Scheibenhardt
Grenzkontrolle: Deutsch-französische Einheit sucht Schleuser
Die B9 schlängelt sich durch den Bienwald, Kurve um Kurve nähert man sich auf ihr der französischen Grenze. Als der Grenzübergang von Scheibenhardt in Sichtweite kommt, fällt einem ein großes Polizeiaufgebot ins Auge. Dutzende Streifenwagen flankieren die einspurige Kontrollstraße, die die Polizei an diesem Freitagnachmittag eingerichtet hat. Große Lichtmasten stehen neben den beiden beheizten Containern, in denen Verdächtige gefilzt werden können. Ein schwerer Brummi schert zur Seite aus, nachdem ein Polizist dem Fahrer die Kelle gezeigt hat. Der Mann aus Frankreich versucht sich erst in gebrochenem Deutsch, dann übernimmt einer der zwei Polizisten das Wort: In perfektem Französisch bittet er den Mann um Ausweispapiere und will wissen, was er geladen hat. Der Fahrer, der Paletten transportiert, ist sichtlich erleichtert, sich jetzt in seiner Muttersprache erklären zu können.
Einreisende wie er profitieren vom Einsatz der Binome der deutsch-französischen Einsatzeinheit Daniel Nivel (DFEE). Das sind Zweierteams aus je einem Bundespolizisten aus Bad Bergzabern und einem französischen Polizisten der Région de Gendarmerie de Grand Est im Elsass. Einer der 20 Gründungsmitglieder der noch jungen Polizeieinheit ist Andreas Persch. Aus seiner Sicht leistet die DFEE Pionierarbeit, indem sie über den Tellerrand schaue und viele Möglichkeiten für länderübergreifende Zusammenarbeit biete. Der 36-Jährige ist normalerweise Zugführer und verantwortlich für 38 Kollegen. In der DFEE kann er zurück zur Basis, wie er es nennt. Heißt: Selbst bei Kontrollen dabei sein und die Perspektive der Franzosen kennenlernen. „Wir stehen noch am Anfang, die DFEE ist ein neues Konzept in Europa“, sagt Persch.
Name der Einheit als Signal an Frankreich
Die Namensgebung der DFEE sei als Signal an Frankreich zu verstehen, sagt Michael Sziele, der Abteilungsführer in Bad Bergzabern ist. Daniel Nivel war ein Polizeibeamter der Gendarmerie, der bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 von deutschen Hooligans angegriffen und so schwer verletzt wurde, dass der damals 43-Jährige sechs Wochen im Koma lag. Bis heute ist er halbseitig gelähmt und auf einem Auge blind. Man wolle nicht nur solche Vorfälle künftig verhindern, so Sziele, sondern mit gemeinsamen Einsätzen die Freundschaft beider Nationen stärken. Die Familie Nivels habe zur DFEE ihr Einverständnis gegeben und sei „sehr berührt“ gewesen.
16 Bundespolizisten aus Bad Bergzabern und 23 französische Gendarme gehören mittlerweile zur DFEE. Sie kommen bei Massenveranstaltungen wie dem Münchner Oktoberfest oder der Tour de France, bei Katastrophen und bei Fahndungen im Zusammenhang mit Terrorismus zum Einsatz. 2019 war die DFEE aber auch beim G-7-Gipfel im südfranzösischen Biarritz vor Ort. Auch an der Durchsetzung der Corona-Maßnahmen im Grenzgebiet ist die zweisprachige Einheit beteiligt. Die Anforderungen in der DFEE sind hoch: Jedes Teil des Binoms muss die Sprache des anderen sowie die polizeiliche Fachsprache verhandlungssicher beherrschen. Das sei gerade für die deutschen Kollegen eine hohe Hürde, die französischen Kollegen aus dem Elsass bringen sprachlich mehr Vorwissen mit, sagt Persch.
Franzosen und Deutsche lernen voneinander
Die DFEE-Fortbildung dauert etwas mehr als ein Jahr. Seminare finden mal in Frankreich, mal in Deutschland statt und drehen sich um Themen wie landesspezifische Organisationsabläufe, Einsatztaktiken und Unterschiede im Polizeirecht. „Wir können voneinander lernen“, sagt Sziele. Die grenzüberschreitenden Einsätze ermöglichten Austausch, wodurch das gegenseitige Verständnis wachse. „Das kulturelle Wissen des Partners hilft bei Kontrollen, einen besseren Zugang zu den Menschen zu bekommen.“ Nur auf der Verwaltungsebene ruckele es noch ab und an beim binationalen Austausch, sagt Persch, typische Anfangsschwierigkeiten. „Covid und Terror machen nicht an der Grenze Halt, deshalb darf die Strafverfolgung auch nicht dort aufhören“, betont er.
Das sieht auch sein französischer Partner Jéremy Pièrre so. Der Franzose hat schon viele Verkehrskontrollen mitgemacht. So groß und vor allem technisch ausgestattet wie heute in Scheibenhardt geht es in seiner Heimat nicht zu. Man versteht sich mit den deutschen Kollegen, witzelt über Vorurteile – aber in welcher Sprache? „Das geht immer wild hin und her, Deutsch und Französisch“, so Pièrre.
Überwachungstürme und tierische Spürnasen
Im Fokus der Arbeit an der Grenze stehen an diesem Freitag die unerlaubte Einreise und sogenannte Behältnisschleusungen. Heißt: Blinde Passagiere werden auf den Ladeflächen der Lkw versteckt. Auf einer Art mobilem Turm steht deshalb ein Polizeiposten, um die Dächer der Lkw zu kontrollieren. Denn es kommt vor, dass im Stau jemand aufsteigt oder sich durch Aufschlitzen der Plane Zugang zum Laderaum verschafft, ohne dass es der Lkw-Fahrer überhaupt bemerkt. Als Hilfe dienen zusätzlich vier Polizeihunde aus Kaiserslautern, die Personen und Sprengstoff aufspüren können. Der Diensthundekoordinator der Polizeiinspektion Kaiserslautern, Stefan Alles, führt einen deutschen Schäferhund um die verplombte Ladefläche eines rumänischen Lastwagens herum. Erschnüffelt der Vierbeiner versteckte Passagiere, schlägt er an. Diesmal riecht er nichts Verdächtiges, der Lkw darf weiterfahren.
Am Freitag gibt es aber nicht nur tierische Unterstützung: Auch die Landespolizei der Polizeidirektion Landau sowie Einsatzkräfte des Hauptzollamts Zweibrücken sind bei der Kontrolle vor Ort, insgesamt rund 40 Beamte. Dadurch sind behördenübergreifende Kontrollen möglich. Einsatzleiter Torsten Burballa ist am späten Nachmittag zufrieden. Bis auf kleinere Verstöße bei Lastwagen ist bisher nichts gefunden worden. Zweimal habe man verplombte Lkw geöffnet – ohne Erfolg. „Die Kontrolle dient aber natürlich auch dem subjektiven Sicherheitsgefühl“, so Burballa. Durch die Pandemie und die derzeitige Ausgangssperre in Frankreich sei es insgesamt ruhiger im Grenzbereich.