Südpfalz
Minus 115 Grad: Eiseskälte soll Schmerzen ausschalten
Blutdruck messen. Ausziehen, Schmuck ablegen, rein in den Bikini. Eine Maske, wie man sie zu Corona-Zeiten täglich getragen hat, schützt die Lunge von Karina Hesz-König vor der extremen Kälte. Denn davon wird sie gleich umhüllt sein. Die Südpfälzerin trägt zum Schutz vor der Kälte auch eine Mütze, Handschuhe und gefütterte Stiefel. Nachdem „das Outfit“ sitzt, schnauft sie noch einmal tief durch. Dann geht es los.
Zunächst begibt sich Karina Hesz-König durch eine Tür in einen Vorraum, der etwa minus 25 Grad kalt ist. Sie befindet sich nun noch einen Schritt entfernt von der Kältekammer (minus 115 Grad). Nach kurzer Akklimatisierung geht es schließlich weiter in den nächsten Raum. Aus der Eisbox quillt eisiger Nebel. Trockene Kälte schlägt ihr ins Gesicht. Karina Hesz-König geht in den großen Kasten hinein. In der Hand hält sie ein Walkie-Talkie, mit dem sie mit einer Therapeutin verbunden ist.
Durch den Nebel sieht man sie zunächst nicht mehr, doch nach ein paar Sekunden wird durch die Glastür sichtbar, dass die Südpfälzerin ständig in Bewegung ist. Es sieht aus, als würde sie tanzen, was sie wohl auch macht, allerdings ohne Musik. Drei Minuten muss sie die eisige Kälte aushalten. Über das Walkie-Talkie erhält sie alle 30 Sekunden die Auskunft, wieviel Zeit noch übrig ist. Als Sie rauskommt ist ihre Gänsehaut nicht zu übersehen. Ihre Haut ist eiskalt.
Chronische Rückenschmerzen
Es ist nicht das erste Mal, dass Karina Hesz-König im Reha-Med-Gesundheitspark in Herxheim in der Kältekammer steht. Im Rahmen der Studie muss sie sechs Mal in der Kälte ausharren. Dass sie diese Form der Schmerzbehandlung gewählt hat, hat eine Vorgeschichte. Die 33-Jährige aus Kandel hat chronische Rückenschmerzen. Seit ihrer Kindheit hat sie eine Skoliose – also eine seitliche Krümmung der Wirbelsäule. „Ich bin schief“, sagt Karina Hesz-König und macht deutlich, dass damit körperliche Beschwerden verbunden sind. Sie erzählt, dass sie teils starke Verspannungen im Schulter- und Rückenbereich habe, die vor allem bei kälteren Temperaturen auftreten.
Wenn es ganz schlimm wurde, habe sie auch immer mal wieder Spritzen gegen die Schmerzen bekommen. Sie sei auch bei Orthopäden und Osteopathen vorstellig geworden, habe Einlagen getragen. „Da habe ich mich nicht wohlgefühlt. Das habe ich auf Dauer als unangenehm empfunden“, erzählt sie. Gegen ihre chronischen Schmerzen habe dies alles nicht geholfen.
Beruflich sitze sie viel am Schreibtisch, aber im Alltag fehle es ihr als Mutter von drei Kindern oft an der Zeit, um beispielsweise regelmäßig ins Fitness-Studio gehen zu können. So könne sie nicht mit einem gezielten Training gegen ihre Rückenschwäche ankämpfen. Den Gang in die Eisbox empfinde sie inzwischen als eine echte Alternative.
Auf Instagram aufmerksam geworden
Auf die Ganzkörperkältetherapie sei sie zufällig im sozialen Netzwerk Instagram aufmerksam geworden. Für die Studie im Reha-Med-Gesundheitspark in Herxheim, bei der es um die Wirksamkeit der Kälte in Sachen Schmerzlinderung geht, seien noch Leute gesucht worden. „Ich hatte Respekt davor. Aber ich habe mich dann entschieden es zu machen und es bisher auch nicht bereut.“ Und das hat vor allem einen Grund, wie Karina Hesz-König gegenüber der RHEINPFALZ berichtet. Die Eiseskälte, die die Durchblutung fördere, lindere ihren Schmerz. „Ich spüre eine Verbesserung, seitdem ich es mache“, sagt die Frau aus Kandel. Als positiven Nebeneffekt wertet sie die Tatsache, dass Sie pro Sitzung etwa 500 Kalorien verbrennt. „Der Körper ist am Arbeiten.“
Fragebogen ausfüllen
Durchgeführt wird die Studie von der Studentin Luca Ament aus Bretten. Sie hat im Oktober ihr Staatsexamen gemacht an der SRH Universität in Karlsruhe. Nun schreibt sie an ihrer Bachelor-Arbeit, die sie im Februar abgeben wird – Teil davon ist auch eine Studie zur Kältetherapie. Insgesamt nehmen an der Studie sieben Personen Teil.
Karina Hesz-König ist die jüngste, die anderen Teilnehmer, die ebenfalls chronische Rückenschmerzen haben, sind älter als 50 Jahre. Vor dem Start der Studie mussten alle einen Fragebogen ausfüllen und sich neben Angaben zur eigenen Gesundheit auch zu den Themen Schmerzempfinden und Lebensqualität äußern. Nach Ende der Therapie müssen die Teilnehmer Teile des Fragebogens erneut ausfüllen. Hilft die Kälte tatsächlich gegen die Schmerzen: „Man wird das Ergebnis abwarten müssen“, sagt die Studentin.
Feld wissenschaftlich kaum erforscht
Der Landauer Tobias Erhardt ist Professor für Therapiewissenschaften. Er leitet den Studiengang Physiotherapie an der SRH Universität. Er ist der erste Gutachter der Bachelor-Arbeit von Luca Ament. Die derzeitige Studienlage zu den (Langzeit-)Effekten der extremen Kälte auf den Körper ist seinen Angaben zufolge dünn. „Es gibt nur wenige Untersuchungen“, sagt er. Das Feld sei wissenschaftlich kaum erforscht, auch wenn es Indizien gebe, die auf positive Effekte, die von der Kälte ausgehen, hindeuten. Um beurteilen zu können, ob sie aber tatsächlich bei Gesundheitsproblemen hilft und das Wohlbefinden längerfristig steigert, sei die Datenlage bis dato zu dünn. Vielleicht könne die Studie von Luca Ament zu weiteren Forschungen anregen. Dies werde man entscheiden, wenn die Ergebnisse der Bachelor-Arbeit vorliegen.