine Eltern waren selbst pflegebedürftig. So kam Ferdinand Schupp die Idee, eine Pflegekräfte-Vermittlung zu gründen.
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