Südpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Corona: Familienpsychologin aus Annweiler bietet kostenlose Beratung an

Die Kleinen sind in Corona-Zeiten zu Hause und wollen beschäftigt werden. Kinder in die tägliche Essenszubereitung zu integriere
Die Kleinen sind in Corona-Zeiten zu Hause und wollen beschäftigt werden. Kinder in die tägliche Essenszubereitung zu integrieren, rät Psychologin Helgit Renner-Moser.

Papa sitzt wegen Kurzarbeit zu Hause fest, Mama macht Homeoffice, und dann turnen auch noch die Kinder in den heimischen vier Wänden herum, weil Kitas und Schulen geschlossen haben. Die Corona-Isolation ist für viele Familien eine Belastungsprobe. Wie können sie die aktuelle Stresssituation meistern? Eine Kinderpsychologin gibt Tipps.

Finn geht normalerweise frühs in die Schule, danach zum Fußballtraining und trifft sich dann noch eine Runde mit seinen Freunden. Jetzt hockt er zu Hause, spielt lieber Playstation als Schulaufgaben zu lösen und nervt seine Mama mit „Mir ist langweilig“. Die hat für das gebremste Energiebündel gerade gar keinen Kopf frei, schließlich muss sie arbeiten – nur eben vom Homeoffice aus. Mama ist da, aber dann doch wieder nicht. Das versteht auch die kleine Mia nicht, die ihre Freunde aus der Kita vermisst. Jetzt könnte Papa doch mal helfen. Der ist in Kurzarbeit und hat Zeit. Aber die ganze Situation frustriert und beängstigt ihn und er weiß nicht recht, was tun. Und plötzlich kriegt sich die ganze Familie in die Haare. So oder so ähnlich geht es gerade vielen Familien wegen der Corona-Krise.

Psychologin bietet kostenlose Beratung an

In der aktuellen Lage rücken Familien wieder enger zusammen. Enger, als sie es gewohnt sind. Enger, als ihnen mitunter lieb ist. Und das führt zu Konfliktsituationen. Helgit Renner-Moser weiß um die Nöte. „Es gibt viele Familien, bei denen die häusliche Isolation, das Aufeinanderhängen in teilweise engen Wohnungen ohne Garten aus Auslauf, die fehlenden Kontakte zu Freunden und das nicht auf den Spielplatz gehen können vermehrt zu Konflikten, Stress oder sogar Gewalt führen“, sagt die Annweilerer Familienpsychologin. Deswegen bietet sie nun ihre Dienste an. Telefonisch und via Skype. Ehrenamtlich. Kostenlos. Als ihren Beitrag, um in der aktuellen Krise Unterstützung zu leisten.

Die 59-Jährige hat in München Psychologie studiert, 16 Jahre im Caritas-Förderzentrums St. Laurentius und Paulus in Landau gearbeitet und dort die Kleinkindersprechstunde aufgebaut, bevor sie vor fünf Jahren eine eigene Praxis eröffnete. Sie hat selbst drei eigene und zwei Flüchtlingskinder aus dem Kosovo groß gezogen. Bei ihrer Arbeit erlebt sie viele Familien, die sowieso schon Probleme haben – wegen Armut, Alkoholmissbrauch, fehlender beruflicher Perspektive, beengter Wohnverhältnisse, Unzufriedenheit, psychischer Unausgeglichenheit oder latenter Aggressivität. Das derzeitige Aufeinanderhocken potenziere das noch einmal. „Das birgt eine höhere Gefahr zu häuslicher Gewalt“, ist ihr bewusst. Aber auch Familien, die sonst einen ausgeglichen Umgang miteinander haben, kommen nun mitunter an ihre Grenzen.

Wie kann man die Kinder zu Hausen beschäftigen?

Sozialkontakte, die sonst für einen inneren Ausgleich gesorgt haben, fielen nun weg. Kinder seien eingepfercht in der Wohnung und kriegten sich in die Wolle. Daraufhin flippten die Eltern aus – und hätten deswegen danach Schuldgefühle. Und die Beratungsstellen seien auf Notdienste runtergefahren, erklärt Renner-Moser die vertrackte Lage. Derzeit bekomme sie oft Anrufe von Eltern, bei denen die Nerven blank liegen. „Wie kriege ich meine Kinder unter Kontrolle?“, wollen viele Erziehungsberechtigte von ihr wissen. Sanktionen sind ihrer Ansicht nach nicht das Mittel der Wahl. „Man muss das Pferd andersherum aufzäumen. Die Eltern müssen die Tage so gestalten, dass sie für die Kinder Gehalt und Highlights haben“, sagt Renner -Moser. So seien die Kleinen ausgelasteter und damit ausgeglichener.

Sie schlägt zum Beispiel vor, die Kinder in die tägliche Essenszubereitung zu integrieren. „Was wollt ihr essen? Lasst es uns gemeinsam machen.“ Und dann könne man ja auch mal einen Kuchen backen und der Oma vor die Tür stellen, die wegen der Corona-Pandemie zu Hause bleiben soll und ihre Enkelchen nicht mehr sieht. Natürlich fehlt den Steppkes auch der Bezug zu ihren Freunden. Aber auch ohne persönlichen Kontakt sei eine Geste der Freundschaft möglich. Wie wäre es mit einer nächtlichen Taschenlampen-Wanderung mit Mama und Papa. An verschiedenen Stellen könne das Kind kleine Geschenke wie Matchboxautos oder Ü-Eier-Figuren verstecken. Dann werde der beste Kumpel angerufen und dürfe die Rätselspur verfolgen. Für Bewegung kann man auch in der Wohnung sorgen, beispielsweise mit einem Geschicklichkeitsparcours, einer Badewannenparty, indem man das Bett zum Trampolin macht oder sich mit leeren PET-Flaschen duelliert. „Das klatscht ordentlich, tut aber nicht weh. So können die Kinder ihre Energie loswerden, auf eine positive Art“, erklärt Renner-Moser.

