Bad Bergzabern / Annweiler
Pfälzer Esskastanien: Ein Schatz für die Wälder Deutschlands
„Keschde sammle“ gehört in der Südpfalz einfach dazu. Jahr für Jahr strömen im Oktober unzählige Menschen mit großen und kleinen Taschen in den Pfälzerwald, um die begehrten Früchte vom Boden aufzulesen. Zu Hause werden sie dann zuerst geschält und dann zu allerlei Leckereien verarbeitet. Ob als Suppe, im Brot, im Saumagen oder angemacht als Gemüse – die Esskastanie ist in der Küche vielseitig verwendbar.
Zu denjenigen, die in diesen Wochen im Wald unterwegs sind, um Kastanien zu sammeln, gehört Tobias Keller. „Dabei geht es aber nicht um kulinarische Interessen“, erklärt er. „Es geht um die Gewinnung von hochwertigem Saatgut.“ Und davon gibt es in den Wäldern rund um Annweiler und Bad Bergzabern besonders viel, wie der Leiter des Reviers Bad Bergzabern im Forstamt Annweiler erklärt. In der Südpfalz sei die „Keschde“ identitätsstiftend, in großen Teilen Deutschlands ist diese Baumart jedoch ein Exot – noch. Die Nachfrage nach Saatgut der Edelkastanie ist nämlich so hoch wie nie.
35.000 Hektar Wald seit 2018 verloren
Auslöser dafür sind die Extremwetterereignisse der vergangenen Jahre. Vor allem die zunehmende Trockenheit setzt den Wäldern in ganz Deutschland zu. Allein Rheinland-Pfalz hat laut Keller seit 2018 35.000 Hektar Wald wegen Trockenheit und Borkenkäferbefall verloren. „Die Lebensaufgabe vieler Förster ist es, diese Flächen wieder aufzuforsten“, sagt Keller. Und dabei spielt die Edelkastanie eine zentrale Rolle. „Sie gehört zu den Gewinnern des Klimawandels“, erklärt der Revierleiter. „Während Fichte, Buche und Kiefer infolge langer Dürreperioden Probleme bekommen, ist die Edelkastanie wärmeliebend und in gewissem Umfang trockenresistent.“
Wie gut die Bäume in der Region gedeihen, wird am Liebfrauenberg in Bad Bergzabern deutlich. In einem Waldstück etwas unterhalb des ehemaligen Klosters steht Keller vor einem „Plus-Exemplar“, wie er die Kastanie nennt, auf die er zeigt. Und tatsächlich: Müsste man einen Baum malen, würde er wohl so aussehen wie dieser. Der Stamm ist dick und ragt kerzengerade viele Meter in die Höhe. Verzwieselungen, also Gabelungen des Hauptstammes in zwei oder mehr starke Triebe, gibt es nicht. Am Boden unter dem Prachtgewächs liegen noch einige Kastanienigel, deren Inhalt überdurchschnittlich groß ist. Nur aus solch genetisch besonders wertvollen Exemplaren dürfe Saatgut gewonnen werden, erklärt Keller.
Baumschulen aus ganz Deutschland sammeln Saatgut in der Südpfalz
Bewertet wird die Güte der Bäume von einer Expertenkommission. Und deren Urteil fällt im Forstamt Annweiler besonders gut aus. Die hiesigen Kastanienbestände zählten zu den besten Deutschlands, sagt Keller. Deshalb wird in diesem Bereich in großem Umfang Saatgut geerntet. Koordiniert wird das Ganze von Keller, Philipp Neu und Daniel Welke, die als Saatgutbeauftragte im Herbst Hochsaison haben. „Es kommen Baumschulen aus ganz Deutschland hierher, um Kastanien zu sammeln“, erzählt Keller. Es werde unter anderem aus Bayern und sogar aus Kiel angereist.
„Deshalb kommt es auch mal vor, dass ein Auto mit fremdem Kennzeichen im Wald steht“, sagt der Leiter des Reviers Bad Bergzabern. Im Sammelbereich, der genau abgegrenzt ist, könne es auch am Wochenende zu gewissen Beeinträchtigungen für Waldbesucher kommen. Das passiert aber aus gutem, weil wichtigem Grund. „Es geht letztendlich um die klimatoleranten Wälder der Zukunft“, betont Keller. Denn aus den gesammelten Kastanien werden neue Bäume herangezogen, die aus Kahlflächen wieder Waldflächen machen.
Fast jeder zweite Kastanienbaum in Deutschland stammt aus der Südpfalz
Und die Ausbeute ist bemerkenswert. „Die Marke von 25 Tonnen Edelkastaniensaatgut ist bereits überschritten, obwohl die Ernte noch nicht abgeschlossen ist“, berichtet Keller. Damit ist schon jetzt klar, dass 2025 ein Rekord erreicht wird. Die bis dato gesammelte Menge entspreche etwa 3,7 Millionen Kastanienpflanzen, die in den Baumschulen herangezogen werden können, erklärt der Revierleiter. „Mehr als 40 Prozent des deutschen Vermehrungsguts der Edelkastanie – 2024 waren es 43 Prozent – kommen aus dem Forstamtsbereich Annweiler.“ Das heißt: Fast jeder zweite Kastanienbaum, der irgendwo in Deutschland neu herangezogen wird, hat seinen Ursprung in der Südpfalz.
Auch wegen dieser großen Bedeutsamkeit ist Keller die Saatguternte ein Herzensanliegen. Zumal sie eine Win-Win-Situation sei. „Nicht nur von Kahlflächen betroffene Waldbesitzer profitieren von der klimastabilen Baumart, sondern auch ansässige Gemeinden mit anerkannten Saatgutbeständen.“ In seinem Revier sind das Oberotterbach, Dörrenbach und Schweigen-Rechtenbach. Durch den Verkauf des begehrten Gutes erzielen sie laut Keller Erlöse im höheren vierstelligen Bereich.
Apropos Herzensanliegen: Keller ist ein weiterer Punkt im Zusammenhang mit der Kastanienernte wichtig. Er betont, dass die Fläche, auf der gesammelt wird, nur etwa ein Prozent der gesamten Waldfläche des Forstamtes Annweiler ausmache. „Auch wenn wir 25 Tonnen holen: Für alle anderen bleiben noch genügend Keschde zum Einsammeln übrig.“
