Landau / SÜW RHEINPFALZ Plus Artikel Mutter fordert Zuschüsse für Stoffwindeln

Die Landauer Mutter Carolin Stein-Sauter kämpft seit zwei Jahren für eine Förderung für Familien, die Stoffwindeln Einwegprodukt
Die Landauer Mutter Carolin Stein-Sauter kämpft seit zwei Jahren für eine Förderung für Familien, die Stoffwindeln Einwegprodukten vorziehen.

Mit Stoffwindeln sollen Familien Geld sparen und gleichzeitig die Natur schonen. So stellt es sich die Landauer Mutter Carolin Stein-Sauter vor. Und fordert dabei Unterstützung von der Stadt Landau und dem Landkreis Südliche Weinstraße.

Bis vor rund 40 Jahren waren Stoffwindeln im Familienalltag nicht wegzudenken. Ernestine Ben Hassan aus Herxheim beispielsweise wickelte ihre drei Kinder damit. Ihr erstes Kind kam 1964 auf die Welt. „Damals gab es noch keine Pampers. Zumindest bei uns auf dem Dorf nicht“, erzählt die 76-Jährige.

Die Stoffwindeln setzten sich zusammen aus einer kleinen, festen Einlage im Innenteil. Darüber kam eine Mullwindel, die als Dreieck gefaltet wurde. Zum Abschluss eine Gummihose und ein dickerer Mull, ebenfalls gefaltet. Mindestens einmal am Tag kochte Ben Hassan Windeln aus. „Dafür hatte ich extra einen großen, schweren Kessel, den ich kalt aufsetzte.“ Anschließend schrubbte sie die Stoffwindeln mit dem Waschbrett im Badebottich aus. Zum Trocknen hingen die Windeln im Winter über dem Kohleofen.

„Es geht um Abfallvermeidung“

Carolin Stein-Sauter, ebenfalls Mutter, sieht Vorteile in der Nutzung von Stoffwindeln. Sie ist Teil der Herxheimer Einrichtung Naturkind, wo Familien Beratungs- und Betreuungsangebote zur Schwangerschaft, Geburt und den ersten Lebensjahren des Kindes finden. Bei Naturkind ist Stein-Sauter unter anderem für die Windelberatung zuständig. „Es geht im Prinzip um die Abfallvermeidung.“

Wie viel Müll durch Wegwerfwindeln produziert wird, dazu äußert sich die Stiftung Warentest in Berlin gegenüber der RHEINPFALZ: „Ungefähr 5000 Einwegwindeln verbraucht ein Kind, bis es trocken ist“, sagt Redakteur Stephan Scherfenberg. Er betreute den jüngsten Babywindeltest im August vergangenen Jahres. „Bundesweit landen rund 154.000 Tonnen Windeln jedes Jahr im Hausmüll. Das sind ungefähr 15.500 volle Müllautos.“

Einlagen kommen in die Waschmaschine

Rolf Buschmann ist beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Referent im Bereich Technischer Umweltschutz. Wegwerfwindeln würden in manchen Gemeinden zehn Prozent des Restmülls ausmachen, sagt er. Zudem brauche eine Wegwerfwindel aufgrund der Plastikanteile, die sie beinhalte, „400 bis 500 Jahre, um zu verrotten“.

Stein-Sauter berichtet: „Bei Stoffwindeln kann man ein Innenvlies in die Windeln legen, das über den Restmüll entsorgt wird.“ Sie empfiehlt jedoch, groben Schmutz ins Klo zu schütteln. Die Einlagen, die in direkten Kontakt mit Ausscheidungen kommen, werden bei 60 Grad gewaschen. „Die Windeln können mit der Hauswäsche gewaschen werden, Überhosen kommen zur Buntwäsche.“

Kommunen schaffen Anreize für Familien

Wer Stoffwindeln nutzt, schont laut Stein-Sauter nicht nur die Umwelt, sondern spart auch Geld. Eltern würden pro Kind jährlich „zwischen 1500 für 3000 Euro für Wegwerfwindeln ausgeben“ – je nachdem, welches Produkt sie nutzen und wie oft und wie lange sie ihre Sprösslinge wickeln. Den Anschaffungspreis von Stoffwindeln beziffert die Landauerin hingegen auf 150 bis 300 Euro – und in zahlreichen Kommunen in Deutschland werden Familien dabei noch finanziell unterstützt.

