Edenkoben RHEINPFALZ Plus Artikel Ist ein Kirchenaustritt eine Abkehr von Gott?

Im Bistum Speyer sind im vergangenen Jahr 6181 Menschen aus der katholischen Kirche ausgetreten.
Im Bistum Speyer sind im vergangenen Jahr 6181 Menschen aus der katholischen Kirche ausgetreten.

Entnervt nimmt eine junge Frau ihr Video aus dem Internet, weil sie sich vor Kommentaren nicht mehr retten kann. Sie hatte ihre Mitgliedschaft in der katholischen Kirche gekündigt und einen Brief des Pfarrers bekommen, den sie im Video selbst kommentiert. Sie ärgert sich über „Angstmacherei“.

Wer aus der Kirche austritt, bekommt Post – von der Kirche. Ein Gesprächsangebot, so heißt es. Caroline Gutting aus Edenkoben, die der katholischen Kirche die Gefolgschaft aufkündigte, hat sich über Stil und Inhalt des Briefs geärgert und hat ihn – samt ihrem Kommentar – im sozialen Netzwerk Instagram veröffentlicht. Die Folge: Ihr Account ging durch die Decke. 619.000 Nutzer haben das Video angeklickt, über 1600 haben es kommentiert. Was war da los?

„An Gott glaube ich höchstens im spirituellen Sinn, aber mit dem christlichen, katholischen Glauben kann ich mich nicht identifizieren“, sagt Caroline Gutting. Vor einigen Wochen entschloss sich die junge Yoga- und Fitnesslehrerin zum Kirchenaustritt. Eine Unterschrift und 30 Euro Gebühr bei der Gemeindeverwaltung, damit war’s passiert. Doch dann kam „dieser Brief“ von der Pfarrei Heilige Anna.

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Pfarrer warnt vor Peinlichkeiten

„Die Kirche ist schließlich mehr als ein Verein, in den man sich einschreibt und aus dem man sich dann wieder austragen kann, wenn zu wenig ,Gegenleistung’ erbracht oder der ,Mitgliedsbeitrag’ zu teuer wird“, schreibt Pfarrer Matthias Pfeiffer. Und er erklärt weiter: „Mitglied der Kirche wird man durch die Taufe, bei der man zugleich auch in die Hand Gottes eingeschrieben wird. Insofern betrifft Ihr Kirchenaustritt also sowohl die Gemeinschaft, die man verlässt, als auch den Glauben an Gott, der immer wieder in Gemeinschaft gesucht und weitergegeben werden muss, wenn er nicht ,beliebig’ werden soll.“ Die frühere Katholikin habe „sich selbst exkommuniziert“. Ihr Kirchenaustritt beinhalte „nicht nur die Abkehr von der Gemeinschaft der Glaubenden, sondern auch die Abkehr von Gott, der uns in den Sakramenten seine Nähe schenkt“.

Im zweiten Teil des Briefs warnt der Pfarrer vor „Peinlichkeiten“, falls die Angehörigen nicht informiert worden seien. Denn: „Die Kirche respektiert Ihre Entscheidung auch im Falle Ihres Todes und wird Ihnen kein christliches Begräbnis zumuten.“ Es folgt das Gesprächsangebot: Miteinander zu reden sei schließlich besser als „sich grollend in eine Ecke zurückzuziehen“.

„Nur Vorwürfe und Angstmacherei“

Caroline Gutting zog sich tatsächlich grollend zurück, allerdings in eine „Ecke“ von ungeahnten Ausmaßen. Auf Instagram, wo sie sich sonst vor überschaubarem Kreis über Themen wie Fitness und Feminismus auslässt, stellte sie den Brief ins Netz und äußerte ihre Meinung dazu. Sie empfinde den Brief als „einfach sehr, sehr unangenehm; nur Vorwürfe und Angstmacherei“. In dem Schreiben werde explizit erklärt, dass man nicht mehr an Gott glauben darf, wenn man nicht in der Kirche ist. Für manche Menschen sei das ein beängstigender Gedanke. Gutting: „Was mich extrem stört, ist, dass der ausgetretenen Person ein schlechtes Gewissen gemacht werden soll.“

Als die Edenkobenerin das fünfeinhalb Minuten dauernde Video aufnahm, ahnte sie nicht, was sie auslösen würde. „Sie hat einen Nerv getroffen“, stellt Peter Schreieck fest, ein Freund der jungen Frau, der ebenfalls aus der Kirche ausgetreten ist und den gleichen Brief erhielt. Innerhalb kürzester Zeit wurde Guttings Konto geflutet von Nachrichten und Kommentaren. „Ein, zwei Wochen lang hat mein Handy nur noch geblinkt.“ Überwältigt von der starken Reaktion nahm sie das Video zunächst zurück, inzwischen steht es wieder auf Instagram.

Letzter Anstoß, selbst auszutreten

Die Kommentare der Follower sind zum größten Teil zustimmend. „Der Inhalt ist krass“, heißt es da und: „Das ist mein letzter Anstoß, selber auszutreten.“ Aber Caroline Gutting wird auch als hysterisch beschimpft, sie solle sich nicht so aufregen: Das sei doch ein ganz normaler Brief, der lediglich auf die Konsequenzen des Austritts hinweise.

