Offenbach / Insheim RHEINPFALZ Plus Artikel Mit enormer Willenskraft meistert Anne-Sophie Perrin ihr Leben

Ein eingespieltes Team: Anne-Sophie Perrin und Tatjana Sieghold, ihre Begleiterin während der Arbeitszeit.
Ein eingespieltes Team: Anne-Sophie Perrin und Tatjana Sieghold, ihre Begleiterin während der Arbeitszeit.

Die junge Frau kann nicht sprechen, kann ihre Arme und Beine nicht kontrolliert bewegen. Sie sitzt im Rollstuhl. Doch Anne-Sophie Perrin ist eine beeindruckende Persönlichkeit mit Selbstbewusstsein, die sich trotz der gravierenden Handicaps ihren Platz im Leben erobert hat.

Die Insheimerin lebt mit einer Cerebralparese. Das ist eine frühkindliche Gehirnschädigung, die dazu führt, dass Arme und Beine gelähmt sind, und dass sich die Muskeln verkrampfen. Über ihre Bewegungen hat Anne-Sophie Perrin keine Kontrolle; Tetraspastik lautet der Fachausdruck dafür. Und dennoch begibt sie sich täglich zur Arbeit in die Südpfalzwerkstatt in Offenbach. Wie kann man mit solchen Beeinträchtigungen arbeiten? Die Bewegung ihrer Augen ermöglicht es der 20-Jährigen, am PC tätig zu sein. Sie entwirft individuelle Glückwunschkarten.

Anne, wie sie gern genannt werden will, hat sich gewünscht, dass die RHEINPFALZ über sie berichtet. Denn sie will vermitteln, dass Menschen mit Behinderung etwas leisten können. Dass vieles möglich ist, auch wenn der Körper nicht so funktioniert, wie es der Norm entspricht.

Spezialcomputer hilft im Alltag

Wir besuchen Anne an ihrem Arbeitsplatz. In einer großen hellen Halle, in der auch andere arbeiten, sitzt sie vor ihrem „Tobii“, der am Rollstuhl auf Augenhöhe befestigt ist. Das ist ein kleiner Spezialcomputer für Blickerfassung und Augensteuerung. Mit Hilfe der Augensteuerung kann Anne nicht nur ihre Arbeit erledigen, sondern auch mit anderen Menschen kommunizieren. Sie fixiert auf einer Tastatur einen roten Punkt, der sich mit den Augen bewegen lässt, um eine Buchstabenfolge oder vorprogrammierte Worte und Sätze anzuklicken. Auf einem Display erscheint, was Anne mitteilen will, eine freundliche Automatenstimme bringt die gleiche Aussage zu Gehör. „Ohne meinen Tobii kann ich nicht leben“, blinkt auf dem Display auf. Zwölf Jahre, so gibt sie zu verstehen, hat sie geübt, um die Augensteuerung zu beherrschen.

Zuvor ist die Besucherin freundlich begrüßt worden. „Ich freue mich. Schön“, lässt Anne den Spezialcomputer sagen. Neben dem hilfreichen Gerät gibt es aber auch menschliche Assistenz: Tatjana Sieghold ist als Begleiterin während der Arbeitszeit immer an der Seite der jungen Frau. Die 53-Jährige, die jahrzehntelange Erfahrung im pflegerischen Umgang mit Menschen hat und große Herzlichkeit ausstrahlt, kümmert sich um alles, was Anne nicht selbstständig tun kann. „Ich bequatsch und betüttel sie“, lacht Tatjana Sieghold. „Ich bin Mädchen für alles, zum Kümmern, aber auch zum Blödsinnmachen.“ Wenn Anne-Sophie Perrin sich zu stark verkrampft, legt Sieghold beruhigend die Hand auf ihren Arm. „Cool bleiben, durchatmen“, sagt sie. Eine besonders wichtige Aufgabe der Begleiterin ist, auf regelmäßige Pausen zu achten. Die Arbeit mit den Augen erfordert höchste Konzentration, ist sehr anstrengend. Nach einiger Zeit ist Anne erschöpft und macht dann natürlich mehr Fehler.

