Annweiler / Herxheim / Bellheim RHEINPFALZ Plus Artikel Die Narben bleiben: Südpfälzer erinnern sich an den Flugtag 1988

Bei dem Unglück in Ramstein kollidierten die Flugzeuge der italienischen Kunstflugstaffel.
Bei dem Unglück in Ramstein kollidierten die Flugzeuge der italienischen Kunstflugstaffel.

Vor fast 34 Jahren geschah auf dem Flugtag im pfälzischen Ramstein eine der größten Flugschaukatastrophen der Geschichte. Drei Südpfälzer erinnern sich an den Tag, der die Leben vieler Besucher für immer verändert hat.

Der 28. August 1988 war ein wunderschöner Sommertag. Perfektes Wetter für den Flugtag, der schon seit den 1950er-Jahren auf der Airbase in Ramstein veranstaltet wurde. Über 350.000 Besucher lockte das Riesenspektakel mit Flugshows und amerikanischem Lebensgefühl in die Westpfalz. Für viele war es der Höhepunkt ihres Jahres – bis 15.44 Uhr. Da begann für viele Besucher des „Flugtags 88“ eine lebenslange Leidensgeschichte. Denn bei der letzten Flugshow – der italienischen Kunstflugstaffel „Frecce Tricolori“ – kollidierten drei Jets auf gut 40 Metern Höhe miteinander. Brennendes Kerosin ergoss sich über die Besucher, eines des Flugzeuge stürzte in die Menge. Bei dem Unglück starben 70 Menschen. Mehr als 500 wurden teils schwer verletzt.

Heute, fast 34 Jahre nach dem Unglück, sind die Narben geblieben. Nicht nur die körperlichen, sondern vor allem die seelischen. Und die Erinnerungen. „Dieses Erlebnis wird mir für den Rest meines Lebens folgen“, sagt Herrmann Hilmar aus Annweiler. Er ist 33 Jahre alt, als er sich mit seinem Schwager, einem Amerikaner, auf den Weg zur Airbase macht. Es ist nicht seine erste Flugshow. Schon früher war er mit seinem Vater und seinem Bruder auf solchen Veranstaltungen.

„Es war wie ein Volksfest“

Ihn interessieren vor allem die Flugzeuge. Er selbst hat auch einen Flugschein. Doch nicht nur die: „Ich war schon immer ein totaler Flugshow-Fan, auch schon als kleiner Junge. Aber wir sind auch wegen dem Eis hingefahren. Dieses amerikanische Eis in den großen Packungen. Das war damals was Besonderes. Wir haben davon auch immer was nach Hause mitgenommen“, erzählt Hilmar, der 40 Jahre für das Militär gearbeitet hat, unter anderem als Logistikchef in Germersheim.

An die Stimmung vor dem Unglück erinnert sich der Annweilerer ganz genau: „Es war wie ein Volksfest. Das Wetter war toll. Wir wollten einfach was erleben.“ Die Besucher des Flugtags teilt Hilmar in drei Kategorien auf: „Die Technikfreaks, die Fans der Amerikanisches Lebensweise und die Flugzeugfans, zu denen ich gehörte. Es war eine tolle Mischung.“

1988: Heiko Gschwind auf dem Flugtag in Ramstein vor einem „Tornado“.
1988: Heiko Gschwind auf dem Flugtag in Ramstein vor einem »Tornado«.

Zu der Gruppe der „Flugzeug-Fans“ zählt sich auch Heiko Gschwind aus Bellheim. Jahrgang 1978 ist er am Flugtag gerade erst 9 Jahre alt. „Ich habe zu dieser Zeit leidenschaftlich gern Modellflugzeuge gebaut. Das war ein Hobby von meinem Vater und mir. “ Mit dem Auto ging es für den Jungen und seinen Vater erst von Bellheim nach Neustadt, von dort dann mit dem Zug nach Ramstein. Vor Ort war der damalige Grundschüler begeistert. „Ich war großer Fan des Films ,Topgun’. Solchen Fliegern einmal so nah kommen zu können, war unbeschreiblich“, erinnert sich der heute 43-Jährige. Sein Vater hält die besonderen Momente mit seiner Kamera fest. Der Junge hält einen großen Becher Limo in der Hand und strahlt in die Kamera. „Es war ein wahnsinnig schöner Tag mit meinem Vater. Wie gefährlich diese Maschinen sein können war mir als Kind nicht bewusst.“

Dank Fußschmerzen überlebt

Auch die damals 24-jährige Birgit Detzel aus Herxheim ist sich der potenziellen Gefahr des Flugtags nicht bewusst. Sie ist zusammen mit ihrem Mann, ihrer 16-jährigen Schwester und deren Freund zum Flugtag gekommen. „Wir hatten einfach einen schönen Tag, haben gegessen und uns die Flugzeuge angesehen.“ Kurz vor der letzten Flugshow will Detzels Schwester noch in ein Zelt, das direkt am Flugplatz steht. „Aber ihr damaliger Freund wollte heim, weil ihm die Füße so weh getan haben“, erinnert sich Detzel. Das habe allen damals das Leben gerettet, sagt sie. Denn als die italienischen Jets um 15.44 Uhr bei der Figur mit dem Namen „Das durchstoßene Herz“ in der Luft zusammenkrachen, sitzt die Gruppe schon wieder im Auto Richtung Herxheim.

