Kreis Südliche Weinstraße Nackte Frauen regen keinen auf

Was war das für eine Aufregung vor fast drei Jahren in Bad Bergzabern: Der Kurparkeingang war für knapp eine Million Euro komplett neu gestaltet worden und wurde im Oktober 2011 feierlich übergeben. Nach heftigen Diskussionen im Stadtrat hatte auch das alte Hein-Halfen-Mosaik des abgerissenen Kurhauses Brehm einen würdigen Platz gefunden. Alles schön, alles gut – wenn da nicht dieser Brunnen gewesen wäre, über den sich aber mittlerweile kaum mehr jemand noch aufregt.
Eine Stunde – so auch der Titel unserer neuen Serie – saß ein RHEINPFALZ-Redakteur an dem einst die Stadt entzweienden plätschernden Gebilde, das einer vom Baum gefallenen, aufgesprungenen Kastanie wohl am ähnlichsten ist. Der Volksmund besagt: Einem geschenkten Gaul, schaut man nicht ins Maul. Das hatten sich wohl auch die Stadtväter gedacht, als sie sich von ihrer Patenstadt Amberg den Brunnen haben schenken lassen, den ein dortiger Künstler entworfen hat. Das Problem war damals nicht so unbedingt die kugelförmige Gestaltung, als vielmehr das Innenleben der „Kastanie“: Unter riesigen Mündern frönen auf der einen Seite nackte Frauen dem Wein, auf der anderen Seite dem Bier. Eine Anspielung auf die Freundschaft zwischen der Weinstadt Bad Bergzabern und der Bierhochburg Amberg. Dort gibt es noch fünf Brauereien Groß war die Aufregung ob der freizügigen Darstellung. Daran stört sich heute kaum mehr jemand, der den Brunnen passiert. Mutter und Sohn bleiben kurz stehen, laufen unberührt nach wenigen Sekunden weiter. Eine Oma schlendert mit ihrer Tochter und Enkelin vorbei. Das einzige, was interessiert, ist das Wasser, die Motive des Brunnens nicht. Auf der Nachbarbank sitzt ein älteres Ehepaar. Eine Bekannte gesellt sich hinzu: „Früher haben wir hier im Park viele Bekannte getroffen, jetzt nicht mehr, merkt die Dame auf der Bank an. Unterdessen herrscht am gegenüberliegenden Thermen-Eingang reger Betrieb. Das bestätigt auch die stellvertretende Geschäftsführerin des dort ansässigen Tourismusbüros, Bettina Bade, die sich in ihrer verspäteten Mittagspause ein Bällchen Eis gönnt und sich zum RHEINPFALZ-Vertreter kurz auf die Bank setzt: „Wir sind selbst ganz erstaunt, wie viel im Moment los ist.“ Unterdessen inspizieren zwei Rentnerpaare den Brunnen. Es werden zwei, drei Sätze untereinander gewechselt. Fertig. Es folgt ein weiteres Paar im fortgeschrittenen Alter. Ein Satz von Mann zu Frau. Ende. Die Stunde ist vorbei an einem Brunnen, der kaum mehr jemanden aufregt. Kunst ist Geschmacksache. (rww)