Kreis Südliche Weinstraße „Leider habe ich mich verlaufen“

EDENKOBEN. Wenn vor dem Seniorentreff am Luitpoldplatz ungewöhnlich viele Fahrräder abgestellt sind, dann ist das kein Zeichen, dass die Besucher einem Jungbrunnen entstiegen wären. Dann treffen sich dort viele der rund 100 Flüchtlinge, die in der Verbandsgemeinde Edenkoben aufgenommen wurden. Wir waren für eine Stunde dabei.
Sie kommen aus ihren Unterkünften in Edenkoben, Maikammer und Rhodt bei Wind und Wetter angeradelt, die vorwiegend zwischen 18 und 30 Jahre alten Männer, die ihre Heimat in Eritrea, Somalia, Syrien oder Ägypten verließen, um in Deutschland ein sicheres und besseres Leben zu beginnen. Im Seniorentreff sind von fleißigen Helferinnen Kuchen, Kaffee und Wasser gerichtet. Hunger oder Durst muss keiner leiden. Das Stimmenwirrwarr erscheint undurchdringlich, doch dann erhebt Günther Hahn die Stimme – und es ist mucksmäuschenstill. Der frühere St. Martiner Grundschulleiter wird von allen als „Teacher“, als Lehrer , geschätzt, der ihnen die ersten Brocken Deutsch beigebracht und ihnen wichtige Orientierungshilfen bei Behördengängen gewährt hat. „Das sind alles sehr freundliche, höfliche und disziplinierte junge Männer, die jetzt vor allem eins wollen, so schnell wie möglich die deutsche Sprache zu erlernen“, sagt der 65-jährige Pensionär, der zusammen mit seiner Frau Gisela (64), ebenfalls früher Lehrerin, die treibenden Kräfte bei der Integrationshilfe sind. „Wenn es nach ihnen ginge, würde ich ihnen jeden Tag Unterricht geben, aber so viel Zeit habe ich auch wieder nicht“, beschreibt der Pädagoge seine Erfahrungen mit den Asylbewerbern. Dass sie große Fortschritte gemacht haben, zeigt sich, wenn sie von ihren Tischen aufstehen und zum Tresen gehen. „Kann ich noch eine Tasse Kaffee haben?“ Oder: „Vielen Dank für die Flasche Wasser.“ Oder: „Das war lecker.“ Immer garniert mit einem dankbaren, mitunter glücklichen Lächeln. Auch die als Helferinnen eingesprungenen Beigeordneten Ingrid Schwedhelm-Schreiner (Verbandsgemeinde) und Angelika Fesenmeyer (Stadt) sind angetan von dem offenen Auftreten der Gäste, die eine schlimme Zeit hinter sich haben. manche auch als Bootsflüchtlinge. Aber in diesen Wunden wollen die Gastgeber nicht rühren. Günther Hahn hat sich ein Wörterbuch für die von den meisten gesprochene Sprache Tigrinja besorgt. „Da können wir uns auch einmal über das Wetter oder andere spezielle Themen unterhalten.“ Seine Schüler scheinen ihm mit den Augen an den Lippen zu kleben. Nach der Deutschstunde sind Brettspiele angesagt. „Mensch-ärgere-dich-nicht“ gehört schon lange zum Repertoire. Doch plötzlich wird es unruhig. Es herrscht Aufbruchstimmung bei den jungen Männern. Sie ziehen die von Südpfälzern gespendeten Herbst- und Winterjacken über und streben dem Ausgang zu. Mit den ebenfalls gestifteten Drahteseln – manche in einem so guten Zustand, als ob sie gerade gekauft worden wären – geht es vom Luitpoldplatz hinunter zur Luitpoldstraße, zum Sportplatz Am Rappen, wo die leidenschaftlichen Fußballer dem runden Leder hinterherjagen. Die Hahns können sich noch gut daran erinnern, dass sie anfangs barfuß zum Kicken auf den Hartplatz kamen. Inzwischen wurden sie mit Noppenschuhen ausgestattet, haben sich daran gewöhnt, dass man mit diesen nicht zum Volleyballtraining in der Edesheimer Schulturnhalle darf – und dass man in ihren Wohnungen die Lichter ausmacht und die Türen schließt, wenn man die Unterkünfte verlässt. Gelernt haben manche auch schon zu sagen: „Tschüss, einen schönen Tag noch“ oder „Ich bin zu spät, ich habe mich leider verlaufen.“ Ob Ausrede oder Wahrheit: Da hat der Herr Lehrer laut lachen müssen. (mik)