Kreis Südliche Weinstraße Flüchtlinge im Alltag begleiten

Vor zwei Jahren mussten in der Verbandsgemeinde Bad Bergzabern 22 Asylbewerber untergebracht und versorgt werden. Aktuell leben hier 94 Flüchtlinge. Die Verwaltung prognostiziert, dass die Zahl bis zum Jahresende auf 140 bis 150 steigen wird. Um die Asylbewerber auch in Zukunft angemessen betreuen zu können, werben Verwaltung und Diakonie, die bisher die größte Last der Betreuung zu tragen hatte, verstärkt um ehrenamtliche Helfer.
„Die Verbandsgemeinde hat lediglich den Auftrag, für die Unterbringung der Asylbewerber zu sorgen, die Betreuung ist eigentlich nicht unsere Aufgabe“, sagt erster VG-Beigeordneter Martin Engelhard. Er hält das für ein Unding. Um die Betreuung der Flüchtlinge kümmerte sich bisher fast ausschließlich das Diakonische Werk unter der Federführung von Ulrike Brunck. „Wir haben mit unseren Kapazitäten eine Grenze erreicht und brauchen Hilfe“, betont Brunck. „Wir brauchen ehrenamtliche Integrationshelfer“, sagt Bürgermeister Hermann Bohrer. Die Diakonie solle auch in Zukunft der Kristallisationspunkt bleiben. „Es soll eine Art Willkommenskultur entstehen“, nennt Bohrer die Zielsetzung. Das wünscht sich auch Ulrike Brunck. „Die Flüchtlinge, die zu uns kommen, haben ja teilweise Schreckliches erlebt. Wir wollen sie bei uns willkommen heißen und durch den Alltag in einem fremden Land begleiten“, so Brunck. Derzeit gibt es in der Verbandsgemeinde Bad Bergzabern Flüchtlinge aus 17 verschiedenen Nationen. Die meisten kommen vom Balkan, hauptsächlich aus Serbien, Kosovo und Mazedonien, aus dem Bürgerkriegsland Syrien sowie aus den afrikanischen Krisenstaaten Eritrea und Somalia. Auch wenn die Menschen vom Balkan praktisch keine Chance auf Asyl haben und häufig nur ein oder zwei Monate in der Verbandsgemeinde zuhause sind, durchlaufen sie das komplette Programm, wie Brunck es nennt. Das heißt beispielsweise: Die Kinder werden eingeschult oder im Kindergarten angemeldet. Ein großes Problem bei den enorm gestiegenen Flüchtlingszahlen ist die Unterbringung. Derzeit sind die Flüchtlinge in drei Häusern in Bad Bergzabern sowie in Klingenmünster und Vorderweidenthal untergebracht. „Wir haben es bisher geschafft, die Menschen bewusst zu verteilen“, sagt Brunck. „Wir wollen keine zentrale Unterbringung, wir wissen ja häufig nicht, wie die Menschen zusammenpassen.“ Brunck spielt dabei auf ethnische oder religiöse Konflikte in den Herkunftsländern an, die dann manchmal auch in der neuen Heimat ausgetragen werden. Die Verbandsgemeinde suche dringend Wohnraum für Asylbewerber, so Engelhard: „Wer eine Wohnung zur Verfügung stellen kann oder ein Ferienhaus, das nicht mehr genutzt wird, soll sich bei uns melden.“ Die Flüchtlinge kommen zunächst in ein zentrales Aufnahmelager, danach werden sie auf die Landkreise verteilt. „Wir haben dann eine Woche Vorlaufzeit, um eine Wohnung zu finden und herzurichten.“ In der VG gibt es vier ehrenamtliche Integrationsbeauftragte: Fatima Mussa (Bad Bergzabern), Susann Hardies (Dörrenbach), Sabine Kerstan (Schweigen-Rechtenbach) und Alfons Meister (Steinfeld). Um diese Vier soll ein Netzwerk an Integrationshelfern entstehen. „Wir brauchen jeden“, sagt Brunck, „egal ob er eine Stunde pro Woche helfen kann oder jeden Tag.“ Die Integrationshelfer sollen die Flüchtlinge durch den Alltag begleiten, etwa bei Arztbesuchen oder Behördengängen. „Viele Flüchtlinge sprechen kein Wort Deutsch, die sind mit solchen Dingen überfordert“, weiß Brunck. Hilfreich seien Sprachkenntnisse, wichtig soziale oder auch handwerkliche Kompetenz, so Brunck. Auch Kleinigkeiten würden helfen, beispielsweise wenn ein handwerklich Begabter hin und wieder in der Unterkunft vorbeischaut, um eine Glühbirne zu wechseln oder sich um einen verstopften Abfluss zu kümmern. „Ideal wären Patenschaften“, meint Brunck. Ehrenamtliche würden dabei die Betreuung eines Flüchtlings oder gleich einer ganzen Familie übernehmen. Ganz wichtig für die Neuangekommenen sei ein Rundgang durch die Stadt, damit sie beispielsweise wüssten, wo die Tafel, die Kleiderkammer oder das Möbellager zu finden seien. Bohrer will ein Willkommenspaket, das künftig an die Flüchtlinge verteilt wird, etwa mit Stadtplan und wichtigen Informationen, die helfen sollen, sich in der fremden Umgebung zurechtzufinden. Es sei manchmal anstrengend als Integrationshelfer, sagt Ulrike Brunck, aber alle hätten ihr gesagt, es sei auch beglückend, man bekomme unglaublich viel zurück: „Die Leute sind unglaublich dankbar.“ (jpa)