Annweiler / Schwanheim / Landau
Ein Kunstglaser berichtet über sein aussterbendes Handwerk
Einst hatte sein Vater hier eine Glaserei betrieben. Seitdem 2000 altersbedingt Schluss war, kann sich Roland Götz in der Werkstatt in der Annweilerer Altenstraße austoben. Wer eintritt, steht vor einer 2,50 mal 1,60 Meter großen Tafel, auf die Blumen-Ranken gezeichnet sind. Der Entwurf für eine Bleiglas-Tür mit eben solchem Seiten-Rahmen. Demnächst wird sie ein Ludwigshafener Privathaus schmücken, so viel verrät Götz, der seit 25 Jahren in Schwanheim lebt. Aber bis dahin warten noch 40 bis 50 Arbeitsstunden auf ihn. Nebenan hat er auf einer Holzplatte die Motive vorgezeichnet, schon einige Glasstücke in passende Form geschnitten und zurecht gelegt. „Drehen Sie sich mal um!“, fordert er uns auf und zeigt auf eine Wand, an der eine bunte Glasplatte neben der nächsten aufgereiht ist.
Man will lieber gar nicht nachrechnen, was es die Versicherung kosten würde, wenn man jetzt unglücklich stolpern und einen Scherbenhaufen hinterlassen würde. Denn alleine eine dieser 60 mal 90 Zentimeter großen Platten kann bis zu 300 Euro kosten. Warum? Weil etliche von ihnen handgeblasen sind. Wie bläst man denn eine Scheibe? Roland Götz weiß es. Das erhitzte weiche Glas wird zunächst zur Kugel geblasen und dann geschwungen, bis man eine Art Zeppelinform hat. Dann werden Deckel und Boden gekappt, sodass man eine Röhre hat. Die wird an einer Seite aufgeschnitten und zur Platte gebügelt. Die breiten Schlieren im Glas sind also ein Qualitätsmerkmal, weil sie zeigen, dass die Platte handgemacht und nicht industriegefertigt ist. Sein Material bekommt er von Glashütten aus dem Bayerischen Wald, aus Frankreich und aus den USA.
Billig-Variante verdrängt Bleiverglasung
Etliche grüne Glasteile hat Götz schon in Form gebracht. Sie werden den Stiel ergeben. Rund 120 Einzelteile werde er für das Projekt wohl brauchen, überschlägt er. Um jedes Glasstück formt er einen Bleibogen herum, der auf der anderen Seite eine weiteres Glasstück hält. Auf der Holzplatte fixiert er so Stück um Stück. Dann kommt der Lötkolben zum Einsatz. An den Kreuzstellen wird das Blei verschmolzen, sodass es schlussendlich all die einzelnen Glasstücke zusammenhält.
Einen mittleren vierstelligen Betrag muss man für solch eine kunstvolle Tür hinblättern. So etwas leistet sich nicht jeder. Zumal in den 1990er-Jahren die Mode aufgekommen sei, anspruchsvolle Bleiverglasung mit Farbfolie und selbstklebendem Blei günstig zu imitieren, weiß Götz. „Die Nachfrage nach Bleiverglasung ist stark zurückgegangen.“ Was dafür im Trend liege, seien Sandstrahlmotive. Und wie das funktioniert, zeigt er uns im Nachbarraum.
Einst im väterlichen Betrieb gelernt
Aber zuvor werfen wir noch mal einen Blick zurück. Wie hat sich seine Leidenschaft für das zerbrechliche Gut überhaupt Bahn gebrochen? Ganz der Familientradition folgend, hatte Götz einst Glaser und Fensterbauer gelernt, mit 23 Jahren sogar seinen Meister gemacht. „Das war mein erstes Leben“, erinnert er sich. Zwei, drei Jahre hat er noch in dem Beruf gearbeitet. Dann war das erste Kind unterwegs. Damals war er schon zehn Jahr bei der Feuerwehr aktiv, auch als Jugendwart. Die Arbeit mit jungen Menschen machte ihm Spaß, und so schlug er einen neuen Lebensweg ein und erlernte den Erzieherberuf. Seitdem arbeitet er, bis auf eine kurze Zwischenstation, im Jugendwerk in Landau.