Nur Einser und Zweier im Zeugnis

Die junge Frau ärgert sich, wenn ihr Fehler unterlaufen. Deswegen hat sie ein paar deftige Schimpfwörter programmiert. Wenn sie ihrem Ärger Luft macht, spricht der Tobii sogar pfälzisch. „Du Affezibbel“, „Du Dummbeidel“ tönt es dann durch den Arbeitsraum. Und zur Bekräftigung: „Ajo“. Die „dumme Kuh“, die sich auf Annes Schimpfwortskala fand, war Tatjana Sieghold allerdings zu viel, weshalb jetzt auf dem Display stattdessen „Du unwissende Weidedame“ erscheint. Darüber amüsieren sich die beiden Frauen köstlich.

Während ihre Assistentin etwas erklärt, meldet sich Anne-Sophie Perrin immer wieder zu Wort. „Ich habe den Hauptschulabschluss. Nur Einser und Zweier. Ich bin nicht dumm“, steht auf dem Monitor. Intelligenz und eine enorme Willenskraft sind die Voraussetzung für diesen schulischen Erfolg und ebenso für den Schritt ins Berufsleben. In der Südpfalzwerkstatt der Lebenshilfe absolvierte Anne vier verschiedene Praktika, um herauszufinden, wie und wo sie am besten arbeiten kann. Eine Weile hat sie Begleitzettel für Paletten mit Zahlen ausgefüllt. Auf die Dauer sei das aber langweilig gewesen.

Anne entwirft Karten für festliche Anlässe

Schließlich wurde durch einen Zufall entdeckt, wie gut Anne Karten für festliche Anlässe gestalten kann. Ganz individuell auf den Empfänger oder den Einladenden zugeschnitten, kombiniert sie verschiedene Motive, sucht die passenden Schriftarten dazu aus und fügt sie zusammen. Zum Schluss wird ihr Logo platziert, sozusagen die persönliche Signatur. Unerlässlich ist für sie bei dieser Arbeit die Mausleiste auf dem Computer. Was andere Menschen mit der Maus steuern, dirigiert sie auf der Leiste mit den Augen.

Wer die fertigen Karten sieht, erkennt, dass die junge Frau kreatives Talent hat. Kein Wunder. „Mein Papa ist Künstler. Maler“, teilt sie mit. Ihren Eltern verdankt sie nicht nur ihre Begabung, sondern wohl auch Willenskraft und Selbstbewusstsein. „Ihre Mutter achtet sehr darauf, dass sie eigenständig lebt“, berichtet Tatjana Sieghold, „alle Entscheidungen über ihr Leben trifft allein die Anne.“

Nächstes Jahr hält sie einen Vortrag an der Uni

Das gilt auch für die Freizeitbeschäftigungen. Was macht sie am Liebsten? CDs hören, Freunde treffen, gibt sie die Antwort. Und: „Fernsehen – cool.“ Vor allem aber Reisen. Einmal im Jahr reist die Tochter einer Pfälzerin und eines Franzosen in die Bretagne.

Anne-Sophie Perrin verkriecht sich nicht, sie geht immer mal wieder an die Öffentlichkeit. Der SWR berichtete schon über sie, als sie noch ein Kind war. 2015 erarbeitete sie gemeinsam mit ihrer Mutter einen Vortrag, den sie Tobii diktierte und einspeicherte, um ihn dann auf der Karlsruher Rehab, einer internationalen Fachmesse, darzubieten. In der Unternehmenszeitschrift der Firma Rehavista, die Hilfsmittel für sprachbeeinträchtigte Menschen herstellt, berichtete sie in einem Interview über ihre Erfahrungen mit dem kleinen Spezialcomputer.

Zurzeit bereitet Anne zusammen mit ihrer Mutter wieder einen Vortrag vor, den sie mit Hilfe des Tobii im Februar nächsten Jahres in der Universität Landau präsentieren wird. Ihre frühere Deutschlehrerin hat das vermittelt. Das Thema liegt auf die Hand: Die junge Frau will öffentlich darstellen, was Menschen mit Behinderung leisten können. Sie selbst ist das beste Beispiel dafür.

x