Kreis Südliche Weinstraße Einmal am Tag die große Runde

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„Einen Fuß vor den anderen, dann kommt man vorwärts.“ Das ist das Motto einer bewundernswerten alten Dame, die jeden Tag eine große Runde läuft, nicht fernsieht und täglich die RHEINPFALZ liest. Fünf vor acht steht sie auf, trägt nur selbstgestrickte Oberteile, „frühstückt wie ein Fürst, isst zu Mittag wie ein Bürgerlicher und zu Abend wie ein Bettler“. Heute wird Erna Ehlers aus Bad Bergzabern 102 Jahre alt.

Seit vier Jahren lebt sie in der Pro Seniore Residenz in Bad Bergzabern, atmet wieder die Luft der alten Heimat. Zuvor lebte sie mehr als ein halbes Jahrhundert in Frankfurt. „Heute morgen habe ich mir aus der RHEINPFALZ einen Artikel über den Ersten Weltkrieg ausgeschnitten, den studiere ich heute Abend dann ganz genau“, erzählt sie im Gespräch. Mit dabei sind ihre 75-jährige Nichte Elisabeth Rinck und ihre Großnichte Erika Rinck aus Klingenmünster, die sie regelmäßig besuchen. „Ich trage nur meine gestrickten Sachen, sie sind alle aus Naturwolle oder Seide“, sagt sie lebhaft, als sie auf das komplizierte Muster ihres Pullovers angesprochen wird. „Tante Erna hat fast ihre ganze Garderobe, auch Mäntel und Kostüme, gestrickt“, erzählt ihre Nichte. Die zweite große Leidenschaft von Erna Ehlers war das Autofahren. „Mit Tante Erna brauchte man keinen Navigator, sie konnte unheimlich gut Karten lesen“, erinnert sich Elisabeth Rinck. „Ich war zweimal mit meinem Mann mit dem Auto am Nordkap, es war ein Automatik, mit 59 Jahren habe ich den Führerschein gemacht“, erzählt die alte Dame. Auch nach dem Tod ihres Mannes fuhr sie einmal im Jahr allein nach Arosa zum Bergwandern. Bewegung ist für die alte Dame ganz wichtig, auch mit dem Rollator. Wenn es das Wetter zulässt, läuft sie einmal am Tag die große Runde um die Pro Seniore Residenz, bei schlechtem Wetter sind die Flure des Hauses ihre Spazierwege. Sie macht beim Gedächtnistraining und beim Bingo mit. „Und ich wechsle die Batterien meines Hörgerätes selbst“, sagt sie. Geboren wurde Erna Ehlers 1912 in Bergzabern. Ihre Eltern besaßen die Bäckerei Hiller in der Mittelgasse, heute Marktstraße. Dass sie schon früh helfen musste, vor der Schule Brötchen ausgetragen hat oder nach Weißenburg gelaufen ist, um Hefe zu kaufen, war damals selbstverständlich. „Ich bin sparsam aufgewachsen, da wurde nichts weggeworfen“, sagt sie. Nach der Volksschule besucht sie die höhere Töchterschule in Landau, lernt Stenografie, Schreibmaschine, Englisch und Französisch. Nach der Ausbildung kümmert sie sich um die Buchhaltung der elterlichen Bäckerei. Kein Thema ist für sie die Zeit des Krieges, darüber spricht sie nicht gerne. In den 50er-Jahren geht Erna Ehlers nach Frankfurt, arbeitet dort in einer Bank. 1965 heiratet sie Gerhard Ehlers, er arbeitet bei einer Finanzbehörde. 1984 stirbt ihr Mann, Erna Ehlers bleibt in Frankfurt, besucht aber regelmäßig ihre Nichte und deren Familie in Klingenmünster. Heute sind die Wege kürzer. (pfn)

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