Hofstätten
Nach Luchs-Angriff: Schutz für verbliebene Tiere dank großer Hilfsbereitschaft
Als Luchs Alfi Anfang Februar auf dem Häuselhof zuschlug, war der Schock groß: Sechs Ziegen und zwei Schafe streckte er durch Kehlbiss hin. Zudem hatte die Hofstätter Familie zwei Totgeburten zu beklagen – vermutlich durch den erlittenen Stress der trächtigen Ziegen ausgelöst. Alfi hatte Anfang des Jahres innerhalb von drei Wochen gleich in drei Orten Weidetiere attackiert. Den Häuselhof hatte es besonders hart getroffen. Der Übergriff war der schwerste dokumentierte Riss seit der Wiederansiedlung des Luchses im Pfälzerwald.
Und der Vorfall passierte auch noch mitten in der Lammzeit. Kurz darauf kamen 17 Zicklein zur Welt. Der Familie war klar: Jetzt ist schnelles Handeln gefragt, um die restlichen Tiere zu schützen. Doch für diesen Kraftakt braucht es Unterstützung. Und die kam. Nur dank vieler helfender Hände sei dieser Kraftakt zu stemmen gewesen, ist Marc Jankowitsch bewusst. Zusammen mit seiner Frau Anke züchtet er in dem kleinen Pfälzerwald-Dorf alte und vom Aussterben bedrohte Nutztierrassen.
Luchs Alfi dezimierte Bestand des Archehofs massiv
Das Luchs-Männchen hatte den Bestand des Archehofs massiv dezimiert. Der Verlust war für die Familie nicht nur wirtschaftlich und emotional schwer zu verkraften, er sei auch für den Erhalt der Artenvielfalt „wirklich dramatisch“, macht Marc Jankowitsch deutlich. Denn es sei sehr schwierig, an neues Genmaterial zu kommen. „Wenn der mir jetzt noch den restlichen Tierbestand reißt, das halte ich im Kopf nicht aus.“
Zusammen mit dem Kluwo (Koordinationszentrum Luchs und Wolf) erstellte seine Ehefrau Anke Jankowitsch einen Zäunungsplan. Die Anlaufstelle des Landes für alle Belange rund um die großen Raubtiere, die durch die rheinland-pfälzischen Wälder streifen, war sofort zur Stelle Stelle und stellte den Haltern Material für erste Schutzvorkehrungen zur Verfügung. So konnten Jankowitschs gleich nach dem Übergriff mit 13 Helfern aus dem Freundes- und Familienkreis schon zwei Weiden umzäunen.
Verein Luchs-Projekt Pfälzerwald/Vosges du Nord hilft betroffenen Tierhaltern
Doch der große Berg an Arbeit stand noch vor ihnen, war den Jankowitschs bewusst. Denn spätestens Ende April, mit dem Beginn der Melkzeit, müssen die Ziegen wieder raus auf die großen Weiden. Die Tiere brauchen frisches Grün, um die Milch zu produzieren, die Anke Jankowitsch in ihrer kleinen Hof-Käserei zu Ziegenkäse verarbeitet.
Der Plan: Der alte, marode Wildgatterzaun sollte verschwinden, ein neuer, stabiler Litzenzaun her. Und dabei würden auch schwer zugängliche Waldstücke und Bachläufe zu überwinden sein müssen. Das Problem: Das Land kommt nach einem Luchs-Übergriff zwar für die Materialkosten auf, die Arbeit muss aber selbst gestemmt werden. Die Familie kontaktierte den Verein Luchs-Projekt Pfälzerwald/Vosges du Nord – ein Netzwerk, das betroffene Tierhalter unterstützt. Und die Hilfe ließ nicht lange auf sich warten. Vorsitzender Karl-Heinz Klein rückte mit 12 freiwilligen Helfern an, die über sieben Tage 111 Stunden harte Arbeit leisteten: Pfähle einschlagen, Litzen spannen, Trassenverlauf anpassen. Sogar ein Luchsfreund aus dem französischen Partnernetzwerk war mit dabei.
Was bringt ein Zaun gegen einen Luchs?
Luchse sind Einzelgänger und vermeiden in der Regel Kontakt mit Menschen. Doch kommt es zu einem Riss, ist Schutz gefragt. Ein sogenannter Litzenzaun gilt als besonders wirksam: Mehrere stromführende Drahtlitzen werden auf Isolatoren gespannt. Entscheidend ist dabei eine Mindesthöhe von 1,20 Metern und die Bodennähe der untersten Litze, um ein Durchschlüpfen zu verhindern.
Laut dem Kluwo gibt es in Rheinland-Pfalz keinen einzigen dokumentierten Luchsriss hinter einem korrekt errichteten Elektroweidezaun. Wichtig sei eine regelmäßige Kontrolle auf Schäden, Spannung und Erdung. Und auch Alfi wurde seit dem Vorfall nicht mehr bei den drei betroffenen Haltern übergriffig oder überhaupt lauernd in der Nähe registriert.
Nach RHEINPFALZ-Artikel: Umzugsfirma packt kostenlos mit an
Wir hatten kurz nach dem Angriff über das Geschehen berichtet. Und der RHEINPFALZ-Artikel blieb nicht ohne Wirkung. Die Neustadter Umzugsfirma Abendland und Bullinger meldete sich daraufhin bei Jankowitsch: Drei Mitarbeiter packten drei Tage lang unentgeltlich mit an und schlugen unermüdlich Hunderte Zaunpfähle in den Boden.
Auch Familie und Freundeskreis ließen die Jankowitschs nicht im Stich. 15 Helfer arbeiteten auf den Flächen mit. Rund 132 Stunden kamen im persönlichen Umfeld zusammen, dazu 72 Stunden von den Umzugsprofis, berichtet Jankowitsch, der einfach nur dankbar für die Welle der Solidarität ist, die der kleine Hof nach dem dramatischen Vorfall erfuhr. Noch ist der Schutzzaun nicht auf der gesamten Sommerweide fertig. Aber das Ende sei in Sicht, sagt Jankowitsch.
Herdenschutz nach Wiederansiedlung des Luchses im Pfälzerwald
Die Wiederansiedlung des Luchses im Pfälzerwald ist ein bedeutendes Artenschutzprojekt. Seit 2016 wurden 20 Luchse freigelassen, Alfi wurde 2018 in Waldleiningen freigelassen. Acht der 18 dokumentierten Luchs-Übergriffe seit Projektstart gehen auf Alfi zurück. „Wir haben nichts gegen den Luchs“, hatte Marc Jankowitsch schon direkt nach dem Angriff deutlich gemacht. Aber es müssten Wege gefunden werden, dass die Nutztiere geschützt würden.
So funktioniert die interaktive Karte:
Wo ist welcher Luchs im Pfälzerwald unterwegs? Wir haben den jeweiligen Bewegungsradius farblich markiert. Klicken Sie einfach in eine Fläche, um zu erfahren, welcher Luchs dort aktiv ist. Zudem sind alle nachgewiesenen Risse von Luchsen auf Nutztiere markiert. Alle Übergriffe von Alfi erkennen Sie an den roten Katzen-Symbolen. Wenn Sie auf die Symbole klicken, erhalten Sie weitere Infos. Sie können die Darstellung vergrößern, indem Sie mit dem Scrollrad Ihrer Maus oder über die Plus/Minus-Symbole links unten in der Karte hineinzoomen. Wenn Sie die Karte auf dem Smartphone benutzen, nutzen Sie dafür zwei Finger.
