Steinfeld / Schaidt RHEINPFALZ Plus Artikel Mäharbeiten am Straßenrand: Lebensraum von Insekten zerstört

Die himmelblauen Blüten der Wegwarte sind ein Magnet für zahlreiche Insekten.
Die himmelblauen Blüten der Wegwarte sind ein Magnet für zahlreiche Insekten.

Wunderschön blau blüht sie am Straßenrand und lockt viele Insekten an: die Wegwarte. Doch in der vergangenen Woche fiel sie Mäharbeiten zum Opfer. Sollte der Landesbetrieb Mobilität zum Erhalt der Artenvielfalt nicht mehr Fingerspitzengefühl walten lassen?

Leser Wilfried Krell ist verärgert. Und zwar über das Vorgehen der Straßenmeisterei Kandel. Diese habe in der vergangenen Woche an der Landstraße 546 zwischen Steinfeld und Schaidt Mäharbeiten erledigt und dabei auch die in voller Blüte stehende Gemeine Wegwarte „eiskalt abgemäht“. Dabei versorge die Pflanze viele Insekten mit Nährstoffen und sei zudem eine wichtige Heilpflanze. „Wir haben doch hier links und rechts der Landstraße nur Felder mit Monokulturen. Da zerstört dieser grundlose Aktionismus rücksichtlos den Lebensraum von Tieren“, echauffiert sich der Steinfelder. Er habe sogar versucht, telefonisch bei der Straßenmeisterei zu intervenieren. Aber das habe die Arbeiter nicht davon abgehalten, den Grünrandstreifen abzurasieren.

Die Gemeine Wegwarte ist auch unter dem Namen Zichorie bekannt. Seit der Antike wird sie als pflanzliche Arznei benutzt, etwa um Verdauungsbeschwerden zu behandeln, auch bei Rheuma, Gicht und Hautkrankheiten wird sie angewendet. In mageren Zeiten wurde ihre geröstete Wurzel ein Ersatz für Bohnenkaffee genutzt. Zichorien-Kaffee oder Muckefuck ist vielen noch ein Begriff. In der Gemüseabteilung findet man heutzutage ihre Zuchtform, den Chicorée. 2020 war sie „Heilpflanze des Jahres“, in den Jahren zuvor holte sie bereits den Titel als „Gemüse des Jahres“ und „Blume des Jahres“. Bei sonnigem Wetter sind die Blüten nur morgens geöffnet, bei bedecktem Himmel jedoch bis weit in den Nachmittag hinein. Jeden Tag öffnen sich neue Blütenknospen. Diese sind reich an Blütenstaub und Nektar und damit ein Paradies für Summer und Brummer. Die Blütezeit bis in September hinein und das kontinuierliche Angebot von neuen Blüten machen die Wegwarte für Insekten zu einer wahren Fundgrube: Wildbienen, Käfer, Schwebfliegen, Grabwespen und Schmetterlingen bestäuben sie.

Mähen aus Sicherheitsgründen

Im Süden Deutschlands kommt die Wegwarte recht häufig vor, in nördlichen Bundesländern gilt sie bereits als gefährdet. In Rheinland-Pfalz ist die Pflanze nicht gesetzlich geschützt, sie steht nicht auf der Roten Liste oder der Vorwarnliste, informiert die Kreisverwaltung SÜW auf Anfrage.

Leser Wilfried Krell hätte sich dem Mähfahrzeug trotzdem am liebsten in den Weg gestellt, sagt er. Dabei hatte dieses volle Berechtigung für sein Tun und vor allem Notwendigkeit, wie Martin Schafft, Leiter des zuständigen Landesbetriebs Mobilität (LBM) in Speyer auf Anfrage der RHEINPFALZ mitteilt. Bei Mäharbeiten am Bankett und der angrenzenden Böschung wie jüngst an der L546 handele es sich um den sogenannten Intensivbereich von bis zu vier Metern vom Straßenrand entfernt, erklärt Schafft. Dieser Bereich werde mindestens zweimal jährlich von der Straßenmeisterei gemäht. „Das sind Straßennebenflächen, die aus Verkehrssicherheitsgründen zur Freihaltung von Sichtflächen und des erforderlichen Lichtraumprofils in dem Turnus gemäht werden müssen“, betont er die Wichtigkeit dieses Vorgehens und gibt ein Beispiel. Es komme immer wieder vor, dass sich Wild, insbesondere Rehe, im Seitenbereich aufhält und unvermittelt auf die Straße läuft. „Bei einem nicht gemähten Seitenbereich hat der Autofahrer nahezu keine Chance, das Wild rechtzeitig zu erkennen und darauf zu reagieren“, mahnt der LBM-Chef.

