Albersweiler
Mit Harry-Potter-Gottesdienst Bergkirche vollgezaubert
Der Treppe hinauf zur Bergkirche in Albersweiler ist gesäumt von zahllosen Kerzen in Windlichtern, von Kürbissen in allen Größen, von magisch wirkenden Gestalten und Fabelwesen. Auf der Wiese neben dem Gotteshaus lodert ein Feuer, vor dem Eingang begrüßen Lord Voldemort und Mitglieder des Lehrkörpers von Hogwarts die in hellen Scharen herauf kommenden Besucher. Der Altarraum ist in violettes Licht getaucht, Nebelschwaden wabern, Spinnen erklimmen die eine Wand, vor der anderen flattern Fledermäuse. Das ehrwürdige Gotteshaus ist kaum wiederzuerkennen.
Als auch wirklich der letzte Platz besetzt ist, ertönt plötzlich die berühmte Harry-Potter-Titelmusik, und langsam erstirbt das allgemeine Geschnatter, viele summen leise die Melodie mit. Viele Eltern sind mit ihrem Nachwuchs zu diesem ganz besonderen Gottesdienst gekommen, auch für nahezu alle Konfirmandinnen und Konfirmanden zwischen Hauenstein und Herxheim wurden Mitfahrgelegenheiten organisiert. Lord Voldemort in Gestalt von Pfarrer Thomas Lang aus Annweiler eröffnet den Gottesdienst mit einigen urkomischen Wortkonstruktionen aus den berühmten Romanen und begründet dies damit, dass ein bisschen Quatsch der Seele gut tue. Er wünscht allen Beteiligten einen Abend voller magischer Momente. Fluglehrerin Madame Rolanda Hooch, vulgo die für Albersweiler zuständige Pfarrerin Andrea Cordas, bestätigt die an diesem frühen Abend schon oft gemachte Erkenntnis: Ja, es ist wie mindestens Ostern und Weihnachten zusammen, die Kirche so voller Menschen zu sehen. Sie ist ganz sicher, dass sich auch Gott freut über so viele Besucher, und dass die vielen schönen Momente, die alle erwarten können an diesem Abend, ein Augenzwinkern Gottes seien.
Zaubersprüche ähneln Gebeten
Dann tritt Harry Potter vor den Altar, ansonsten eher bekannt als Pfarrer Stefan Mendling, in der Landeskirche zuständig für Gottesdienste mit Kindern und Familien. Die „magischen Momente“, die zu erwarten sind, besingt er dann auch, wobei er sich selbst auf der E-Gitarre begleitet, und viele der Konfirmanden singen leise mit. Er habe immer gedacht, er sei ein ganz „normaler“ Muggel, wie alle anderen auch, erklärt der Pfarrer der Gemeinde, aber in Hogwards habe er sehr viel Neues gelernt, wie die jungen Leute auch im Konfirmationsunterricht.
Dann gibt es einen Test: Er zitiert, assistiert von „Hermine“ und „Ron“, seine Lieblingszaubersprüche und es zeigt sich, dass man sie auch quasi als Bitten um Schutz, um Hilfe, um Beistand sehen kann – Gebeten nicht unähnlich. Voldemort erklärt den Kindern, dass er, das Böse also, Harry nicht wirklich töten konnte, weil sein mächtigster Schutz die Liebe war. Liebe besiegt die (böse) Magie. „Ihr alle seid auch geliebt, Gott liebt euch“, versicherte er den Kindern. Und Harry Potter ergänzt: „Ich habe das erlebt, Liebe ist das Größte im Himmel und auf Erden.“
Viele Parallelen in beiden Büchern
Nach einem weiteren fetzigen Song, der die Liebe und die Freude am Leben beschreibt, testet „Harry Potter“ noch das Wissen der Anwesenden rund um seine Person. Er zitierte Sätze und Sprüche und will wissen, wo es steht: in den Romanen oder in der Bibel? Verblüffend, wie oft die Antwort lautet: in beiden! Als Belohnung für die meist richtigen Antworten wirft Mendling kleine goldenen Pralinenkugeln, Pardon: „Schnatze“, in die Menge, die begeistert aufgefangen werden. Als letztes eine Frage, die für allgemeine Verblüffung sorgt: Wer glaubte an Einhörner? Martin Luther, Harry Potter oder St. Martin? Richtige Antwort: alle! Aber wirklich reinlegen lassen sich die jungen Leute mit der allerletzten Frage nicht: „Möge die Macht mit dir sein“ stammt aus einem anderen Film!
Zu einem Gottesdienst gehört natürlich auch das Gebet, und so endet auch dieser doch so ganz andere Gottesdienst mit dem gemeinsam gesprochenen „Vater unser“ und dem Schlusssegen. Pfarrerin Cordas bedankt sich bei allen für ihr Kommen, aber vor allem bei dem großen Team von Helfern, die die aufwendigen Vorbereitungen getroffen und Dekorationen gestaltet haben. Sie dankt den Helfern von der Feuerwehr und dem DRK, die für die Sicherheit aller an diesem Abend Sorge tragen und den Sponsoren, die das Event großzügig unterstützt haben. Und nicht zuletzt bittet sie darum, dass am kommenden Morgen ab 10 Uhr auch viele Helfer zum Abbau der Kulissen in die Bergkirche kommen. Hoffentlich hatte sie dafür den passenden Zauberspruch parat ….
Die großen Fragen von gut und böse
Der magische Abend war damit aber noch nicht zu Ende, alle Teilnehmer konnten noch tief in die Welt von Harry Potter eintauchen. Zuerst drängten sich die meisten vor den Kammern rechts und links vom Altar, wo Kräutertee zu Zaubertrank und Laugenstangen zu Zauberstäben mutiert waren. An vielen Stationen konnte man basteln oder malen, Puzzle legen oder Buttons pressen. Am interessantesten war jedoch der Weg an den Wänden entlang, hier waren Zitate aus den Harry-Potter-Büchern Texten aus der Bibel gegenübergestellt, und die Übereinstimmungen waren sehr deutlich. Dafür interessierten sich überwiegend die Erwachsenen, die Jugend hatte mehr Spaß an dem anderen reichhaltigen Angebot. Wenn man allerdings die Konfirmanden fragte, ob sie jetzt öfter einen Gottesdienst besuchen würden, erhielt man in der Regel die teenager-typische Antwort „Weiß nicht“.
Manche mögen Blasphemie darin erkennen, Harry Potter ausgerechnet in eine Kirche zu verlegen und einen Gottesdienst mit der weltberühmten Geschichte des jungen Zauberers zu verbinden. Doch das ist recht vorschnell geurteilt, wird schnell erkennbar, wenn man sich auf das Thema einlässt. Harry lernt in Hogwarts, dass Empathie und Mitgefühl wichtiger sind als Machtgier, dass Hilfsbereitschaft und Freundschaft für Zufriedenheit sorgen, dass man sich immer selbst entscheiden muss, das Gute zu wählen und dem Bösen zu widerstehen. Die Bibel lehrt nichts anderes.