Kreis Südliche Weinstraße Kanzler und Käsekuchen
Wenn Helmut Kohl ins Hotel Krone nach Herxheim-Hayna kam, stellte er eine Frage immer zuerst: „Wo ist Herr Kuntz?“ Gemeint war Karl Kuntz, der Vater von Karl-Emil. „Die beiden waren gut befreundet, sie waren ja ungefähr dieselbe Generation. Er hat sich dann immer zu Helmut Kohl an den Tisch gesetzt, der hatte einen festen Platz“, sagt der Sternekoch. Kohl war ein anspruchsloser Gast, kein Schnösel. Am liebsten mochte er im Hause Kuntz ein Rumpsteak mit Zwiebeln und Röstkartoffeln. „Er hat die deftigen Pfälzer Gerichte geliebt“, sagt der Haynaer. Bevor Kohl in der Krone vorbeischaute, war er meist mit einem Freund aus Speyer im Bienwald spazieren. Besonders gefreut hat sich Karl-Emil Kuntz über eine Widmung auf einem großen Foto des früheren Bundeskanzlers, das heute in seinem Restaurant hängt. Kohl schrieb, dass er sich in der Krone heimisch fühle. „Ich habe zu ihm aufgeschaut. Er hat die Pfalz in der Welt bekannt gemacht“, sagt Kuntz gestern Abend. „Da geht jemand, der Geschichte geschrieben hat“, sagt Christof Wolff, ehemaliger Oberbürgermeister von Landau. Der Christdemokrat verbindet damit auch Erinnerungen an persönliche Begegnungen. Als Wolff 1975 bis 1978 persönlicher Referent des damaligen rheinland-pfälzischen Sozialministers Heiner Geißler in Mainz war, regierte Kohl als Ministerpräsident das Land. „Er kam oft rüber zu uns, wir hatten einen guten Kontakt.“ Wolff wechselte 1978 nicht mit nach Bonn, sondern blieb in Mainz. In Ungnade fiel er Jahre später, als Bundeskanzler Kohl seinen Generalsekretär Geißler rausgeschmissen und Wolff als Geißler-Freund geächtet hatte. Vor allem Wolffs kritische öffentliche Kommentierung zur Ankündigung des Kanzlers, er wolle die Arbeitslosenzahl bis 2002 halbieren, brachte Wolff Ärger mit Kohl ein – Rolf Gauweiler hat damals in der RHEINPFALZ darüber berichtet. „Zwei Tage später hatte ich einen Brief von ihm auf dem Tisch. Er war entrüstet, ich sei ein Populist, beschimpfte er mich. Er würde den Mann aus Mainz nicht mehr kennen.“ Der Amtsantritt von Eva Lohse als Oberbürgermeisterin von Ludwigshafen 2002 wendete das Blatt. Kohl meldete sich beim Städtetagsvorsitzenden Christof Wolff mit dem Vorschlag, das müsste man doch feiern – alle pfälzischen Städte seien in CDU-Hand. Wolff fackelte nicht lange und arrangierte ein Fest in der Landauer Hütte. Am 26. Oktober 2002 saß der Kanzler der Einheit dort mit acht Oberbürgermeistern zusammen. „Er war sehr stolz auf diesen Erfolg. Das Treffen war sehr freundlich und sehr lustig“, erinnert sich der Landauer Alt-Oberbürgermeister. „Die Geschichte hat sich dann bereinigt.“ Er habe Kohl danach noch einige Male gesehen. Dieser sei der Kommunalpolitik immer verbunden gewesen, habe gewusst, wie wichtig die Basis sei. „Er hat, zum Teil sehr scharf, von oben bis nach unten in den letzten Ortsverband hineinregiert. Der Bundesvorsitzende hat sein Regiment geführt.“ Helmut Kohl sei von vielen unterschätzt und gern als „Pälzer Bu“ abqualifiziert worden. Der einzige, der es geschafft habe, von Kohl nicht abgemeiert zu werden, sei Norbert Blüm gewesen. Persönliche Erinnerungen hat auch der ehemalige Landauer Stadtarchivar Michael Martin an Kohl: Der Kanzler hatte 1995 für ein fast 900 Seiten starkes „Lexikon Pfälzer Persönlichkeiten“ des Hainfelder CDU-Manns Viktor Carl ein Vorwort geliefert, doch in ebenjenem Werk waren auch Nationalsozialisten wie Gauleiter Josef Bürckel gewürdigt worden. Martin hatte damals Kohl angeschrieben und auf diesen Fauxpas hingewiesen, Kohl habe sogar geantwortet und eingeräumt, den Inhalt des Buches nicht gekannt zu haben, erinnert sich Martin. Martin hat das eine Morddrohung und Kohl eine böse „Spiegel“-Geschichte über die „Saumagen-Connection“ eingebracht. Dass Helmut Kohl wie kein anderer das pfälzische Nationalgericht berühmt machte, ist bekannt. Der Mann aus Oggersheim mochte aber auch Süßes. Knapp 50 Jahre zurück, es ist Ende 1969, vielleicht Anfang 1970, keiner weiß das mehr ganz genau. Vor dem Forsthaus Taubensuhl unweit von Eußerthal fährt ein Wagen vor. Ein mächtiger Mann steigt aus, dabei sind seine Frau und seine beiden Söhne. Er klingelt an der Tür des Hauses, in dem Förster Erich Mulzer und seine Frau Gertrud leben. Als sie die Tür öffnen, trauen sie ihren Augen nicht. Es ist Helmut Kohl mit seiner Hannelore sowie Peter und Walter. Er wolle sich einfach mal das Haus anschauen, es interessiere ihn, sagt er. So hat es Gertrud Mulzer mal dem früheren RHEINPFALZ-Redakteur Günter Werner erzählt. Sie bitten den damaligen Ministerpräsidenten und seine Familie hinein. Es gibt Kaffee und selbstgemachten Käsekuchen, später noch ein Gläschen Wein aus dem gut sortierten Keller. Sie plaudern eine Weile, dann machen sich die Kohls auf den Heimweg. Ein Chauffeur ist nicht dabei, Kohl steuert selbst den Wagen. Es sollte nicht der letzte Besuch bleiben. Noch 20-mal kam der mächtige Mann vorbei – bis 1988. Dann räumten die Mulzers das Forsthaus. Oftmals drehte er bis dahin noch eine Runde, bevor er zum Kuchenessen vorbeikam.