Kreis Südliche Weinstraße „Fußball auch mit Herz spielen“

„Ich habe dem Sport viel zu verdanken und will etwas zurückgeben“. Das sagte der einst beim 1. FC Kaiserslautern zum Publikumsliebling avancierte Ratinho bei der Veranstaltung in der Reihe „Schweitzer trifft …“ am Montagabend auf dem Sportgelände des TSV Fortuna Billigheim-Ingenheim. Rund 60 Besucher waren gekommen.
Im Gespräch mit dem SPD-Landtagsabgeordneten Alexander Schweitzer plauderte der 1971 in Colorado geborene Everson Rodrigues, der unter seinem „Künstlernamen“ Ratinho von 1996 bis 2003 für den 1. FCK spielte und als „Zaubermaus“ zur Kultfigur wurde, über sein Leben. Bis zu seinem zwölften Lebensjahr habe er mit seinen Eltern in einer siebenköpfigen Familie in Brasilien gelebt. Vier seiner Geschwister leben auch heute noch dort, ein Bruder in Frankreich. Mit 13 Jahren kam er in eine Fußballschule, die er fünf Jahre lang besuchte. In dieser Zeit lernte er auch seine spätere Frau Lucia kennen, die ihren Mann am Montagabend nach Ingenheim begleitet hatte. „Meine Familie ist mir mein Ein und Alles“, sagte der meist fröhliche Sympathieträger. Als aktiver Fußballer habe er die Familie oft tagelang nicht gesehen. Heute wolle er einiges nachholen. Beim Besuch der Fußballschule habe er früh gelernt, was es bedeute, klare Strukturen und Disziplin im Leben zu haben. Von Atletico Paranaese ging es zum FC St. Gallen in die Schweiz. Dank Fußball habe er neue Kulturen und neue Sprachen kennengelernt, sich dabei auch einen großen Freundeskreis aufgebaut. Der Fußball habe ihm ein „komplett neues Leben“ ermöglicht, dafür sei er dem lieben Gott und allen Menschen, die ihn auf diesem Weg begleitet hätten, dankbar. Fußball habe er nicht nur mit den Füssen, sondern stets auch mit dem Herz gespielt. Die „Zaubermaus der Lauterer Meistermannschaft von 1998“ kann sich in diesem Zusammenhang einen Seitenhieb auf den FCK von heute nicht verkneifen. Frühere Lauterer Teams seien mit Herzblut zu Werke gegangen. Das sei heute beim FCK weitgehend verloren gegangen. Wenn ein Eigengewächs wie Kapitän Willi Orban zu einem Verein der gleichen Liga abwandere, sage dies viel. In St. Gallen war für den damals 21-Jährigen alles neu gewesen. Das Training, die Menschen, die Sprache, das Wetter. In St. Gallen habe er erstmals in seinem Leben Schnee gesehen. „Ich dachte schon an Weltuntergang.“ Nach Stationen in China und Kasachstan kam Ratinho 2006 mit seiner Familie in die Pfalz zurück. „Kaiserslautern ist meine erste Heimat, die Schweiz meine zweite, Brasilien mein Urlaubsland“. Eine Profitrainer-Karriere kam für ihn nie in Frage. „Da bist du zu abhängig vom Material, das dir andere zur Verfügung stellen. Und jede Woche reisen, Hotels ... Das hatte ich mein ganzes Leben lang. Du wirst entlassen, musst umziehen. Und immer Druck. Du brauchst Ergebnisse.“ Als Botschafter von „BoscoArena“ engagiert sich Ratinho für die Ärmsten und Bedürftigsten der Gesellschaft. In Brasilien blockiere das soziale Gefüge mit seinem starren Bildungssystem die Entwicklung der armen Kinder und Jugendlichen. Zu viele von ihnen landen auf der Straße – und von dort nehmen sie den falschen Lebensweg. Mit Bildung und Sport könnten sie diesen Milieus entkommen und Zukunftsperspektiven aufbauen, so Ratinho. Die jungen Menschen müssten lernen, den Willen zu entwickeln, um herausfordernde Ziele zu erreichen. Diese Ziele verfolgt er in der Westpfalz mit den „Ratinho-Kids-Camps“, hinter denen ein besonderes Konzept steckt. Oberstes Ziel sei es, die Sozialkompetenz der jährlich 800 Kinder zu fördern. Um in einer großen Gemeinschaft leben zu können, brauche man Disziplin und Strukturen – als Individualist könne man dies nicht. Für ihn ist Mannschaftssport ein Spiegel des Lebens, betonte der 44-jährige Ratinho, der in Kaiserslautern und neuerdings auch in Trier ein brasilianisches Steakhaus betreibt. (som)