Keine Abstimmung mit Naturschutzbehörde nötig

Für diesen Intensivbereich der Straßennebenflächen bestünden auch keine besonderen Auflagen hinsichtlich einzelner Pflanzen. Deswegen sei auch keine Abstimmung beziehungsweise Genehmigung der Naturschutzbehörden erforderlich, sagt Schafft. Das bestätigt auch die Kreisverwaltung, bei der die Untere Naturschutzbehörde angesiedelt ist. Der LBM sei zu den regelmäßigen Mäharbeiten an den Banketten verpflichtet, und diese Arbeiten seien genehmigungsfrei. „Im Gegensatz zu Ausgleichsflächen, die der LBM hat, unterliegt die Pflege und Unterhaltung der Bankette keinerlei Restriktion. Mahdzeitpunkte und Mahdintervalle sind nicht festgelegt“, erklärt Kreissprecherin Anna-Carina Hagenkötter. Aus wirtschaftlichen Gründen müssten die Mäharbeiten in Rotation erledigt werden, sagt der LBM-Leiter. „Es lässt sich daher nicht vermeiden, dass auch vor oder während der Blüte gemäht wird.“

Aber passt das rigorose Entfernen solcher Blühpflanzen noch in die Zeit? Gibt es Überlegungen beim LBM die Mähkonzepte zu verändern, um einen Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt zu leisten? Denn auch die Untere Naturschutzbehörde hält fest: „Grundsätzlich sollte bei allen Mäharbeiten, wo es machbar und vertretbar ist, mehr Rücksicht auf Flora und Fauna genommen werden.“ Direkt am Straßenrand gebe es aus Sicherheitsgründen keine Alternative zum regelmäßigen Mähen, aber der LBM setze bereits vielfältige Konzepte zum Erhalt beziehungsweise zur Errichtung von Blühstreifen und -wiesen um, betont Schafft. Dies passiere dann allerdings in Extensivbereichen, also weiter von der Straße entfernt, beziehungsweise auf externen Ausgleichsflächen.

LBM startet Pilotprojekt „Blumenwiese“

Im Norden des Landes habe der LBM gerade das Pilotprojekt „Blumenwiesen“ gestartet. Dort hat die Straßenbehörde Straßennebenflächen mit einer Gesamtfläche von über 22.000 Quadratmetern in blütenreiche Wiesen umgewandelt. In fünf Standorten wird nun getestet, ob damit die Artenvielfalt gestärkt werden kann. „Sollte sich das Pilotprojekt bewähren, wird der LBM landesweit weitere Flächen anlegen“, kündigt Verkehrsstaatssekretär Andy Becht an. Ausgesät wurde ein artenreiches, gebietseigenes Saatgut. Im ersten Jahr blühen unter anderem Kornblume und Klatschmohn, im zweiten Jahr gelangen Glockenblumen und Margeriten zur Blüte. Später werden Bocksbart, Witwen- und Flockenblume das Bild der Wiesen prägen. Auch die Mahd wird auf Insektenfreundlichkeit abgestimmt. So werden im Spätsommer bis zu 20 Prozent der Fläche nicht abgemäht und über den Winter stehengelassen, um den Insekten Rückzugsräume und Winterquartiere anzubieten.

Mit dem Projekt leiste der LBM einen wichtigen Beitrag zur Biodiversität, findet Becht. Aber auch sonst werde im Straßenbau viel für den Schutz von Natur und Landschaft getan, hält er fest. Es gebe kein Bauvorhaben ohne ökologische Ausgleichsfläche. Der LBM setze umfangreiche landespflegerische Ersatzarbeiten wie das Anlegen von Hecken, Wiesen und Grünbrücken um.

Die Straßenmeisterei mähte den Grünstreifen samt Blühpflanzen ab.
Die Straßenmeisterei mähte den Grünstreifen samt Blühpflanzen ab.
Da blühte die Wegwarte noch am Straßenrand der L546.
Da blühte die Wegwarte noch am Straßenrand der L546.
x