Hermersbergerhof RHEINPFALZ Plus Artikel Massive Baumfällungen im Pfälzerwald: Das steckt hinter dem Kahlschlag

Revierförster Helmut Adam und Forstamtsleiterin Lisa-Marie Zeigner erklären, was hinter den Baumfällungen. Im Hintergrund der Wa
Revierförster Helmut Adam und Forstamtsleiterin Lisa-Marie Zeigner erklären, was hinter den Baumfällungen. Im Hintergrund der Waldrand – Stein des Anstoßes.

Ein Kahlschlag inmitten des Pfälzerwalds sorgt für Protest. Aber der Forst verfolgt dabei ein Ziel, das viele nicht erwarten. Was steckt hinter dem umstrittenen Eingriff?

„Massive Rodungen am Hermersbergerhof. Alle Bäume auf dem Foto sollen auch noch gefällt werden, es steht dann kein einziger Baum mehr“, schreiben Isabelle und Michael Schwartz empört an die RHEINPFALZ. Sie bitten die Redaktion, der Sache nachzugehen – und schicken zahlreiche Fotos mit: Aufnahmen, auf denen Baumstämme zu hohen Poltern im Wald aufgetürmt sind und Forstmaschinen tiefe Furchen in den Boden gegraben haben.

Der Harvester hat tiefe Spuren im Waldboden hinterlassen.
Der Harvester hat tiefe Spuren im Waldboden hinterlassen.

Protest gegen Baumfällungen: Anwohner fordern Aufklärung

„Der Harvester macht den Waldboden kaputt – tote Landschaft“, ärgern sie sich. „Die schöne Aussicht ist auf Jahrzehnte zerstört. Was soll das für ein Biosphärenreservat sein?“, fragen sich die Bewohner der höchsten Siedlung der Pfalz, die abgelegen inmitten des Pfälzerwalds liegt und nur aus einer Handvoll Häusern besteht. Die Menschen hier schätzen die Ruhe und lieben die Natur. Was der Forst in den vergangenen Wochen vor den Toren des kleinen Weilers gemacht hat, kann Familie Schwartz nicht nachvollziehen. Was steckt hinter der großen Baumfällaktion? Wir haben beim Forst nachgehakt.

Gesperrter Forstweg am Hermersbergerhof: Auf der Fläche dahinter laufen sowohl Fällungen als auch Neupflanzungen.
Gesperrter Forstweg am Hermersbergerhof: Auf der Fläche dahinter laufen sowohl Fällungen als auch Neupflanzungen.

Tiefer Nebel hängt über dem Hermersbergerhof, als wir uns an diesem Morgen mit Forstamtsleiterin Lisa-Marie Zeigner und Förster Helmut Adam treffen. Am Ende der Ortsstraße versperrt ein Tor den Weg in den Wald. „Aber das ist nur, damit niemand unbefugt reinfährt“, erklären die beiden. Fußgänger können am Seiteneingang durch. Adam ist seit einem Jahr Revierförster für den Hermersbergerhof und Hofstätten und er sagt: „Das, was wir hier gemacht haben, läuft nicht unter Holzernte, sondern ist Naturschutz.“

„Das ist Naturschutz“ – Forst erklärt die Kahlschlagflächen

Oha. Wie meint er das denn? „Das Erste, das mir aufgefallen ist, als ich hier ankam, waren die Waldränder, die Pipeline und Stromleitungen, an denen der Wald wie eine Mauer beginnt.“ Das sei nicht förderlich für die Artenvielfalt, erklärt der Förster, der zuvor bei der Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft Rheinland-Pfalz (FAWF) in Trippstadt in der Abteilung für Naturwaldreservate und Biodiversität tätig war. Sein Ziel: den Wald artenreicher und klimastabiler machen. An der Stelle, die jetzt noch wie ein großer Kahlschlag aussieht, geschehe genau das.

Revierförster Helmut Adam und Forstamtsleiterin Lisa-Marie Zeigner erklären, was hinter den Baumfällungen. Im Hintergrund der Wa
Revierförster Helmut Adam und Forstamtsleiterin Lisa-Marie Zeigner erklären, was hinter den Baumfällungen. Im Hintergrund der Waldrand – Stein des Anstoßes.

Nicht nur im Norden des Ortes, sondern an sieben Stellen im Revier – vier bei Hofstätten, drei rund um den Hermersbergerhof – laufen ähnliche Arbeiten. „Auf allen Flächen werden wir für eine stufenmäßige Waldrandgestaltung sorgen“, sagt Adam. Sprich: Dort, wo jetzt nur noch Wurzelstöcke vom alten Baumbestand zeugen, soll es bald wieder blühen – aber mit Konzept. Im vorderen Bereich werde ein Blühstreifen angelegt, dahinter würden Bäume gepflanzt. Beides noch in diesem Jahr, versichert Adam.

Altlast Douglasien: Hagelschlag von 1999 als Ursache

Die Douglasien, die jetzt am Waldrand entfernt wurden, gehen noch auf Hagelschlag 1999 zurück, wie Forstamtsleiterin Zeigner erklärt: „Die waren vorgeschädigt und hatten Faulstellen. Zudem sind Douglasien keine heimische Baumart.“

Statt auf große Nadelholzflächen setzt der Forst nun auf Mischwald. Vielfalt im Wald mache diesen resistenter gegen den Klimawandel und Schädlinge. Deswegen werden am Waldrand bald 17 verschiedene bienenfreundliche (Laub-)Baumarten zu finden sein. Durch den gestuften Aufbau mit mehr Sonneneinstrahlung und durchmischten Pflanzen profitieren Insekten, erklärt Adam.

