Kreis Südliche Weinstraße Dritter Kuss ist gefährlich

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Brechend voll war die Vinothek des Weinguts Knöll und Vogel in Bad Bergzabern bei der Buchlese von Martin Graff. Lesung ist an dieser Stelle aber untertrieben, Graff hat meist frei gesprochen und mit vollem Körpereinsatz eine eloquente, witzig-ironische und mit profundem Geschichtswissen gespickte Vorstellung gegeben. Das Publikum war begeistert.

Der 1944 in Munster im Elsass geborene Pfarrer, Autor, Journalist und Filmemacher, der auch eine deutsch-französische Kolumne für die RHEINPFALZ schreibt, stellte sein Buch „Leben wie Gott im Elsass, deutsche Fantasien“ vor. Mit souveräner Ironie wirft er einen Blick hinter die Fachwerkidylle und macht Grenz-Beobachtungen der besonderen Art. 48 kleine Geschichten enthält das Buch und ist zudem eine Fundgrube der Geschichte Frankreichs und Deutschlands: immer humorvoll, oft mit ernstem Hintergrund. Die Sitten und Gebräuche „hiwwe unn driwwe“ sind natürlich immer Thema. „Ein Zweierkuss ist üblich, wenn man sich nicht so gut kennt, ein Viererkuss, wenn man sich öfter gesehen hat“, klärt Graff nicht nur auf, sondern gibt gleich praktischen Anschauungsunterricht. Und warnt: „Der dritte Kuss ist gefährlich, das könnte falsch verstanden werden.“ Wissen müsse man auch, dass die Handschellenschlüssel der deutschen und der französischen Polizei nicht kompatibel seien. Und dass der Blutdruck anders gemessen werde. Wenn der französische Arzt dann acht zu zwölf sage, sei das kein Grund zur Panik. Graff überzeichnet humorvoll, um auf Dinge aufmerksam zu machen. Geboren wurde er angeblich auf einem Hochseil über dem Rhein, auf dem seine Mutter balancierte. Er auf der französischen Seite, sein Zwillingsbruder auf der deutschen Seite des Rheins. „Der Ort, an dem wir geboren werden, ist Zufall, wir vergessen es nur schnell“, so Graff. „Es dauert schon einige Vorstellungen, bis alles sitzt, aber ich habe Fernseh- und Pfarrererfahrung“, so Graff augenzwinkernd zu seinem gut vorbereiteten Auftritt. „Ich sehe die Zukunft in deutsch-französischen Beziehungen“, sagt er seinen Zuhörern. Und erzählt die Geschichte von Rico, Nathalie und Valentine. „Sie spricht französisch. Er spricht Deutsch. Oder umgekehrt. Wenn Valentine ihren Vater anschaut, spricht sie Deutsch. Wenn ihr Blick zur Mutter wechselt, parliert sie französisch. So einfach kann das Leben sein.“ Eine kleine Geschichte widmet sich der „Weihnachtsdemenz im Elsass“. In den 90er-Jahren sei das Konzept in Straßburg ins Leben gerufen worden, die deutsche Tradition der Weihnachtsmärkte sei im Elsass längst vergessen gewesen. „Heute besuchen ab dem ersten Advent Millionen Franzosen das Elsass, Weihnachten wurde glatt in den Januar verlängert.“ Seinem begeisterten Publikum gibt er ein Gedicht in drei Sprachen mit. „Hänge deine Wurzeln an die Luft, erst dann blickst du über die Grenzen“, lautet eine Zeile daraus. (pfn)

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