Interview
Manchmal läuft die Festplatte voll
Heute ist Weltautismustag. Sie haben uns geschrieben, dass Sie Asperger haben und darüber aufklären wollen. Das ist eine Spielart von Autismus. Wodurch zeichnet sie sich aus?
Wegen des Asperger-Syndroms habe ich andere Verhaltensweisen, ich habe andere Interessen, und ich habe natürlich durch dieses Anderssein verschiedene Momente im Alltag, mit denen ich klarkommen muss – ohne es manchmal zu können. Ich habe aber auch meine Stärken. Ich kann dafür Dinge, die ein Mensch ohne Asperger-Syndrom nicht kann.
Man hört immer von den Inselbegabungen. Im Film „Rain Man“ kann jemand auf einen Blick die Anzahl von runtergefallenen Streichhölzern erkennen. Wie ist das bei Ihnen?
Mit drei Jahren konnte ich schon die Uhr lesen. Es gab auch eine Zeit, da konnte ich zu jedem Datum den Wochentag nennen. Das funktioniert jetzt nicht mehr ganz so gut. Aber mein gutes Gedächtnis ist sicher eine meiner Stärken. Bei mir bleibt ziemlich alles hängen. Etwa 90 Prozent von allem, was mir mal genannt wird, jede Kleinigkeit. Ein Unfall mit Blechschaden speichert sich bei mir ein, und dann kann ich auch im Nachhinein in der Regel sagen: Das war zuerst, das danach, das dann und dann. Wenn mir jemand ein Ereignis nennt, kann ich sagen, ja, das war in diesem oder jenem Jahr. Der Brand beim Holz-Wickert war im August 2015.
Das muss aber doch auch zu einer Reizüberflutung führen, oder?
Das tut es immer wieder mal. Manchmal habe ich den Eindruck: Die Festplatte ist zu voll. Dann benötige ich einen Shutdown.
Was machen Sie dann für den Neustart der Festplatte?
Der Kopf geht zu, der wird dann schwer. Manchmal kann ich dann auch nicht mehr richtig sehen. Die Augen funktionieren zwar noch, aber der Kopf muss zu viel arbeiten. In solchen Momenten ziehe ich mich zurück, mein System geht aus. Wenn ich beispielsweise am Stammtisch sitze, schalte ich meine Sinne nach außen hin aus, dann geht nichts mehr rein und nichts mehr raus. Dann sitze ich einfach als stummer Nichtzuhörender und Nichtredender dazwischen. Wenn diese Phase vorbei ist, klinke ich mich wieder ein.
Wie lange dauert das?
Das ist verschieden, je nach Tiefe des Schocks. Wenn die Festplatte normal überschrieben wird, bin ich zehn bis 20 Minuten weg. Bin ich aber in einer schweren Situation, in der ich etwas verarbeiten muss, kann ich auch mal einen ganzen Tag weg sein oder sogar mehrere Tage. Dann bin ich nicht einmal in der Lage, ans Telefon zu gehen oder Mails zu beantworten.
Was führt bei Ihnen zur Reizüberflutung, außer beispielsweise der Stammtisch?
Ein Stammtisch ist heute eigentlich kein Problem mehr. Aber früher, als ich noch zur Schule gegangen bin, musste ich mich manchmal mitten im Unterricht abschalten, auch wenn vielleicht der Lehrer gesagt hat, ich soll mitschreiben. Zur Reizüberflutung können Momente führen, mit denen ich nicht umgehen kann, zum Beispiel Abbruch einer Freundschaft, Opfer werden einer Schattenseite. Sehr viele Umgebungseindrücke, die alle gleich interessant sind, sind auch ein Problem. Oft ist aber gar nicht meine Festplatte aus, sondern die Umwelt, weil mein Kopfkino läuft. Manchmal habe ich auch mehrere Tagträume, die im Unterbewusstsein eine Reizüberflutung auslösen, ohne dass in der Umgebung etwas war.
Sie haben in Ihrem Blog erzählt, dass Asperger bei Ihnen mit 17 Jahren diagnostiziert worden ist.
Genau, aber man kann Asperger natürlich nur von Geburt bis Lebensende haben oder gar nicht. Ich habe es also die ersten 17 Jahre auch schon gehabt.
Was hat das mit Ihnen in der Schule gemacht?