„Aber das Glas hat mich nie losgelassen“, gesteht er. In seiner Freizeit habe er immer geglasert. „Die gestalterische Arbeit fasziniert mich, und es ist ein toller Ausgleich zum Beruf“, findet er. Die Kreativität zu fördern, zu sehen, was man mit den eigenen Händen schaffen kann, diese Bereicherungen aus der Glaserei hat er auch in seine Arbeit im Jugendwerk mitgenommen. In den 1990er-Jahren habe er dort eine Tiffany-Werkstatt mit aufgebaut und später Bleiglaser-Seminare in der Schreinerei der Lernförderung gegeben, berichtet er. „Es ist dieses Zusammenspiel von Farbe, Form und Licht, das mich fesselt“, schwärmt Götz. Man habe in Form und Anwendung fast unbegrenzte Möglichkeiten – vom Kirchenfenster bis zum Möbelstück.
Tür für Ducati-Club-Präsidenten
Zurück zum Werkstatt-Treiben. Zwei große Kompressor-Motoren bringen die Power für den Pressluftkessel, der das Sandstrahlgerät auf Touren bringt. Auf dem Tisch liegt eine mit Folie beklebte Glastür, auf die eine Ducati-Ventilsteuerung gezeichnet ist. Eine Auftragsarbeit für den Präsidenten des Würzburger Ducati-Motorrad-Clubs. Mit einem Skalpell schneidet Götz die Bereiche aus der Folie, die er danach auf dem Glas bearbeiten will. Danach schwingt er den Pressluft-Schlauch über die Schulter, aus dem winzig kleine Körnchen auf die Glasplatte schießen und die Oberfläche anrauen. An den sandgestrahlten Stellen erscheint das Glas weiß statt durchsichtig und ergibt schlussendlich das vorgezeichnete Bild. Aber auch hier gibt es schon günstigere Alternativen. Stichwort: Lasertechnik. Götz findet diese allerdings „seelenlos“.
Solche Sandstrahlmotive hätten bisher nur Privatleute angefragt, Bleiglasmotive hat Götz auch schon für Betriebe, Banken oder Gemeinden gemacht, beispielsweise der Stadt- und das Verbandsgemeindewappen Annweilers. Auf zehn bis zwölf Aufträge pro Jahr kommt Götz. Aber wenn es nach ihm geht, könnten es auch gerne mehr sein. Kunstglaser gibt es nur noch eine Handvoll, der anspruchsvolle Beruf ist vom Aussterben bedroht. Götz sind in der Region nur noch Kollegen in Germersheim, Neustadt und Bad Bergzabern bekannt. Letzterer sei aber auch schon im Rentenalter.
„Manchmal sagt mir das Glas etwas“
Auch in der Friedenskapelle in Birkenhördt, in der Kirche St. Martin und im Speyerer Dom war Götz schon zugange. Sein großer Traum ist aber ein anderes Gotteshaus. „Es hat sich in meine Seele gebrannt, als Notre Dame in Flammen stand“, erzählt er. „Also falls jemand anrufen und sagen würde, wir brauchen einen Kunstglaser, würde ich sofort die Koffer packen und hinfahren.“
Ach ja, kommt es eigentlich auch vor, dass ihm das Glas beim Schneiden zerspringt? „Ja, das passiert schnell, wenn das Glas spröde ist“, weiß Götz. Wenn das Glas eher eine zarte Struktur habe, gehe es nicht so schnell kaputt. „Das merkt man, wenn man den Glasschneider aufsetzt. Dann hört man das Glas ,singen’, wie es bei uns heißt, und man weiß, ob man Glück hat oder ob es schwierig wird.“ Aber Verschnitt gehöre dazu. Und daraus könne ja auch etwas Neues, Unerwartetes entstehen. „Manchmal sagt mir das Glas etwas. Und dann gibt ein Bruchstück die Form vor. Man muss ein Gefühl dafür entwickeln und sich vom Glas leiten lassen.“