Kreis Südliche Weinstraße Der Staatsfeind Nr. 1

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Besuch eines ehemaligen Strafgefangenen im Alfred-Grosser-Schulzentrum in Bad Bergzabern. Wer jetzt an einen Verbrecher denkt, der liegt falsch. Zu Gast war der ehemalige Staatsfeind Nr. 1 der DDR, Wolfgang Welsch. Der politische Gefangene war Widerstandskämpfer im „Unrechtsstaat DDR“ und half vielen Menschen bei der Flucht. Bei der Projektwoche „Der Weg zur Deutschen Einheit“ fühlten die Zwölftklässler des Leistungskurses Geschichte dem Berliner auf den Zahn.

„Waren die Wärter alle gleich? Da muss es doch auch welche gegeben haben, die netter waren“, wollte eine Schülerin von Welsch wissen. Die trockene Antwort: „Nein, die waren alle vollkommen ideologisiert. Wir waren in deren Augen Ungeziefer.“ Die Schüler hörten gespannt zu. Immerhin trifft man nicht alle Tage einen Zeitzeugen der DDR-Verbrechen. Dass es ihm am Herzen liegt, seine Geschichte zu erzählen, merkt man schnell. Die jüngere deutsche Geschichte findet in seinen Augen noch zu wenig Beachtung im Unterricht. „Das höre ich von Rostock bis nach Rosenheim. Das Thema wird in kaum einem Lehrbuch gut behandelt“, so Welsch. In Bad Bergzabern haben sich die Schüler in ihrer Projektwoche mit der DDR und der Wiedervereinigung auseinandergesetzt. Sogar den Ex-DDR-Knast in Berlin-Hohenschönhausen haben einige besucht. In der Projektwoche haben die Schüler unter Leitung von Kursleiter Stefan Binger, Ethik-Lehrerin Annette Kliewer und Geschichtslehrer Markus Vollstedt ein volles Programm. Ausstellungen, der Besuch von Welsch, Audioguides erstellen und am Ende das Ganze noch präsentieren. Anmerken tut man den 18-Jährigen die vielen Aufgaben aber nicht. Interessiert hörten sie dem 90-minütigen Vortrag zu, den Welsch mit der Frage begann: „Ist es Widerstand, wenn man flüchtet?“ Die Antwort: Ja, denn die Flucht ist die totale Verweigerung gegenüber dem System. Welschs erster Fluchtversuch misslang. Das Resultat waren zehn Jahre Haft, davon über zwei Jahre in den Anstalten der Staatssicherheit mit Isolationshaft und Folter. Ob die Methoden vergleichbar mit dem Mittelalter waren, wurde gefragt. Welschs Antwort schockierte: Isolationshaft, Schläge bis zur Bewusstlosigkeit, Misshandlungen waren an der Tagesordnung. Sogar eine Scheinhinrichtung erlebte der spätere Fluchthelfer, der durch die Bemühungen von Bundeskanzler Willy Brandt 1971 freigekauft und in die Bundesrepublik ausgeliefert wurde. Die Geschichte des Widerstandskämpfers bewegt. An was man sich klammert, wenn man inhaftiert ist, wollten die Schüler wissen. „Einzig und allein an sich selbst. Geholfen hat mir meine Erziehung und auch meine schulische Bildung. Man sagt sich selbst Gedichte auf. Bei mir war’s Schillers Glocke.“ Kontakt mit der Familie gab es in der Isolationshaft nicht. Erst nach Monaten durfte er Besuch von seiner Mutter empfangen. Dabei schmuggelt die Mutter Welschs heimlich auf Zigaretten-Papier geschrieben Tagebücher nach draußen, welche er später im Westen veröffentlichte. Dass er dabei die Nachrichten per Handschlag übergab, brachte die Schüler und Lehrer zum Schmunzeln. Die Idee war dreist, aber: „Das auffälligste Versteck ist das Unauffälligste.“ Raffiniert waren auch die Kommunikationsmethoden der Häftlinge. Als „Telefon“ dienten die leergepumpten Klos. „Das hörte sich zwar an, wie die Stimme aus dem Hades, funktionierte aber und gemerkt hat es auch keiner“. Die zweite Methode lernte er von einem inhaftierten ägyptischen Studenten, der mit ihm per Klopfzeichen kommunizierte. „Für ein A musste man einmal klopfen, für ein B zweimal und so weiter. Das tat anfangs weh, aber legte sich nach der Zeit.“ Nach der Haft half er vielen DDR-Bürgern bei der Flucht. Ein Schüler wollte wissen, wie Welsch die heutigen Fluchthelfer sehe, die zum Beispiel Flüchtlinge aus Afrika übers Mittelmeer schleusen und dafür viel Geld kassieren. Man müsse unterscheiden, meint der 71-Jährige. Es gebe viele Menschen, die in Notgeratenen helfen, aber auch viele schwarze Schafe, die Geld machen wollten. (totö)

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