Als ich 17 war, hatte ich schon meinen Hauptschulabschluss und war in der zweijährigen Berufsfachschule. Mein Kindergarten, meine Grundschule und meine erste Realschule, dann Hauptschule – also all das ist passiert, ohne dass irgendjemand wusste, dass bei mir Asperger vorliegt. 2002 ist es bei mir rausgekommen. Die nächsten Jahre war es mir bekannt, aber mit dem Wort konnte noch keiner was anfangen. Ich habe den Eindruck, dass seit der Klimaaktivistin Greta Thunberg viele Menschen damit etwas anfangen können. Zu meiner Schulzeit gab es das Asperger-Syndrom einfach nicht. Deshalb wurde alles, was ich wegen Asperger nicht kann, von mir verlangt. Manche Sachen habe ich in meinen Pflichten drin und hätte ein schlechtes Gewissen, wenn ich sie nicht machen würde. Schule schwänzen oder auch nur zu spät kommen wäre bei mir gar nicht möglich gewesen, dann hätte mir mein Inneres keine Ruhe gelassen. Aber das hat sich nicht auf die Hausaufgaben bezogen. Deswegen habe ich viele schlechte Noten bekommen.
Und wie lief es sonst in der Schule?
Selbstverständlich war viel Mobbing dabei. Schüler haben gesagt, ich bin ein komischer Mensch, ich gehöre nicht dazu. Es kamen auch immer wieder Fragen, warum ich so schüchtern bin. Der Clou ist: Eigentlich hätte ich viele Fragen beantworten können, gerade weil ich Asperger habe.
Wann haben sie gemerkt, dass Sie anders sind?
In der Grundschule noch gar nicht. Da habe ich mich gefühlt, als wäre nichts. Dass ich in der Pause allein gespielt habe, war für mich nicht schädlich. Ich habe meine Umgebung gar nicht beachtet. Darum fiel mir nie auf, dass ich etwas anders mache. Wenn ich etwas beantwortet habe, habe ich auch nicht registriert, ob die anderen Schüler oder der Lehrer den Kopf schütteln. Ich habe es einfach gesagt und war fertig. Zu späterer Zeit, wo ich einfach keine Freunde gefunden habe und den Eindruck hatte, niemand mag mich, und weil ich in der Schule schlecht war, da hatte ich den Verdacht: Vielleicht kriege ich meine vielen Leistungen gar nicht zusammen, weil mir im Kopf eine wichtige Ader fehlt. Mir war allerdings schon früher aufgefallen, dass ich immer wieder zu Ärzten musste, die an mir was untersucht haben, aber ich wusste nicht was. Für mich war ja alles in Ordnung, ich war nicht krank. Und ich war mit mir auch zufrieden.
Heute ist Asperger ein Medienthema. Es gibt Romane, diese Krimiserie mit Leander Lost oder die Fernsehserie Inselbegabung um Ella Schön, eine Juristin mit Asperger. Wie ist das gekommen?
Da kann ich nur spekulieren. Für mich ist es sehr merkwürdig, dass eine Sache, die ich lange mit mir rumgetragen habe, von der aber niemand wusste, plötzlich überall erwähnt wird. Das ist aufgeploppt, und jetzt beschäftigen sich da auch die Medien mit. Früher musste im Fernsehen immer alles geschminkt und alles gut sein. Die Medienwelt wollte früher perfekt sein, und was nicht perfekt war, wurde nicht genommen. Ich habe zu früherer Zeit auch mal beim Radio arbeiten wollen, aber da hat man mir gesagt, dass mich mit meinem Auftreten nie ein Sender nehmen würde. Heute wäre das vielleicht anders.
Sie lächeln und lachen viel. Sind Sie zufrieden mit Ihrem Leben?
Ich bin mittlerweile sehr zufrieden. Es gibt natürlich immer noch die eine oder andere Baustelle, aber heute gehe ich einfach davon aus, dass bei keinem Menschen im Leben alles so geworden ist, wie er es gewollt hat. Es gibt einen Unterschied zwischen früher und heute: Als das Asperger-Syndrom noch nicht bekannt war und ich in der Schule schlecht war und wenig Freunde hatte, da hatte ich für mich mit einer schlechten Prognose gerechnet, dass ich arbeitslos und allein leben werde. Das war zum Glück falsch. Man hat gerade noch rechtzeitig die Ursache erkannt, und dadurch konnte man gegensteuern. Leider ist es mir noch nicht gelungen, eine Partnerin zu finden und eine Familie zu gründen, während meine Referenz, meine Gleichaltrigen, schon längst geheiratet haben und Kinder haben. Das ist der Teil, der bei mir nicht funktioniert hat.
Wie kommen Sie beruflich zurecht, was machen Sie?
