Kreis Südliche Weinstraße Naziglocken-Ende eingeläutet
„Wir haben einen Zeitplan“, sagt Susanne Volz (FWG), Ortsbürgermeisterin von Essingen, gestern im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Die Naziglocke im Turm der Wendelinuskapelle soll 2019 abgehängt werden. Sie trägt die Inschrift „Als Adolf Hitler Schwert und Freiheit gab dem deutschen Volk, goß uns der Meister Pfeifer Kaiserslautern“. Nun ist eine zweite Inschrift offenkundig geworden: „Den im Kampf um die nationale Erhebung gefallenen Deutschen zum Gedächtnis.“ Der Satz bezieht sich auf den Hitlerputsch von 1923 in München, auch bekannt als Marsch zur Feldherrenhalle, bei dem 16 Putschisten starben, die in der Nazizeit als „Blutzeugen der Bewegung“ verehrt wurden. Es sind auch erstmals Bilder des braunen Geläuts aufgetaucht (siehe Foto). „Wir wollen mit dem Abhängen der Glocke ein Zeichen gegen Angst und Fremdenhass setzen“, betont der evangelische Pfarrer Richard Hackländer. Die beiden Kirchengemeinden, denen die Wendelinuskapelle gehört, und der Wendelinusverein – er kümmert sich mit der Kommune um deren Unterhaltung – hatten sich nach Bekanntwerden der Nazi-Schriftzüge im vergangenen Jahr für das Abhängen der Glocke ausgesprochen. Sie gehört der Ortsgemeinde Essingen. Der Gemeinderat hatte sich Ende 2017 diesem Votum angeschlossen und dafür gestimmt, die Glocke als Dauerleihgabe dem Historischen Museum der Pfalz in Speyer zu übergeben (wir berichteten). Nach Angaben von Volz und Hackländer soll die alte Glocke im kommenden Jahr abgehängt werden. Anschließend wird der marode Glockenstuhl saniert. Wenn diese Arbeiten fertig sind, soll ein neuer Klangkörper zu Pfingsten eingesetzt werden. Der Glockenturm sei aus Sicherheitsgründen derzeit nicht zugänglich, heißt es. Derweil haben Fachfirmen Angebote eingereicht. Demnach wird die Sanierung des Glockenstuhls rund 17.000 Euro kosten, der Preis für eine neue Glocke wird sich auf rund 10.000 Euro belaufen. Die Kosten für den neuen Klangkörper übernimmt die Evangelische Landeskirche. Zur Finanzierung der Glockenstuhlrenovierung hat der Wendelinusverein eine Spendenaktion gestartet. „Es wird auch Benefizveranstaltungen geben“, sagt Hackländer. Geplant seien etwa ein Fußballspiel zwischen den „Pälzer Parre“ und einer Bürgermeistermannschaft, eine Lesung des Mundartdichters Wilfried Berger und ein Vortrag eines Historikers rund um die Geschichte der Glocke. „Uns geht es darum, die Wendelinuskapelle zu erhalten. Sie ist das wohl älteste Bauwerk in Essingen.“ Recherchen der RHEINPFALZ hatten die Debatte um die Glocke im August 2017 ins Rollen gebracht. Grundlage war ein Buch des Pfarrers und Historikers Bernhard Bonkhoff. Die Glockenbeauftragte der Landeskirche, Birgit Müller, hatte anschließend ein Gutachten zur Essinger Glocke erstellt und empfohlen, diese zu entfernen. „Im Dorf hat es wegen der Entscheidung, die Glocke abzuhängen, keinen Zwist gegeben“, sagt Hackländer. Aber natürlich sei das Geläut Gesprächsthema gewesen. Viele hätten eine emotionale Verbindung zum Klang der Glocke, sie erinnere Menschen an Hochzeiten oder Taufen. „Außerdem wird die Glocke per Hand geläutet, das ist etwas Besonderes“, sagt der Pfarrer. Deshalb falle der Abschied manchen schwer. „Dennoch haben wir uns gemeinsam und aus Überzeugung für das Abhängen entschieden.“ Volz ergänzt, es habe anfangs natürlich Stimmen Für und Wider gegeben, in der Zwischenzeit sei die Diskussion jedoch abgeebbt. Klar sei, dass der Glockenstuhl sowieso hätte saniert werden müssen, weil Gutachter Mängel festgestellt hätten. Deshalb werde die Glocke seitdem auch nicht mehr geläutet. Die Menschen hätten jedoch Interesse an der Glocke, wollten sie sehen. Daher befürworte sie die Leihgabe ans Historische Museum. Dort könne das Geläut ausgestellt und dessen Geschichte von Wissenschaftlern erforscht und beschrieben werden. Die neue Glocke soll dann an Pfingstmontag mit einem ökumenischen Gottesdienst zum Gedenken der Opfer des NS-Regimes eingeweiht werden. Spende Spenden für die Renovierung des Glockenstuhls der Wendelinuskapelle nimmt der Heimatverein St. Wendelinus entgegen. Sparkasse Südliche Weinstraße, Iban: DE39 5485 0010 0000 0707 55, oder VR-Bank Südpfalz, Iban: DE02 5486 2500 0006 0065 23. Auf Wunsch werden Spendenbescheinigungen ausgestellt.