Edenkoben RHEINPFALZ Plus Artikel Flugzeugabsturz: Erkennungsmarke nach 77 Jahren entdeckt

Die Erkenungsmarke von John M. Aiken. Er war der Pilot der „Bombers Moon“, die 1944 am Heldenstein abgestürzt ist.
Die Erkenungsmarke von John M. Aiken. Er war der Pilot der »Bombers Moon«, die 1944 am Heldenstein abgestürzt ist.

Beim Pilzesammeln mit seinen Eltern und seinem Bruder findet der eineinhalbjährige Noa Becker in der Nähe des Forsthauses Heldenstein ein Stück Metall. Schnell ist klar, es handelt sich dabei um die Erkennungsmarke eines US-Soldaten, der vor 77 Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Dank des Sensationsfundes ist das Schicksal des Piloten nun geklärt.

Am 19. Oktober 1944 kollidierten zwei amerikanische Militärmaschinen bei dichtem Nebel in der Nähe des Forsthauses Heldenstein und stürzten in den Wald. 14 Soldaten fanden den Tod. Die Wracks der beiden schweren viermotorigen Bomber des Modells B 42 Liberator wurden nur wenige Tage nach dem Absturz von deutschen Soldaten geborgen und entsorgt. Erst 2002 fand man verbliebene Wrackteile im Wald.

Am 12. Juni dieses Jahres, also fast 77 Jahre nach den tragischen Ereignissen, war Sandro Becker aus Landau zusammen mit seiner Frau und den beiden Söhnen in der Nähe des Forsthauses Heldenstein unterwegs, um Pilze zu sammeln. Sie kamen, wie schon des Öfteren, auch am Gedenkstein vorbei und verweilten dort, weil Vater Sandro dem vierjährigen Leo, wie schon mehrmals zuvor, die Geschichte von den beiden Flugzeugen erzählen musste, die hier damals abstürzten. 2017 wurde zu Ehren der ums Leben gekommenen Soldaten ein Gedenkstein mit einer Tafel eingeweiht, auf der die Namen der Getöteten verewigt sind und auch beschrieben wird, wie es zu dem Unglück kam – alles in englischer Sprache. In Großbuchstaben steht da unter anderem zu lesen: „May these young men never be forgotten for their honor, courage and sacrifice“. Auf Deutsch: „Mögen diese jungen Männer, die für Ehre, Mut und Opfer stehen, nie vergessen werden.“

Eineinhalbjähriger Noa findet Erkennungsmarke

Tom Burton aus Richmond in Virginia, ein Neffe des zu Tode gekommenen Sergeants Robert R. Butler Junior hatte zusammen mit seiner Frau Mary, einer bekannten Krimiautorin, der Zeremonie beigewohnt. Das Ehepaar stiftete die 36 Kilogramm schwarze Bronzetafel samt Inschrift. Toms Tante Joyce Allen hatte bereits im Oktober 2011 die Absturzstelle besucht, wo ihr Bruder Robert, Navigator eines der beiden abgestürzten Flugzeuge, der „Pregnant Peggy“, deutsch „Schwangere Peggy“, ums Leben gekommen war. Auch 2019 reisten Angehörige extra aus den USA an, um sich ein Bild von der Stelle zu machen, wo ihre Verwandten ums Leben kamen.

Hier saßen nun auch die Beckers auf der nur drei Meter vom Gedenkstein entfernten Sitzgruppe. Während Sandro Becker die Geschichte vom Absturz erzählte, spielte der eineinhalb Jahre junge Noa im Gras. Seine Mutter war besorgt, was er da vom Boden aufsammeln und in den Mund stecken könnte. Plötzlich hatte er etwas Metallenes in der Hand. „Was hast du denn da? Zeig mal her“, sagte die Mutter. Jetzt sah sie die Marke. Während der Vater noch am Vortrag der Geschichte war, hörte er seine Frau sagen: „Da steht ja der Name des Piloten drauf.“

Regen spült Marke frei

Der Vater nahm sich das Metallstück und auch er las den Namen: John M. Aiken Junior. Offensichtlich hatte der recht lange und oft anhaltende Regen im Frühjahr die Marke Stück für Stück nach oben gespült. Bei nochmaligen Blick auf die Erinnerungstafel stellte Becker fest, dass diese Erkennungsmarke doch tatsächlich einem der bei dem Unglück vom Oktober 1944 getöteten Soldaten gehört hatte. John M. Aiken war als Second Lieutenant der Pilot der „Bombers Moon“, dem zweiten am Unglück beteiligten Flugzeug neben der „Pregnant Peggy“.

Zu Hause suchte Becker dann im Internet nach Hinweisen auf den Gedenkstein und das Unglück und stieß auf einen 2017 in der RHEINPFALZ erschienen Bericht, in dem Uwe Benkel aus dem westpfälzischen Heltersberg genannt wurde. Dieser gründete 1989 die „Arbeitsgruppe Vermisstenforschung“ die bis heute rund 140 Flugzeugwracks in Deutschland ausgegraben hat. Die Gruppe will vermissten Fliegern der kriegführenden Nationen ihren Namen zurückgeben und für eine ordentliche Grabstätte sorgen. Bei der Einweihung der Gedenkstätte hatte Benkel ein paar kleinere Stücke von Wrackteilen, die an der Absturzstelle geborgen wurden, an die Angehörigen der Verunglückten übergeben.

2019 Bordmaschinengewehr gefunden

Sandro Becker setzte sich mit Benkel in Verbindung und schickte diesem die im Soldatenjargon weltweit gerne als Hundemarke, im englischen „dog tag“, bezeichnete Plakette zu. Benkel leitete diese an Iain Walker aus New York, einen Mitarbeiter der Arbeitsgruppe in den USA, weiter. Walker konnte Christine Aiken-Reichner, eine Cousine zweiten Grades des abgestürzten Leutnants, ausfindig machen. Sie arbeitet als Ärztin in Washington, D.C. Der Vater des Gefallenen und Christines Großmutter waren Geschwister. John M. Aiken selbst hatte weder Geschwister noch eigene Kinder.

Nach dem Absturz hatte man einige der Soldaten anhand ihres Zahnstatus oder auch von Wäschemarken identifizieren können. Bei John M. Aiken war dies nicht möglich. Man ging damals wie heute davon aus, dass er beim Absturz regelrecht zerrissen wurde. Auch wurde einer der Toten erst Tage später zwei Kilometer von der Absturzstelle entfernt nahe Weyher gefunden. Ursache dafür dürfte die Tatsache gewesen sein, dass er aus dem Flugzeug geschleudert wurde.

Uwe Benkel geht davon aus, dass noch weitere Wrackteile und sonstige Überbleibsel der Flugzeuge im Wald liegen, möglicherweise unmittelbar unter der Oberfläche, gerade wohl auch in der schwer zugänglichen Hanglage hinunter zum Modenbachtal. 2019 hatten Mitarbeiter der US Air Base in Ramstein ein Bordmaschinengewehr eines der Flugzeuge direkt unter dem Laub in der Nähe der Absturzstelle gefunden.

Sandro und Melanie Becker mit dem eineinhalbjährigen Noa und dem vierjährigen Leo beim Forsthaus Heldenstein.
Sandro und Melanie Becker mit dem eineinhalbjährigen Noa und dem vierjährigen Leo beim Forsthaus Heldenstein.
Vermisstenforscher Uwe Benkel mit der von Tom und Mary Burton gestifteten Bronzetafel.
Vermisstenforscher Uwe Benkel mit der von Tom und Mary Burton gestifteten Bronzetafel.
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