Gossersweiler-Stein / Lug
Der letzte Brieftaubenzüchter im Luger Tal
Eigentlich stand Walter Hafner in seiner Jugendzeit auf Fußball. Aktiv war er beim ASV Lug. Dann kam sein Vater Friedrich Hafner ins Spiel, der den Sohn mit 13 Jahren zu den von ihm mitbegründeten Brieftaubenzüchtern brachte. Mittlerweile ist Walter Hafner seit 50 Jahren im Brieftaubenzuchtverein 09919 Luger Tal engagiert. Mittlerweile als letzter Aktiver. Neben ihm gibt es noch drei Züchter und acht passive Mitglieder. Kürzlich wurde er vom Verband Deutscher Brieftaubenliebhaber mit der goldenen Verbandsehrennadel ausgezeichnet. Sein Vater ist das einzige noch lebende Gründungsmitglied des Luger Vereins und heute Ehrenvorsitzender.
Damals, vor einem halben Jahrhundert, gab es in Lug und Umgebung noch zahlreiche Brieftaubenzüchter, die den Brieftaubensport als privates Hobby betrieben, jedoch gewillt waren, sich im Luger Verein zu organisieren. Als Friedrich Hafner zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt worden war, übernahm Sohn Walter mit 18 Jahren dessen bisherige Vorstandsposten, nämlich Kassenwart und Schriftführer. Beide Positionen hat er heute noch inne. Mittlerweile ist sein Vater 90 Jahre alt.
Der große Erfolg mit der 18-er Taube
Walter Hafner wohnt in Gossersweiler, ist aber in Lug aufgewachsen – mit den Brieftauben seines Vaters. Im Garagenanbau hatte er sich einen ansehnlichen Stamm an Zucht- und Wettflugtauben zugelegt. So wurde auch sein Sohn „vom Taubenvirus infiziert“, wie er sagt. Vater und Sohn pflegten intensiv ihr gemeinsames Hobby. Zusammen brachten sie auf Vaters Motorrad in zwei hinten aufgeladenen Transportkisten die Tauben zum Training oder zu den Wettflügen. „Schon im ersten Jahr hatten wir die beste Taube im 30. Bezirk Baden-Pfalz mit 14 Preisen auf 14 Flügen“, schwelgt Walter Hafner in Erinnerungen. „Auf der Verbandsausstellung in Essen stand sie an erster Stelle.“
Anfangs wurden die an den Wettflügen beteiligten Tauben von Ulm bis nach Österreich zum Neusiedler See gebracht und dort aufgelassen, rund 700 Kilometer entfernt. Auf dem letzten der 14 Wettflüge wäre beinahe alles schiefgegangen. Walter Hafner erinnert sich, als sei es gestern gewesen. Auf dem Heimweg vom Neusiedler See seien die Tauben kurz vor den Heimatschlägen noch in ein schweres Gewitter geraten. „Es war erst früh am Abend, aber stockfinster geworden. Wir warteten ungeduldig auf den Achtzehner, die mit der Nummer 18 markierte beste Taube aus dem Schlag. Außer mir hatte niemand mehr geglaubt, dass bei diesem Sauwetter noch eine Taube rechtzeitig den Heimweg finden würde. Und da sah ich ihn tatsächlich, meinen Champion, wie er mit den Flügeln schlagend im Licht der Straßenlaternen herannahte.“
„Ich wurde fast verrückt“
Die Freunde, die mit Walter gewartet hatten, bemerkten den Vogel erst, als er am Taubenschlag gelandet war. „Er war so erschöpft, dass er nicht einspringen wollte, sodass auf der laufenden Uhr seine Flugzeit nicht voll bestätigt werden konnte“, erzählt Walter weiter. „Ich wurde fast verrückt, lockte und pfiff mir die Lunge aus dem Hals. Nach sieben für mich unendlich langen Minuten verschwand er doch im Schlag. Unsere Nummer 18 hatte in diesem Wettkampf insgesamt 5126 Kilometer zurückgelegt.“
Im Brieftaubensport nutzt man die Eigenschaft der Brieftauben, möglichst bald wieder zu Hause am Schlag zu sein. Wie die Vögel sich ihre Wegstrecke merken können, da sie doch im geschlossenen Lkw zum Abflugort transportiert werden, ist bis heute nicht hinreichend erforscht worden. In die Wertung kommt nur ein Drittel der gestarteten Tauben. Sie müssen so schnell wie möglich wieder zurück am Schlag sein.Durchschnittlich schaffen sie 75 bis 90 Kilometer in der Stunde. Bei Rückenwind können sie auch auf 120 Stundenkilometer und mehr kommen.
Zuchttiere und Reisetauben
Mit Verlusten auf dem manchmal gefahrvollen Weg müsse immer gerechnet werden, sagt Hafner. Es kann auch vorkommen, dass sich Tauben bei ungünstiger Wetterlage verirren. Eine im falschen Schlag gestrandete Taube kann aber an ihrem Chipring erkannt werden. Dort ist neben ihrer individuellen Nummer auch die Nummer des Vereins und bisweilen auch die Telefonnummer des Halters eingetragen. Trotzdem gehen hin und wieder Tauben verloren. Walter Hafner verfügt daher über rund 90 Brieftauben, die er in dem vom Vater übernommenen Taubenschlag betreut. Davon besteht etwa die Hälfte aus Zuchttieren. Die andere Hälfte wird als Reisetauben für die Wettflüge trainiert.
Gewöhnlich ziehe jeder Halter seine Jungtiere selbst groß, trainiere und bereite sie mit speziellen Körnerfuttermischungen auf die Wettflüge vor, betont Hafner. Er habe dazu die Einrichtungen bei seinem Vater übernommen. Wettflüge führe er schon mit Jungtieren durch, etwa vier bis fünf pro Saison. Zunächst gewöhne er die jungen Tauben an die nähere Umgebung. Allmählich werde die Flugdistanz auf 50 bis 60 Kilometer erhöht.
In früheren Zeiten wurden die Ergebnisse aus den Wettflügen umständlich mit einer sogenannten Konstantieruhr auf Papierstreifen festgehalten. Von derartigen museumsreifen Geräten hat Hafner zu Hause eine ganze historische Sammlung angelegt. Er gibt zu, dass Brieftaubensport zwar ein anspruchsvolles, zeitraubendes Hobby sein könne – aber auch entspannend wirke. Seit Kurzem ist er in den „Unruhestand“ getreten, will also auch in der Rente geistig und körperlich fit bleiben. Daneben gehört er als leidenschaftlicher Motorradfahrer den Südpfälzer Veteranenfreunden an und ist auch noch passionierter Hobbyfotograf im Fotokreis der Kreisvolkshochschule SÜW.