Auch der 9-jährige Heiko Gschwind sieht die Explosion und das Feuer aus sicherer Entfernung. Sein Vater hatte kurz zuvor vorgeschlagen, noch etwas auf der anderen Seite des Flugplatzes zu essen. Später habe er ihm erzählt, er habe „so ein Gefühl“ gehabt. „Wir konnten den Rauch sehen. Es herrschte Chaos. Uns gegenüber schlug auch ein Trümmerteil ein, aber an mehr erinnere ich mich tatsächlich nicht“, erzählt er. Der kindliche Schutzmechanismus habe die schlimmeren Bilder aus seiner Erinnerung gelöscht. Darüber sei er im Nachhinein auch froh.

Flucht vor dem Feuerball
Nach dem Zusammenstoß explodierte ein Flieger noch in der Luft. Hunderte Liter brennendes Kerosin stürzten auf das Publikum.
Nach dem Zusammenstoß explodierte ein Flieger noch in der Luft. Hunderte Liter brennendes Kerosin stürzten auf das Publikum.

Doch nicht jeder hatte so viel Glück. Herrmann Hilmar und sein Schwager stehen ganz vorne, wollen den Fliegern so nah wie möglich sein, wenn die starten und landen. Nur Sekunden vor dem Unglück merkt der Flugerfahrene Hilmar, dass etwas nicht stimmt: „Ein Jet hat das Fahrwerk ausgefahren. Das tut man nur, wenn man schnell bremsen muss. Da wusste ich es: Das endet nicht gut.“ Was danach folgt, macht den Mann aus Annweiler auch über 30 Jahre später noch fassungslos. „Ich werde die Geräusche nie vergessen. Das war wie eine Faust, die in die Hand schlägt, nur viel lauter. Und dann kam auch schon der Feuerball direkt auf uns zu.“

Beim Versuch, vor den Flammen zu fliehen, stolpert Hilmar über einen Klappstuhl, der hinter ihm steht. Der damals 33-Jährige stürzt zu Boden, die Rückenlehne klappt über seinem Kopf zusammen. „Heute weiß ich: Das hat mir das Leben gerettet.“ Auch sein Schwager liegt zu diesem Zeitpunkt neben ihm auf dem Boden. Die beiden haben Verbrennungen, sind aber nicht schwer verletzt. Anders geht es den Menschen um sie herum. „Da war eine Frau, die hatte praktisch kein Gesicht mehr. Ich war schockiert von den Verletzungen. Wir haben versucht zu helfen, wo es ging. Aber wir standen unter Schock“, erinnert er sich.

Gefühl bleibt für immer

Erst nach mehreren Stunden können die beiden Männer das Gelände verlassen. Zuhause angekommen, sind Familie und Nachbarn der beiden erleichtert, dass es ihnen gut geht. Zumindest äußerlich. Denn die seelischen Wunden bleiben auch bis heute. „Mein Schwager ist nach dem Unglück zurück in die USA. Wir haben nie mehr darüber geredet. Auch mir fiel es lange schwer, darüber zu reden, Berichte zu sehen, zu fliegen. Ich habe immer gehofft, dass dieses Gefühl weggeht, ist es aber nie“, sagt der heute 66-Jährige.

Auch Birgit Detzel hatte, obwohl sie beim Unglück nicht mehr vor Ort war, lange mit den Auswirkungen zu kämpfen. „Es hat uns immer beschäftigt, was hätte alles passieren können“, erzählt sie.

2022: Heute begeistern Heiko Gschwind eher die „galaktischen“ Flugobjekte aus dem „Star Wars“ Universum.
2022: Heute begeistern Heiko Gschwind eher die »galaktischen« Flugobjekte aus dem »Star Wars« Universum.

Heiko Gschwind hat an den Tag hingegen keine negativen Erinnerungen. Nur eine sehr bleibende: Bei der Heimfahrt saß ihm und seinem Vater ein Mann gegenüber. Ohne T-Shirt, nur in kurzen Hosen und stark verbranntem Rücken. „Er erzählte uns, dass er nur knapp von Teilen verfehlt wurde, aber wegen des brennenden Kerosins sei sein Shirt direkt am Körper in Brand geraten.“ Wieso er sich aber nicht vor Ort behandeln hat lassen weiß er nicht. Noch bis zu dessen Tod hat Gschwind mit seinem Vater regelmäßig über das Erlebte gesprochen. „Das hat ihm und unserer Familie immer gut getan“, sagt er heute. In Therapien waren beide nie.

Genau wie Herrmann Hilmar. Auch an den organisierten Selbsthilfegruppen und Treffen für Ramstein-Opfer hat er bewusst nie teilgenommen. Er wolle es hinter sich lassen, sagt er. Am Ende bleibe die Dankbarkeit, das Unglück überlebt zu haben. „Ich habe an dem Tag meinen zweiten Geburtstag, das ist sicher“, sagt er. Ramstein war sein größter, aber auch sein letzter Flugtag.

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Info

Die Audio-Dokumentation „Die Katastrophe von Ramstein“ erzählt in sieben Teilen alle 14 Tage von den Folgen des Unglücks. Kostenlos zu hören auf rheinpfalz.de/ramstein und allen gängigen Plattformen, zum Beispiel Spotify.

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