Wie kriegen Eltern Homeoffice und Kinder unter einen Hut?

Eltern sollten sich nicht zu viel Stress machen und auch mal Fernseh- und Computerzeiten zulassen, rät die Psychologin. So lange es nicht ausufere, sei das vollkommen okay. Das sei auch ganz hilfreich, wenn Eltern aus dem Homeoffice arbeiteten. Man solle den Kindern erklären: „Ich brauche jetzt für eine Stunde meine Ruhe, um arbeiten zu können, weil wir das Geld brauchen, aber danach machen wir was Tolles.“ Dabei helfe eine Eieruhr, um die Zeit für die Kinder sichtbar zu machen. Nach der Arbeitszeit sei dann eine Runde Spielzeit mit den Kindern angesagt. „Eltern müssen sich auch eingestehen, dass die Arbeit zu Hause eine andere ist als im Büro. Und dafür muss auch der Arbeitgeber Verständnis zeigen“, findet Renner-Moser. Sowohl für die Eltern als auch für die Kinder sei das eine schwere Grätsche.

Die aktuell schwierige Lage für Familien ist auch dem Kreis-Jugendamt bewusst. Andererseits seien die Mitarbeiter gehalten, persönliche Kontakte aufs Minimum zurückzufahren, erklärt Kreissprecherin Carolin Straub den Spagat. So weit möglich werden Beratungen telefonisch oder per Mail erledigt. In Krisensituationen kämen die Mitarbeiter weiterhin persönlich zu den Familien, stellt sie klar. Und diese werden sich wohl häufen. „Sowohl von den auftretenden Fragestellungen als auch von der Intensität und Häufigkeit der Beratungswünsche ist die aktuelle Situation nicht mit der Zeit vor der Corona-Pandemie vergleichbar“, gibt Straub eine Lageeinschätzung. Auch für das Jugendamt sei die Corona-Krise „eine völligneue Erfahrung mit völlig neuen Herausforderungen“.

Was empfiehlt das Jugendamt gestressten Familien?

Das Jugendamt empfiehlt den Familien, auf eine Tagesstruktur zu achten – mit festen Lern-, Essens-, Spiel- und Schlafenszeiten. Auch wenn Spiel- und Sportstätten derzeit nicht offen haben, sollten sich die Kinder regelmäßig im Freien bewegen. „Durch Bewegung, Sport und Entspannungsübungen kann Anspannung und Stress abgebaut werden“, erklärt Straub. Aber natürlich müssten die Hygiene- und Abstandsregeln eingehalten werden.

„Eine Krise bringt das Beste oder das Schlechteste in uns Menschen hervor“, führt Renner-Moser ein geflügeltes Wort an. Sie glaubt an das Gute. „Wir sehen allerorts, wie sich die Menschen nun gegenseitig helfen.“ Das lärmige, umtriebige Leben voller Zerstreuungen sei zurückgefahren. ,„Wir überlegen uns jetzt: Was ist das Wichtige und Wesentliche im Leben? Ich finde, das ist eine große Chance.“

Beratungsangebote

Ehrenamtliche Beratung: Wer die Beratungsdienste von Psychologin Helgit Renner-Moser in Anspruch nehmen möchte, kann sich jeweils ab 10 Uhr unter Telefon 06346 9204445 bei ihr melden, um einen Termin auszumachen. Die kostenlosen Telefonberatungen dauern etwa 45 Minuten. Ab nächster Woche sind auch Videoberatungen für Kinder mit Unterstützung einer Hunde-Handpuppe möglich.

Pfalzklinikum: Auch die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Pfalzklinikum in Klingenmünster bietet während der Corona-Krise eine kostenfreie telefonische Unterstützung an. Die Beratung für Kinder, Jugendliche und deren Angehörige ist montags bis freitags, jeweils von 9 bis 15 Uhr, unter Telefon 06349 900-3333.

Kinderhaus Landau: Die Fachbereiche Jugend- und Familienberatung sowie Kinderschutzdienst im Landauer Kinderhaus Blauer Elefant bieten angesichts der aktuellen Corona-Herausforderungen für Kinder, Jugendliche und deren Familien, die von seelischer, körperlicher oder sexueller Gewalt, von einer Trennung oder Scheidung betroffen oder von anderen Familienproblemen belastet sind, unter der Woche von 9 bis 12 Uhr unter Telefon 06341 141426 und 141420 eine telefonische Beratung an.

Kinderschutzbund: Das bundesweite, anonyme und kostenlose Beratungsangebot Kinder- und Jugendtelefon läuft auch in der Corona-Krise unter Telefon 116111 weiter. Auf der Homepage www.dksb.de gibt es kindgerechte Aufklärung über das Coronavirus sowie einen Überblick über Beschäftigungsmöglichkeiten zu Hause und digitale Bildungsangebote.

Caritas-Zentrum Landau: Auch beim Caritas-Zentrum Landau laufen telefonische Beratungsangebote weiter. Unter 06341 93550 können Termine für Telefonberatungen vereinbart werden. Zudem gibt es eine Telefonsprechstunde zum Thema „Familienleben in der Corona-Krise„ montags bis freitags von 10 bis 12 Uhr unter 06341 9355134. Fragen können auch über das Online-Beratungsportal www.caritas.de/onlineberatung gestellt werden – auch anonym.

Familienpsychologin Helgit Renner-Moser
Familienpsychologin Helgit Renner-Moser
x