Kreis Südliche Weinstraße Fast erfroren
Rita Scherer ist noch immer erschüttert. Was da an den beiden Tagen des 23. und 24. Januar passiert ist, hat Spuren hinterlassen. „Es hätte nicht mehr lange gedauert, dann wäre er erfroren“, meint sie. Er, das ist Scherers Cousin. Im Oktober 2015 erleidet er einen Schlaganfall. Der 61-Jährige ist halbseitig gelähmt, Sprechen ist kaum möglich, an Laufen ist nicht zu denken. Er benötigt Pflege, den Alltag kann er in seinem Haus in Lug nicht mehr selbst bestreiten. Also kommt er im Januar 2016, nach Krankenhausaufenthalt und Reha, in ein Pflegeheim. Die Pro-Seniore-Residenz in Bad Bergzabern ist sein neues Zuhause − auch wenn er sich dort offenbar nicht heimisch fühlt. Schon bald möchte der Mann wieder in sein Haus nach Lug. Seinen Wohnort darf er zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht selbst bestimmen, ihm wurde nach seinem Schlaganfall eine gesetzliche Betreuung zugewiesen. „Er kann nicht alleine bleiben“, ist Scherer überzeugt. Er sei nicht nur körperlich beeinträchtigt, auch geistig sei er nicht mehr auf der Höhe. „Er weiß viele Dinge wie etwa seinen Geburtstag nicht mehr. Er kann seither ja nicht mal mehr lesen“, erzählt Scherer über ihren Cousin. Auch die Mitarbeiter des Pflegeheims hätten gesagt, dass er nicht heim kann, sagt sie. Wenn er auch immer wieder den Wunsch äußert, nach Hause zu wollen: Es geht nicht, die gesetzliche Betreuung schiebt dem einen Riegel vor. Eine Wendung nimmt die Geschichte im November 2016. Auf Drängen des Mannes wird sein Zustand von einem Psychologen überprüft − mit überraschendem Ergebnis. Der Gutachter stellt fest, dass er selbstbestimmt leben kann, die gesetzliche Betreuung wird aufgehoben. Auf den Tag genau ab dem 25. November 2016 darf er wieder selbst entscheiden, wo er wohnen möchte. Also drängt er weiter auf die Rückkehr nach Lug. „Es ist ein großes Problem, dass der Mann sehr bestimmend ist“, sagt Pro-Seniore-Sprecher Peter Müller. Das hätten teilweise auch die Pflegerinnen zu spüren bekommen. Eine Handhabe, ihn zum Verbleib im Heim zu zwingen, haben die Mitarbeiter der Pro-Seniore-Residenz nicht mehr. Eine Hürde können sie ihm allerdings noch in den Weg stellen. Zwar kann er jederzeit seinen Auszug erklären, wie er aber nach Lug kommt, das muss er selbst organisieren. Ein Problem, das er nach langem Bohren löst. Am Abend des 23. Januar fährt ihn tatsächlich eine Betreuerin an ihrem freien Tag nach Hause. Scherer bezeichnet sie als „verantwortungslose Person“. Sie habe ihn einfach abgesetzt, alleine in einer Wohnung ohne Heizung und nur mit einem T-Shirt bekleidet. „Wir wussten gar nicht, dass er wieder zu Hause ist.“ Weil die Nachbarn sehen, dass Licht im Haus brennt, verständigen sie Scherer. Die Cousine ist die einzige Verwandte des 61-Jährigen. Mit ihrem Mann habe sie sich immer, so gut es ging, um ihn gekümmert. „Pflegen können wir ihn aber nicht, wir sind ja beide auch schon 73 Jahre alt.“ Am Morgen des 24. Januar informiert sie schließlich den Hausarzt ihres Cousins, Albert Schwarz aus Gossersweiler. Sofort fährt er nach Lug, um nach seinem Patienten zu schauen. Was er vorfindet, ist eine verschlossene Haustür, hinter der er einen Mann in Not vermutet. Also zieht er Feuerwehr und Polizei hinzu, um sich Zutritt zum Haus zu verschaffen. „Als ich zu ihm kam, war er unterkühlt“, sagt Schwarz. Nur durch das schnelle Eingreifen des Hausarztes sei Schlimmeres verhindert worden, ist Scherer überzeugt. Verständnis für den Rücktransport kann sie nicht aufbringen. Auch nicht dafür, dass er keine gesetzliche Betreuung mehr hat. Das wundert auch Pro-Seniore-Sprecher Müller. „Dass das Amtsgericht keine Zwangsbetreuung stellt, ist schon merkwürdig“, findet er. Die Kritik am Rücktransport kann er nicht teilen: „Unsere Mädels haben alles richtig gemacht.“ Es dürfe niemand gegen seinen Willen festgehalten werden, das wäre Freiheitsberaubung. Die Pflegerinnen haben laut Müller „alle Formalitäten sogar übererfüllt“, indem sie unter anderem den Hausarzt über den Auszug informierten. „Er war einfach nicht mehr hier zu halten“, sagt Müller. Mittlerweile hat die Geschichte ein vorläufig gutes Ende genommen. Der 61-Jährige ist wieder in der Pro-Seniore-Residenz angekommen. „Ihm geht es wieder gut“, erklärt Hausarzt Schwarz. Rita Scherer hofft nun, dass ihr Cousin erkannt hat, dass er nicht mehr alleine in seinem Haus in Lug wohnen kann. Eine gesetzliche Betreuung hat er nach wie vor nicht. Wieso, das wollte das Amtsgericht in Bad Bergzabern auf Nachfrage nicht mitteilen. |cde