Kreis Südliche Weinstraße Filigrane Krankunst

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Um 23.03 Uhr, mit fünf Minuten Verspätung, rollt der ausrangierte Doppelstockwagen in Bad Bergzabern ein. 30 Jahre war er im Dienst. Zuletzt auf der Insel Rügen. Für die Reise zur Bundespolizei wurde er im brandenburgischen Wittenberge richtig auf Vordermann gebracht. Dann ging er für insgesamt fünf Tage auf seine letzte große Reise und kam in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch unversehrt an. „Es gab Befürchtungen, dass uns jemand während der Reise einen Gruß hinterlässt, falls er den Empfänger rauskriegt“, so Judith Kuha, Öffentlichkeitsreferentin der Bundespolizei Bad Bergzabern. Für die Fahrt von Neustadt muss extra eine große Rangierlok geordert werden. Noch einmal ertönt das Signal der Lok nach dem Abkuppeln. Neues Einsatzgebiet ist ein nachgebauter Bahnsteig auf dem Polizeigelände mit einem befahrbaren Gleisbett. Dort sollen dann besondere Einsätze der Bundespolizei trainiert werden (DIE RHEINPFALZ berichtete). Doch bis es so weit ist, muss das Ungetüm erst mal dort ankommen. Entspannte Gesichter bei den beiden Kranführern aus Iffezheim und Karlsruhe sowie deren Helfern. „Der macht das zum ersten Mal“, wird gefrotzelt. Dass das ein Scherz ist, merkt man sofort. Wie geschmiert verläuft das Anheben und Verladen. Die Kräne, jeweils mit einer Maximallast von 140 Tonnen, hieven den Waggon vom Gleis und schwenken dann auf den achtachsigen Spezialtieflader, der auf dem Parkplatz dahinter steht. „Das ist echte Krankunst“, so Karl Hammerschmidt, Leiter des Spezialtransports. Die etwa 100 Schaulustigen sind ebenfalls begeistert. Jeder hat das Handy in der Hand und fotografiert den schwebenden Eisenbahnwaggon, der mit fünf Seilen pro Kran hochgehoben wird. Mit dem Seilzug und der 200 PS starken Winde ist das Anheben des Waggons eine Leichtigkeit. Nach dem Verladen wird der rote Koloss von unten mit Ketten festgezurrt. „Das ist wie beim Auto, da macht man das Abschleppseil ja auch am Fahrwerk fest und nicht oben am Dach“, so einer von Hammerschmidts Speditionsteam. Dass dieses den Kranführern in Sachen Perfektion in nichts nachsteht, zeigt sich schon an der ersten Kurve in die Landauer Straße. In einem Rutsch bugsiert Fahrer Stefan das 36 Meter lange und 128 Tonnen schwere Gespann ums Eck. Danach geht′s weiter auf der ungefähr vier Kilometer langen Strecke in Richtung B 38. Der Umweg muss sein, andernfalls kommt der Konvoi nicht in die Einfahrt beim Polizeigelände. „Komm, hau weg das Ding!“ Und schon muss das erste Verkehrsschild dran glauben. Es soll aber das einzige bleiben, derart gut manövrieren die Spezialisten den Lkw samt Tieflader durch die Straßen. Der Kreisel wird fast schon in Normalgeschwindigkeit passiert. „Wir sind halt ein bisschen langweilig und nicht wie die Schwertransporte bei Kabel 1“, sagt Hammerschmidt und schmunzelt. Die spektakulären Abschnitte kommen aber erst noch. An der Kaserne wird es knifflig. Rückwarts durch den Kreisel und dann noch die steile Auffahrt zum Ziel hoch mit über 90 Tonnen im Schlepptau. Die 680 PS starke MAN-Maschine jault auf. Damit die Maschine ihre unvorstellbare Leistung von 3000 Newtonmeter Drehmoment auf die Straße bringen kann, sind 20 Tonnen Gewicht auf den hinteren Achsen montiert. Die sind auch nötig, denn selbst die Auffahrt hoch schiebt der Lkw über die Vorderreifen. Das letzte Stück ist das fahrerisch anspruchsvollste. „Halleluja“, so der Kommentar von Fahrer und Begleitservice unisono über das Manöver, vorbei am alten Heizungsgebäude, schräg über eine Grünfläche, dann eine Rampe hoch und danach rückwärts in den „Bahnhof“ zum Abladen. Klingt halsbrecherisch. Ist es auch. Die Zugmaschine ist schon auf der Rampe, da steht der Tieflader noch schräg auf der Grünfläche. Für den Laien bietet der leicht geneigte Waggon einen furchteinflößenden Anblick. Hammerschmidt weiß aber aus Erfahrung: „Ein talentierter Fahrer kennt sein Limit und wenn mir etwas komisch vorkommt, brech’ ich das Ganze ab.“ Außer zwei kleineren Aufsetzern vom Tieflader auf der Rampe passiert aber nichts. Eine Lektion in Sachen rückwärts Einparken gibt’s dann noch obendrauf auf die knapp zweistündige Tour. Die Rampe muss schließlich auch wieder runtergefahren werden. Geschickt dirigieren Fahrer und Begleitteam den Waggon in die „Parklücke“ vor dem Bahnsteig. Dabei helfen erneut die per Fernsteuerung lenkbaren acht Achsen des Tiefladers. Um 4 Uhr morgens ist der Waggon dann an seinem neuen Standort. Irgendwie war der ganze Transport sogar viel spektakulärer als bei Kabel 1.

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