Kreis Südliche Weinstraße
Essingen: Naziglocke ist abgehängt
Es ist vollbracht. Am Freitag ist die Naziglocke im Turm der Wendelinuskapelle in Essingen abgehängt und durch einen neuen Klangkörper ersetzt worden. Sie wird im Historischen Museum der Pfalz in Speyer zu sehen sein. Und es gibt weitere Pläne.
Da hing sie gestern, die neue Glocke für den Turm der Wendelinuskapelle, an einem Haken, geschmückt mit einem Kranz. Knapp zwei Jahre hat es gedauert, bis das neue Geläut die Naziglocke ersetzen konnte, nachdem deren Existenz bekannt geworden war. Vor den Augen vieler Interessierter wurde der neue Klangkörper nun aufgehängt. Das wird am Sonntag, 21. Juli, 10.30 Uhr, mit einem Gottesdienst und anschließendem Mittagessen gefeiert.
„Es ist ein wichtiger Tag für Essingen“, sagte Ortsbürgermeisterin Susanne Volz. Anfangs habe es eine Diskussion darüber gegeben, ob die Glocke abgehängt werden soll oder nicht, doch die sei abgeebbt. Es gebe noch immer zwei Lager, und das sei auch völlig in Ordnung. „Wir als Gemeinde stehen jedoch zu unserer Entscheidung“, sagte Volz gegenüber der RHEINPFALZ.
„War richtig, Glocke abzuhängen“
„Es war richtig, die Glocke abzuhängen“, sagte Wolfgang Volz vom Heimatverein St. Wendelinus, der sich um den Erhalt des Gotteshauses kümmert. „Wir wollten Ruhe im Dorf und keine Zustände wie in Herxheim am Berg.“ Die neue Glocke wird laut Volz vorerst wie die Naziglocke per Hand geläutet, aber der Heimatverein plant schon den nächsten Schritt. Ursprünglich hatten zwei Glocken im Turm der Wendelinuskapelle ihren Platz, eine davon war während des Zweiten Weltkriegs eingeschmolzen worden. „Wir wollen uns nun um eine zweite Glocke bemühen“, sagte Volz. Diese würde zwischen 8000 und 10.000 Euro kosten, der Verein hoffe auf Spenden. Sollte es gelingen, eine zweite Glocke finanzieren zu können, würde auch wieder eine Maschine eingebaut, welche die Glocken elektrisch läuten würde, sagte Volz.
Die gestern aufgehängte Glocke hat rund 10.000 Euro gekostet. Die Kosten übernimmt die Evangelische Landeskirche. Auf dem neuen Klangkörper ist der Spruch „Einer ist euer Meister, Christus; ihr alle aber seid Brüder“ zu sehen. Hintergrund: Dieselben Worte standen auf jener Glocke, die während des Zweiten Weltkriegs eingeschmolzen worden war. Hängen blieb die Naziglocke. Die trägt die Inschrift „Als Adolf Hitler Schwert und Freiheit gab dem deutschen Volk, goß uns der Meister Pfeifer Kaiserslautern“.
Zweite Inschrift gefunden
Vor einigen Monaten war auch eine zweite Inschrift auf der Naziglocke offenkundig geworden: „Den im Kampf um die nationale Erhebung gefallenen Deutschen zum Gedächtnis.“ Der Satz bezieht sich auf den Hitlerputsch von 1923 in München, bei dem 16 Putschisten ums Leben gekommen waren, die in der NS-Zeit als „Blutzeugen der Bewegung“ verehrt wurden.
Anfang des Jahres hatten Pfarrer Richard Hackländer und Ortsbürgermeisterin Susanne Volz erklärt, die Naziglocke werde 2019 abgehängt und durch ein neues Geläut ersetzt. Ursprünglich war geplant gewesen, die Glocke zu Pfingsten zu entfernen. Problem: Sie konnte erst jetzt entfernt und durch eine neue ersetzt werden, weil der marode Glockenstuhl erst später saniert wurde. Kosten: rund 17.000 Euro.
RHEINPFALZ-Recherchen der Auslöser
Die beiden Kirchengemeinden – ihnen gehört die Wendelinuskapelle – und der Heimatverein hatten sich nach Bekanntwerden der Naziglocke für das Abhängen dieser ausgesprochen. Die Glocke selbst gehört der Ortsgemeinde. Deren Gemeinderat hatte sich Ende 2017 dem Votum der drei Parteien angeschlossen, die Glocke als Dauerleihgabe dem Historischen Museum der Pfalz in Speyer zu übergeben.
Recherchen der RHEINPFALZ hatten die Debatte um die Glocke im August 2017 ins Rollen gebracht. Grundlage war ein Buch des Pfarrers und Historikers Bernhard Bonkhoff. Die Glockenbeauftragte der Landeskirche, Birgit Müller, hatte anschließend ein Gutachten zur Essinger Glocke erstellt und empfohlen, diese zu entfernen.
Anders lief es in Herxheim am Berg im Kreis Bad Dürkheim: Dort hatten Gemeinderat und Presbyterium dafür gestimmt, die „Hitlerglocke“ im Turm der protestantischen Kirche hängen zu lassen. Sie trägt die Inschrift „Adolf Hitler – Alles fuers Vaterland“. Die Landeskirche hatte dagegen empfohlen, die Glocke aus dem Turm zu holen.