Insektenfallen sollen Erfolg zeigen – Biotope entstehen

Um dies zu belegen, standen bis vor einem Monat Insektenfallen an den sieben Waldrandflächen. 300 Arten konnten bereits gezählt werden. „Nach der Aufwertung hoffen wir auf deutlich mehr.“ Das gesamte Projekt werde wissenschaftlich von der FAWF begleitet und sei mit der Unteren Naturschutzbehörde beim Landkreis abgestimmt.

Hier der Waldrand vor den Baumfällungen.
Hier der Waldrand vor den Baumfällungen.

Die Äste und Zweige aus den Fällungen bleiben als Reisighaufen am Waldrand liegen. „Die dienen Igeln und Amphibien als Unterschlupf.“ Gepflanzt wird dann dazwischen. Zudem sei geplant, Steinhaufen anzulegen. „Durch diese Strukturvielfalt schaffen wir an den sieben Stellen naturschutzfachlich wertvolle Biotope“, erklärt Adam.

Ruhezone erlaubt begrenzten Einschlag

Direkt neben dem Hermersbergerhof liegt die größte Kernzone des Biosphärenreservats Pfälzerwald: das 2400 Hektar große „Quellgebiet der Wieslauter“, das ebenfalls zu Adams Revier zählt. Hier soll die Natur wachsen, wie sie will – ohne Forstwirtschaft. Urwaldgebiet sozusagen. Der Bereich, in dem jetzt die großen Maschinen zugange waren, gehöre hingegen zur Still- und Ruhezone des Pfälzerwalds, in der Einschlag erlaubt sei. Wie viel, das regelt das Forsteinrichtungswerk. Darin wird alle zehn Jahre festgelegt, wie viele Festmeter geerntet werden dürfen, um eine nachhaltige Bewirtschaftung des Waldes sicherzustellen.

Das Waldstück am Hermersbergerhof hat zahlreiche Bäume eingebüßt. „Alles Schadholz“, sagt der Forst.
Das Waldstück am Hermersbergerhof hat zahlreiche Bäume eingebüßt. »Alles Schadholz«, sagt der Forst.

In seinem Revier seien es 500 Festmeter pro Jahr, berichtet Adam, die er auch ausschöpfen werde. Rund zehn Prozent davon fielen jetzt nördlich des Hermersbergerhof. Rund die Hälfte der aktuellen Ernte stammt vom Waldrand, der Rest aus einem nahen Fichtenstück – ebenfalls Stein des Anstoßes für die Dorfbewohner. „Der Borkenkäfer hatte die Bäume zum Absterben gebracht“, erklärt Zeigner. Sie zu entfernen, sei nicht zuletzt aus Verkehrssicherungsgründen nötig gewesen, da hier zentrale Wanderwege verlaufen. Gleichzeitig sei so Raum für standortgerechten Laubwald entstanden, erläutert die Forstamtsleiterin.

Sicherheit und schwere Maschinen hinterlassen Spuren

Dass dabei Harvester – also große vollmechanisierte Holzerntemaschinen – zum Einsatz kamen, sei für die Sicherheit der Forstarbeiter unverzichtbar gewesen. Gerade bei beschädigten Käferbäumen verlange das der Arbeitsschutz.

15 Lkw voll Schotter, „die in den Wald geschüttet wurden“, wie die Anwohner beerichten. Damit seien die Wege ausgebessert worden
15 Lkw voll Schotter, »die in den Wald geschüttet wurden«, wie die Anwohner beerichten. Damit seien die Wege ausgebessert worden, erklärt der Forst.

Was zurückbleibt, sind Waldwege, die ziemlich ramponiert aussehen. Die Arbeiten seien gerade abgeschlossen worden. „Jetzt wird die Fläche abgezogen und geebnet“, kündigt Adam an. Der Abtransport des Holzes könne bis Sommer dauern. Das hänge von den Käufern ab, die die Baumstämme selbst holen, so Zeigner. Da es sich hier um Schadholz handelt, wird es nicht zu Möbeln verarbeitet, sondern zu Bau-, Verpackungs- und Industrieholz, wie Adam berichtet.

Anwohner fürchten Lkw-Verkehr – Forst verspricht Lösung

Die Bewohner befürchten, dass „dann wieder die ganzen überladenen Holztransporter durch den Ort fahren“ werden. So solle es nicht laufen, betont Zeigner. Mit den Käufern sei vereinbart, dass die Laster leer durch den Ort fahren und das aufgeladene Holz über die Waldwege Richtung Forsthaus Annweiler abtransportiert werde.

Und die etlichen Lkw voll Schotter, die „in den Wald geschüttet wurden“, wie das Ehepaar Schwartz berichtet? „Damit haben wir die Waldwege ausgebessert“, erklärt der Revierförster. 15 Lkw-Ladungen zertifizierten Materials aus dem Steinbruch Albersweiler seien auf rund zwei Kilometern Forstweg ausgebracht worden – für die Befahrbarkeit mit schweren Maschinen.

Überall in dem Waldstück sind Baumstämme zu hohen Poltern aufgetürmt.
Überall in dem Waldstück sind Baumstämme zu hohen Poltern aufgetürmt.
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