Kreis Südliche Weinstraße Menschliches Schlachtvieh

91-93465994.jpg
Herxheim. Es gibt ziemlich viele schöne Orte in der Pfalz, warum siedelt man sich ausgerechnet in Herxheim an?

Bauern haben gute Gründe, sich in Herxheim anzusiedeln. Der Boden ist dort ausgesprochen gut. Das wussten die Menschen vor 7000 Jahren auch schon. Östlich des Rheins gab es bereits 200 Jahre früher die ersten sesshaften Bauern, um 5300 vor Christus kamen sie auch in die Pfalz. Sonntag wird der erste Band mit Forschungsergebnissen vorgestellt, welche neuen Erkenntnisse gibt es? Dieses erste Buch ist ein Teil der Gesamtauswertung der Herxheimer Ausgrabungen. Es wird die Forschungsgeschichte dargestellt, die ein Thriller ist. Normalerweise ist die Forschungsgeschichte der langweiligste Teil in einem Buch. In Herxheim ist sie spannend, denn da geht es von Massenmord über Kannibalismus bis hin zu Sekundärbestattungen. Die richtig neuen Erkenntnisse sind die, die dieses doppelte Erdwerk um die Siedlung angehen, in dem die wichtigen Menschenfunde gemacht wurden. Wir gingen jahrelang davon aus, dass der Doppelgraben eine Baustelle über mehrere Jahrhunderte war. Wir wissen heute dank der akribischen Auswertung von Fabian Haack, dass das so nicht stimmt. Tatsächlich handelt es sich um zwei tiefe Gräben, die aus langen Grabenteilen bestehen – und sie wurden in kurzer Zeit eingegraben und wieder verfüllt. Es gab ein Ritual, bei dem Menschen zerstückelt und Artefakte zerschlagen wurden. Die Reste wurden in den Gräben deponiert, dann kam sofort Erde drauf. Waren solche Rituale üblich? In der Größenordnung, in der in Herxheim zerschlagene menschliche Skelette, mit zu Schalen zugerichteten Schädeln vorliegen, gab es so ein Szenario in der gesamten Frühgeschichte Europas nicht. Es wurden sehr viele Siedlungen dieser ersten Bauernkultur gefunden: vom Pariser Becken bis zur Ukraine. Dort gibt es immer mal wieder manipulierte, also von Menschen bearbeitete Menschenknochen. Aber nicht in einer solchen Menge wie in Herxheim. Wir müssen hier von mehr als tausend geopferten Menschen ausgehen. Man hat eine ganze Bevölkerungsgruppe von jung bis alt einfach hingemäht. Wurden die Leute bestattet? Nein, das waren keine Bestattungen. Das war Ritualabfall. Genauso wie die Scherben von Tongefäßen, die man weggeworfen hat, oder die absichtlich zerschmetterten Steinbeile, hat man die zerschlagenen Skelettreste der Menschenopfer in die beiden Gräben geschüttet. In einer Fundstätte gibt es beispielsweise 13 Schädeldächer, aber nur ein einziges Becken, also wurden nicht die Überreste vollständiger Skelette zusammen deponiert. Früher glaubte man noch, es habe sich um einen Ahnenkult gehandelt. Ja, das sieht man auch in unseren ersten Publikationen. Die Einschätzung änderte sich erst, als man in einem zweiten Teil der Ausgrabungen, den die Gemeinde fast vollständig finanziert hat, den französischen Archäologen Bruno Boulestin hinzugezogen hat. Der hat zuerst gesagt: Man muss die Skelette von dem Kalk, der sich angelagert hat, befreien. Nachdem wir diesen entfernt hatten, konnte man erkennen, dass sehr viele Schnittspuren auf den Knochen sind und dass die Knochen im frischen Zustand zerschlagen wurden. Das heißt, Menschen wurden getötet, dann hat man sie entfleischt und zerlegt – wie Schlachtvieh. Er hat auch viele Argumente für Kannibalismus gefunden. Es gibt auch Dinge, die bei Kannibalismus normalerweise nicht gemacht werden, zum Beispiel die Abtrennung der Schädeldächer. Das muss man nicht tun, wenn man das Gehirn essen will. An das Gehirn kommt man problemlos über das ja bereits vorhandene Hinterhauptloch. Die gefundenen Keramiken deuten auf eine Ansiedlung hin. Lebten die Bandkeramiker an Ritualplätzen? In Herxheim haben schon weit vor dieser Ritualgeschichte Menschen gelebt, das wissen wir aus den Abfallgruben, die zu einer Siedlung gehören. Die letzte Phase dieser Kultur dauerte etwa von 5000 bis 4950 vor Christus. Danach gab es in Herxheim für ein paar hundert Jahre keine Besiedlung mehr. Diese Kultur endet aber nicht nur hier in Herxheim, sondern in ganz Europa sozusagen zeitgleich mit dem Ende der Ritualhandlungen in Herxheim. Was hat denn zum Abrutschen ins Bestialische geführt? Von „Bestialisch“ kann man sicher nicht sprechen, das würden wir nur aus unserer heutigen Sicht so ausdrücken. Es geht ja hier nicht nur um das Töten der Menschen – und vielleicht auch die Verspeisung ihres Fleisches im Ritual – dazu kommt die Unkenntlichmachung. Seien es Menschen oder wertvolle Keramiken. In den Ritualen wurden die schönsten bandkeramischen Gefäße, die wir kennen, zerschlagen. Alles was wertvoll war, wurde zerstört – und eben auch menschliches Leben, das Wertvollste, das es gibt. Es ist ein Extremritual. Wir kennen keinen anderen Fall, in dem mit Menschen oder Dingen so umgegangen wurde. Vielleicht um ihr Schicksal zu ändern, die Götter zu besänftigen, wir wissen es nicht. Wir sind am Ende einer Kultur, das ist eine ideologische Krise. Die Handlungen passierten in einem kurzem Zeitraum, wir kennen keine Vorläufer oder Nachfolger dieses Rituals – es ist einzigartig. Aber: Dahinter steht eine Geisteshaltung, die genauso weit entwickelt war wie unsere heutige. Nur verläuft sie in ganz anderen Bahnen. Das sind keine wilden Barbaren, die ihre Nachbarn auffressen. Sondern Leute, die gezielt nach Normen und Regeln ein extremes Ritual veranstalten. Das ist eine andere Weltsicht, man sollte sie nicht abwerten oder als barbarisch bezeichnen – im Gegenteil. Welche Bedeutung hat die Forschung für Sie persönlich? Ich habe schon viele spannende Grabungen begleitet, aber so etwas vollkommen Außergewöhnliches und für uns auch geistig kaum Nachvollziehbares habe ich noch nie erlebt. Dazu kommt, dass nach zwölf Jahren noch so viel offenbleibt. Wir dachten, wir kennen die Bandkeramiker, und dann kommt Herxheim und zeigt uns, dass wir nur ein Puzzlestück eines Weltbildes kennen. Was erwartet die Besucher am Sonntag im Herxheimer Museum? Wir werden das Buch vorstellen. Natürlich werde ich da keine Passagen vorlesen. Der Inhalt wird verständlich zusammengefasst – um den Herxheimern zu zeigen, in welchem außergewöhnlichen Ort sie leben. Info Das von Andrea Zeeb-Lanz herausgegebene Buch „Ritualised Destruction in the Early Neolithic. The Exceptional Site of Herxheim.“ wird am Sonntag um 15 Uhr im Museum Herxheim vorgestellt. Eintritt frei. | Interview: Falk Reimer

91-93465990.jpg
x