Kreis Südliche Weinstraße Europa – dorthin, wo Zukunft ist
„Nein, Großbritannien bekommt keine Sonderrechte“ – auch, wenn die italienische Delegation im Falle des EU-Austritts Angst vor der entstehenden Übergröße Deutschlands hat. Estland dagegen ist bereit, dem Vereinigten Königreich Zugeständnisse zu machen, damit es in der EU bleibt: „Wir spüren die Stärke der Gemeinschaft.“ Wenn diese geschwächt würde, könnte Russlands Einfluss zunehmen, sorgt sich die baltische Delegation um die eigene Existenz als einstige Sowjet-Republik. – Szenen wie aus preisgekrönten Dokumentationen über die zum Teil schwierigen Entscheidungsfindungsprozesse in der Europäischen Union. Mit am Tisch sitzen noch Deutschland, Polen, Frankreich und die Niederlande. Am Ende steht es drei zu drei – ein perfektes Beispiel, wie in der EU gestritten wird. Gut und vor allem spontan gespielt von 14 Herxheimer und Bad Bergzaberner Gymnasiasten, die sich gestern einen ganzen Tag intensiv mit dem politisch sehr komplizierten Konstrukt Brüssel beschäftigt haben und als EU-Junior-Botschafter die Idee eines geeinten Europas in ihre Klassenzimmer und Freundeskreise tragen sollen. Dabei helfen die EU-Senior-Botschafter. Das sind die drei Herxheimer Lehrer Christine Götz, Andreas Blum und Ulla Ehmer, die Herxheimer Neunt- und Zehntklässler in einer AG betreuen. Sie wollen die jungen Leute dazu anregen, selbstständig Projekte mit Bezug zu Europa im Schulalltag anzubieten. Mit dabei waren gestern auch drei Oberstufenschüler des Alfred-Grosser-Schulzentrums, das ebenfalls als Europa-Schule anerkannt wurde. Dort gibt es noch keine AG, diese ist aber am Werden. In die Kurstadt kommt am morgigen Freitag denn auch die Europa-Abgeordnete Jutta Steinruck (SPD), um mit rund 100 Oberstufenschülern zu diskutieren. Europas Zukunft, die Jugend, soll mehr über den an Kultur so reichen Kontinent lernen, auf dem sie lebt. Das hat das Europäische Parlament dazu bewogen, dieses Projekt ins Leben zu rufen, um junge Menschen – trotz aller Krisen – für die Idee eines geeinten Europa zu begeistern, wie Judit Hercegfalvi vom Berliner Informationsbüro des Europäischen Parlaments gestern erklärte. Es handele sich um ein Pilotprojekt, das nach niederländischem Vorbild nun auch in Italien, Irland, Spanien, Polen, Frankreich und Deutschland angelaufen ist. In Deutschland nehmen 20 Schulen teil, darunter die Gymnasien in Herxheim und Bad Bergzabern. Dass die europäische Idee nach 65 Jahren nach wie vor keine Selbstverständlichkeit bei jungen Menschen ist, wurde gestern immer mal wieder deutlich. Stichworte aus Geschichte wie Montanunion, EWG, Römische Verträge oder Schengen-Abkommen, waren den Schülern nicht wirklich geläufig Gleichwohl zeigte sich die Begeisterung für die Idee, die am 9. Mai 1950 mit einer Rede des damaligen französischen Außenministers Robert Schuman geboren wurde. Ein Zitat: „Europa lässt sich nicht mit einem Schlage herstellen und auch nicht durch eine einfache Zusammenfassung. Es wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen.“ Der Grundgedanke für ein geeintes Europa war ausgesprochen. In sechseinhalb Jahrzehnten wurde an der Idee gebastelt – ein gemeinsames Parlament, offene Grenzen und eine gemeinsame Währung sind Wirklichkeit geworden. Nun soll die Jugend für den Erhalt des Erreichten begeistert werden und helfen, sie weiterzuentwickeln. (rww)