Meinen Arbeitgeber darf ich leider nicht nennen. Nach vier Jahren Zeitarbeit mit ständig neuen Kunden habe ich es geschafft, auf den ersten Arbeitsmarkt zu kommen. Ich arbeite in einem technischen Beruf. Während sich normale Menschen immer nach Abwechslung sehnen und sagen, ich drehe durch, wenn ich eine Woche immer das Gleiche machen muss, habe ich eine Tätigkeit gefunden, bei der mir die Möglichkeit gegeben wurde, dass ich schon seit zehn Jahren immer das Gleiche machen darf. Mir gefällt es. Ich gehe sehr davon aus, dass ich das die nächsten 30 Jahre noch machen werde.
Gibt Ihnen das Ruhe und Sicherheit?
Ganz genau. Bis ich eingelernt bin, dauert es immer etwas länger, aber wenn sich dann das Rad dreht oder der Ball erst einmal rollt, dann ist es gut. Für Arbeitgeber, die so jemanden suchen, der immer das Gleiche machen muss, eignen sich Asperger-Autisten hervorragend.
Was machen Sie im Urlaub? Die meisten Menschen wollen dann raus, etwas Neues kennenlernen.
Das ist bei mir gar nicht ausgeprägt. Im Gegenteil. Ich habe einen Lieblingsausdruck: Ich bin ein workaholic und noch kein trockener. Ich muss mir natürlich auch mal Urlaub nehmen. Hin und wieder tue ich das, um ausschlafen zu können, aber normalerweise mache ich meine Arbeit mit Liebe, und die Zeit geht viel zu schnell vorbei. Arbeiten ist meine große Leidenschaft. Reisen ist nicht so meins, wegfahren und etwas Neues zu sehen. Aber ich fahre auch viel mit dem Zug herum. Wenn ich mal nicht weiß, was ich machen soll, setze ich mich nicht vor den Fernseher, sondern gehe spazieren oder fahre mit dem Zug ins Nichts.
Unser Gespräch muss für Sie ja auch eine Sondersituation sein, aber Sie wirken nicht gestresst.
Ich hatte ja meine Vorbereitungszeit. Die Situation ist ja nicht von jetzt auf gleich eingetreten. Ich hätte mich unwohler gefühlt, wenn ich nicht drangekommen wäre.
Seit wann betreiben Sie Ihren Blog und warum machen Sie das?
Der ging langsam an den Start. 2015 habe ich mir vorgenommen, das zu machen. Bis ich meinen ersten Podcast fertig hatte, war es schon 2019. Ich finde, dass es beim Asperger-Autismus viele Versionen gibt. Betroffene werden oft mit dem was sie stört, was sie für eine Schwäche halten, gar nicht verstanden und sind auch selbst nicht in der Lage, es auszusprechen. Ich bin der festen Auffassung, dass ich mit diesem Auftritt sehr vielen helfen kann, die es selbst nicht so darstellen können. Aber auch ich fange mit manchen Dingen dreimal an, aber man darf es ruhig hören, wenn die Worte nicht kommen wollen. Wenn der Kanal medienmäßig perfekt von einem Profi gemacht würde, wäre es keine echte Darstellung vom Asperger-Syndrom.
Sie können offenbar mit anderen Menschen gut umgehen. Sie schauen mich an, Sie haben keine Scheu, Auskunft zu geben. Ist das eher untypisch?
Das ist gelernt. Das hat auch sehr lange gedauert. Während meiner Schulzeit war ich noch nicht offen. Entweder habe ich Fragen gar nicht beantwortet, oder die Worte kamen einfach nicht. Heute höre ich auch viele meiner eigenen Merkmale.
Sie sagen, Sie haben vieles lernen müssen. Haben Sie sich das selbst beigebracht?
Ich habe eine Therapie gemacht. Ich war aber auch in einem Internat unter Menschen, bei denen jeder eine Beeinträchtigung hatte. Und ich habe mir irgendwann einfach die Verhaltensweisen anderer abgeschaut. Gleichzeitig ist mein Selbstwertgefühl größer geworden. Ein Nein zu bekommen oder weggeschickt zu werden, ist heute nicht mehr so wild wie früher.
Wie sieht Ihr Freundeskreis aus, klein und konzentriert oder große Clique?
Ich hab’ ein paar wenige Freunde, und den Kontakt halte ich sehr stabil. Da würde mir ein Kontaktabbruch auch richtig wehtun. Große Cliquen sehe ich von außen. Da hätte ich zu meiner Zeit auch gerne dazugehört, aber das geht bei mir halt nicht. Das ist mit meinem Betriebssystem nicht kompatibel.
Aufs Weinfest gehen ist wahrscheinlich nicht Ihr Ding, oder? Was machen Sie in Ihrer Freizeit?