In der badischen Stadt Walldorf beispielsweise „erhalten Familien einen Zuschuss für Stoffwindeln von 150 Euro als Starterpaket, zusätzlich in den Folgejahren jeweils 50 Euro“, wie der erste Beigeordnete Otto Steinmann berichtet. Dafür müssten Mütter und Väter einen Antrag ausfüllen und die Rechnung einreichen. Dieser Stoffwindel-Zuschuss gelte nicht nur für Eltern von Neugeborenen und Kleinkindern, sondern auch für inkontinente, pflegebedürftige Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Auch im baden-württembergischen Rheinstetten gibt es einen Stoffwindel-Zuschuss. Die Stadt lässt Familien dann einmalig 50 Euro zukommen.

Haushalt lässt keinen Spielraum für Förderung zu

Und wie sieht es bei diesem Thema in der Südpfalz aus? Vereinzelte Anfragen zur Förderung von Stoffwindeln habe es zwar bereits beim Umweltamt der Stadt Landau und auch bei dem Entsorgungs- und Wirtschaftsbetrieb Landau (EWL) gegeben, informiert Sprecherin Lena Wind. Die Erfahrung zeige aber, dass die meisten Familien eher Einwegwindeln bevorzugen und dafür höhere Kosten in Kauf nehmen. „Dieses individuelle Konsumverhalten würde aus unserer Sicht jedoch nicht oder nur ganz marginal durch eine Förderung für Stoffwindeln verändert werden.“

Hinzu komme, dass das finanzielle Defizit im städtischen Haushalt keinen Spielraum für solch eine zusätzliche, freiwillige Leistung lasse. Alternativ könnte die Förderung zwar durch die Abfallgebühren abgewickelt werden. Doch auch dann sprechen rechtliche Vorgaben dagegen. „Aus den Abfallgebühren dürfen keine Individualförderungen in der Abfallentsorgung finanziert werden“, berichtet Wind. Heißt: Es dürfen nicht alle Gebührenzahler zur Kasse gebeten werden, um einen Zuschuss für eine bestimmte Gruppe zu finanzieren. „Daher sind Mehrwegprämien oder Gutscheine für die Nutzung von Stoffwindeln gebührenrechtlich nicht abbildbar und dürfen in Landau auch nicht über städtische Zuschüsse finanziert werden.“

Windelsäcke für frisch gebackene Eltern

Der Landkreis SÜW stellt Eltern von Neugeborenen einmalig zwölf Windelsäcke kostenfrei zur Verfügung, teilt die Pressestelle mit. Eine Maßnahme, die einem Gebührenwert von etwa 32 Euro entspreche. Auch sonstiger Restmüll, der nicht mehr in die Tonne passt, könne über die Windelsäcke entsorgt werden. Hiervon können also auch Stoffwindel-Benutzer Gebrauch machen. „Eine Änderung dieser Praxis ist nicht beabsichtigt“, teil der Kreis mit.

Was den gesundheitlichen Aspekt betrifft: Sind Stoffwindeln aus ärztlicher Sicht zu empfehlen? Der Landauer Kinderarzt Philipp Wolff teilt auf Anfrage der RHEINPFALZ mit: „Vorbildlich, wer Stoffwindeln nimmt.“ Das machten jedoch nur wenige Familien. Wolff schätzt, dass von 50 Haushalten etwa drei bis vier zu Stoffwindeln greifen. „Stoffwindeln haben keinerlei Nachteile fürs Kind“, stellt der Kinderarzt klar. Bei Wegwerfwindeln käme es im Sommer „vereinzelt zu Ekzemen durch viel Schwitzen im Nässeschutzbereich“.

Info

Carolin Stein-Sauter sammelt Unterschriften für eine Petition, um dadurch Zuschüsse für den Einsatz von Stoffwindeln einzufordern. Interessierte aus Landau und aus dem Landkreis SÜW können sich bei ihr per E-Mail an einfach-familie@web.de melden.

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