Der Edenkobener Pfarrer Matthias Pfeiffer hat das Video gesehen und sagt, es habe ihn verletzt und verwundert. Mit dem Brief, der sich an einer Empfehlung der Bischofskonferenz von 2005 orientiere, sei es ihm zum einen darum gegangen, die Konsequenzen des Austritts aufzuzeigen. Gleichzeitig wollte er der Empfängerin die Chance geben, ihre Unzufriedenheit zu benennen. Sie aber sei stattdessen in die „modernen Medien“ gegangen – offenbar mit großer Resonanz. Das zeige ihm immerhin, dass das Thema Kirchenaustritt den Menschen nicht egal sei. Zwei bis drei Leute allerdings hätten direkt ans Pfarrbüro geschrieben, ihre Beiträge waren, so Pfeiffer, beleidigend und „anzeigewürdig“. Von der Hexenverbrennung bis zum aktuellen Missbrauchsskandal sei alles mit dem Thema verknüpft worden.

„Der Glaube wird individuell“

Die Kritik am Inhalt des Briefes, der auf Instagram auch als „Drohbrief“ bezeichnet wird, kann der Pfarrer nicht nachvollziehen. Zum Thema „Ohne Kirche kein Glaube an Gott?“ meint Pfeiffer: „In der Kirche wird der Glaube weitergegeben. Er wird durch die Gemeinschaft gelebt und vermittelt. Anders geht es nicht. Ein Mensch kann natürlich weiter an Gott glauben, aber wenn er austritt, hat er nicht mehr diese Rückbindung. Der Glaube wird individuell.“ Und was hat es mit den „Peinlichkeiten“ auf sich, vor denen er warnt? Vor Jahren habe er einmal erlebt, dass Eltern nach dem tödlichen Motorradunfall ihres Sohnes um ein christliches Begräbnis baten. Er musste es verweigern – für ihn eine schreckliche Situation. Der junge Mann war kurz zuvor aus der Kirche ausgetreten.

Matthias Pfeiffer gesteht, dass ihn jeder Austritt schmerzt, auch aus finanziellen Gründen. In den neun Gemeinden, die er verwaltet, habe er seit 2009 etwa 1000 Katholiken verloren. „Ich bedaure, immer wieder Gebäude verkaufen, Kindergärten abgeben zu müssen. Viel lieber würde ich aufbauen – und mit Leuten über den Glauben reden.“ Hat er die Absicht, den Brief zu verändern? „Ich schaue ihn mir noch mal an“, verspricht der Pfarrer.

Zum Glauben gehört Gemeinschaft

Und wie schätzt der Dekan das Schreiben ein, das so viel Wirbel im Netz verursacht hat? Kirchenmitgliedschaft sei auch eine Frage der Solidarität, meint Axel Brecht aus Landau. „Wenn ich diese Solidarität kappe, entziehe ich der Kirche die Möglichkeit, breit aufgestellte Seelsorge und Einrichtungen wie Kindertagesstätten zu betreiben.“ Zum Glauben gehöre Gemeinschaft, betont der Dekan und bemüht einen Fußballvergleich: „Ich kann vor mich hin bolzen oder zusammen in der Mannschaft spielen. Jesus jedenfalls war kein Einzelspieler.“ Gottesdienst, kirchliches Handeln, Seelsorge habe mit Gemeinschaft zu tun: „Ob die kirchlichen Strukturen allerdings immer gottgewollt sind, glaube ich nicht unbedingt. Da muss vieles verändert werden.“

Dass Caroline Gutting den Brief seines Amtsbruders als „unangenehm“ bezeichnet hat, leuchtet ihm ein: „Das kann ich bestätigen, der Tonfall ist nicht gut.“ Axel Brecht selbst versendet ein Schreiben, das sich in Stil und Inhalt stark von dem kritisierten Brief unterscheidet. Er bedankt sich bei den Adressaten dafür, „dass Sie die Kirche ideell und finanziell über viele Jahre hinweg unterstützt haben“. Weiter heißt es: „Wir in der Pfarrei Mariä Himmelfahrt in Landau bemühen uns um eine Kirche, die den Menschen zugewandt ist und gerade auch für die da ist, die ihr fernstehen. Bei Ihnen hat dieses Bemühen keinen Anklang gefunden. Deshalb bitten wir Sie um Rückmeldung ...“

Das Bistum Speyer entwickelt zurzeit eine Empfehlung für die Pfarreien, wie ein Schreiben an Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind, aussehen könnte.

Die Statistik

Im vergangenen Jahr sind im Bistum Speyer, das die Pfalz und Saarpfalz umfasst, 6181 Menschen aus der katholischen Kirche ausgetreten, wie die Pressestelle des Bistums mitteilt, 162 traten (wieder) ein. Die höchste Zahl der Austritte wurde 2019 verzeichnet: Es waren 6412. Zum Vergleich: 1980 kehrten nur 1322 Personen ihrer Kirche den Rücken. Die Zahl der Katholiken im Bistum sank in 40 Jahren von etwa 731.000 auf 497.000, die der registrierten Gottesdienstbesucher von rund 185.000 auf 23.000.

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