Ich gehe viel spazieren. In der Regel außerhalb der Stadt und auf Strecken, wo mir normalerweise keiner begegnet. Dabei höre ich sehr viel Radio. Aber es geht mir auch oft so, dass ich mich mit vielen Menschen, denen ich auf der Straße begegne, gerne anfreunden würde.
Sprechen Sie die Leute dann auch an?
Nee, so weit bin ich noch nicht. Das ist für mich keine Selbstverständlichkeit. Ich nehme an, wenn ich das täte, würde es eher nicht funktionieren. Ich habe mir aber mal ein LED-Schild geholt, das ich tragen will. Das ist normalerweise ein Namensschild, aber ich kann da auch anderes einprogrammieren.
Das muss ich vorlesen. „Mich kann man kennenlernen, wenn man mich anspricht.“
Vielleicht setze ich mich damit einfach mal auf eine Bank und schalte das Schild an.
Da ist auch noch ein weiterer Spruch drauf, habe ich gerade gesehen: „Hier markiert sich eine Person, die wegen Asperger-Syndrom aus der Gesellschaft ausgegrenzt ist.“ Haben Sie das schon ausprobiert?
Ich hab’ mir das Schild vor einem Jahr gekauft. Ich sage mir jeden Tag, irgendwann ziehe ich es mal an, vielleicht wenn ich mich irgendwo hinsetze, um was zu trinken. Das wird vielleicht mal ein Magnet.
An der Uni waren Sie auch schon, um über Asperger zu informieren. Wie kam es dazu?
Über eine Bekannte aus dem Haus Südstern. Der habe ich mal von meinem Asperger-Syndrom erzählt. Ich hatte mich gefreut, dass man davon gar nicht mehr so viel merkt, dass es eine Nebensache war. Sie hat dann gemeint, dass ich dafür geeignet bin, und die Studenten sind nicht eingeschlafen … Wegen Corona hatte ich ausgesetzt, aber bis jetzt war ich viermal da.
Was finden sie am Haus Südstern interessant?
Da gehen plus minus immer dieselben Personen hin. Als ich nach Landau gekommen bin, bin ich dorthin, um ein bisschen unter Menschen zu kommen. Da kann ich einfach ich selber sein. Ich werde so akzeptiert, wie ich bin, und muss nichts leisten.
Welche Themen möchten Sie noch in Ihrem Blog erklären?
Auf jeden Fall kommt noch die Freundlichkeit dran. Menschen mit Asperger-Sysndrom gelten als nicht ganz so freundlich. Aber das kommt mir gar nicht so vor. Bei mir ist alles schon freundlich, was kein Anschiss ist. Was definitiv auch noch reinkommt, ist, wie wichtig es ist, wann bei jemandem Asperger festgestellt worden ist. Wenn ich mit zwei Jahren statt mit 17 die Diagnose gehabt hätte, dann wäre die Suppe gleich richtig gekocht worden, dann hätte ich keine so großen Schwierigkeiten. Wenn es erst jetzt, mit 37, festgestellt worden wäre, hätte ich 37 Jahre ohne Erkenntnis gelebt und wäre jetzt in der harten Phase, wo ich zu mir kommen muss. Dass das sehr relevant ist, wird eines der nächsten Themen.
Wie sind die Rückmeldungen auf Ihren Blog?
Bis jetzt habe ich noch keinen Kommentar bekommen, dass das alles Quatsch wäre. Es gingen viele Daumen hoch, ein paar natürlich auch runter, aber deutlich weniger. Es gab auch schon Rückfragen, die ich alle beantwortet habe. Es gab Lob, dass ich weitermachen soll, und es gab einen, der den Kontakt zu mir aufnehmen will. Das ist möglich, auch wenn jemand den Artikel liest.
Welche Botschaft ist Ihnen noch wichtig?
Tatsächlich: Und zwar, wie man sich wünscht, dass Menschen gehandhabt werden. Mein eigener Hintergrund hat mich gelehrt, jeden Menschen so zu nehmen und so zu respektieren, wie er ist. Man soll bei jedem auch eine Einschränkung akzeptieren. Vielleicht ist er in der gleichen Situation wie ich in meinen ersten 17 Jahren. Wenn keine Erkrankung da ist, kann sich auch nichts rechtfertigen. Aber vielleicht ist sie ja da.
Interview: Sebastian Böckmann
Info
- „Philipp Kühl erklärt Asperger Syndrom“ ist auf Youtube zu finden.
- Philipp Kühl ist erreichbar per E-Mail an philipp.kuehl.asperger.syndrom@gmail.com