Lug / Gossersweiler-Stein RHEINPFALZ Plus Artikel Irene Scheibel erinnert sich an Kriegsende in Lug

„Hunger tut weh. Das bleibt in Erinnerung“, weiß Irene Scheibel. Deswegen schmeißt sie auch heute noch kein Stück Brot weg.
»Hunger tut weh. Das bleibt in Erinnerung«, weiß Irene Scheibel. Deswegen schmeißt sie auch heute noch kein Stück Brot weg.

Trotz ihrer 86 Lebensjahre erinnert sich Irene Scheibel noch gut an die letzten Monate des Zweiten Krieges. Die vielen Tage im Bunker, die toten Soldaten, der Hunger nach Kriegsende. Sie erzählt, wie es in dieser Zeit in Lug war, wo sie aufgewachsen ist.

Am 21. Dezember 1944 traf die erste Bombe Lug und schlug in die Kirche ein. Irene Scheibel, damals zehn Jahre alt, war gerade mit ihrer Schwester ein Stück außerhalb des kleinen Ortes, und die beiden liefen sofort nach Hause. „Meine Schwester und ich haben dann den ganzen Kleiderschrank leer geräumt und alles in den Schuppen gebracht, damit nichts verloren geht. Wir haben die Nacht auch im Schuppen geschlafen.“ Darauf folgten drei Monate, in denen sie viel Zeit im Bunker verbrachten. 1000 Menschen hatten darin Platz, die Hälfte wurde für das Militär benutzt, die andere Hälfte für die Leute aus dem Dorf.

In dieser Zeit stellte Irene Scheibel eine Soldatenpritsche in den Bunker. Erst ganz am Eingang, dann schob sie die Pritsche immer wieder ein Stück weiter in den Bunker hinein.

Als im März 1945 die amerikanischen Soldaten kamen, mussten die Dorfbewohner wieder in den Bunker ausweichen. „Da war ich sehr froh um meine Pritsche mitten im Bunker. So hatten wir einen sicheren Platz.“ Vor dem Bunker wurde ein Herd aufgestellt, und die Frauen aus Lug kochten. Zehn Tage lang hausten sie im Bunker, während die amerikanischen Soldaten ihre Häuser bewohnten. „Die haben alles totgeschossen, was sie an Soldaten erwischt haben. Und Sachen aus den Häusern gestohlen. Aber es ist kein Haus zerstört worden“, berichtet die 86-jährige, die mittlerweile in Gossersweiler-Stein wohnt. „Als wir ins Dorf zurück durften, war der Krieg rum. Aber das Chaos war da.“

Ein Berg toter Soldaten

Und nicht nur chaotische Zustände hatten die amerikanischen Soldaten zurückgelassen. „Da hat ein ganzer Berg toter Soldaten gelegen. Das Bild werde ich nie vergessen.“ Weil die Soldaten in den Häusern der Luger einiges umgeräumt hatten, gab es einen Aufruf, dass man alles, was einem nicht gehört, auf den Dorfplatz bringen soll. So konnte jeder seine Sachen wiederfinden. „Da war eine Ehrlichkeit unterm Volk, das gibt es heute nicht mehr“, findet Irene Scheibel.

Stück für Stück normalisierte sich alles wieder. Aber die Zeit des Hungers ließ nicht lange auf sich warten. „Mein Vater hat morgens 200 Gramm Brot abgeschnitten. Das habe ich auf einmal gegessen. Er hat mir mal den ganzen Laib gegeben und gesagt, der muss die ganze Woche halten. Na ja, der war in drei Tagen weg. Wir waren im Wachsen.“ Diese Zeit hat Irene Scheibel sehr geprägt. „Ich würde auch heute nie ein Stück Brot wegschmeißen“, sagt sie. Wenn doch mal etwas übrig bleibt, kriegen es die Tiere ihrer Enkelin, die nebenan wohnt. Aber in die Mülltonne kommt es nicht. „Hunger tut weh. Das bleibt in Erinnerung.“

Backwaren als Lohn

Als ihre Mutter in einer Bäckerei in Spirkelbach eine Stelle als Putzfrau bekam, besserten sich die Zeiten für die Familie. „Von da an mussten wir nicht mehr hungern. Meine Mutter ist samstagabends vom Arbeiten gekommen und hat einen Korb voll Lebensmittel als Lohn gekriegt.“ Irene Scheibel hat in den 86 Jahren ihres Lebens schon viel mitgemacht. Trotzdem ist sie zufrieden und glücklich: „Wenn man solche Zeiten erlebt hat, ist man auch dankbar dafür, wie es jetzt ist.“

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