Kreis Südliche Weinstraße „Bitte gib mir den Zucker“

Placeholder-Image

Zweimal wöchentlich geben Pädagogen im Katholischen Pfarrheim in Edenkoben ehrenamtlich Deutschkurse für Flüchtlinge. Die Teilnehmer kommen überwiegend aus Somalia, Eritrea und Syrien. Beim anschließenden „Café-Treff“ im Seniorenbüro am Ludwigsplatz können die Ausländer im Gespräch mit Einheimischen das Gelernte praktisch anwenden: „Ich möchte bitte eine Tasse Kaffee.“

Freitagnachmittag im Katholischen Pfarrheim: In einem kleinen Raum in der ersten Etage beugen sich acht pechschwarze Lockenköpfe über Übungshefte: Für die aufmerksamen jungen Männer aus Eritrea – der jüngste ist 18, der älteste 32 Jahre alt – ist es der sechste Unterrichtstag und sie haben schon ein paar deutsche Vokabeln und Sätze gelernt. In dicken Kapuzenpullis sitzen sie um den Tisch, die meisten haben auch ihre Jacke anbehalten, obgleich der Raum gut geheizt ist. Hochkonzentriert schreiben sie die Sätze ab, die ihr Lehrer, der pensionierte Schulleiter Günther Hahn aus Edesheim, schwungvoll auf ein postergroßes, weißes Blatt Papier geschrieben hat: „Es ist Winter.“ „Es ist kalt.“ „Es regnet.“ In Ermangelung einer Tafel hat Hahn das Papier an die weiße Zimmertüre gehängt. Dazu hat er Wolken und Regentropfen gemalt. Im Chor wiederholen die Schüler das Geschriebene. Vor dem Klassenfenster braust der Sturm und von einem Bild an der Wand blickt Papst Johannes Paul II., „Giovanni“ steht darunter. „Es ist Sturm“, schreibt Hahn aufs Papier. Absichtlich baut der 64-Jährige seinen Unterricht praxisnah auf, –„damit wir einen Bezug zum Alltag haben“. Denn es sei wichtig, dass sich die Flüchtlinge, die mangels Deutschkenntnissen meistens unter sich blieben, im täglichen Leben, beim Einkaufen beispielsweise, besser zurechtfänden. Auf dem Tisch des Klassenzimmers auf Zeit stehen eine Packung Milch, Mineralwasser, Orangensaft, Zucker. Reihum üben die Teilnehmer nun in einer Art Rollenspiel Sätze wie „bitte gib mir den Zucker“ und „ich stelle die Tasse in den Schrank“. Wenn die Schüler das deutsche Wort nicht verstehen, Lehrer Hahn ratlos anschauen und auch Zeichensprache nicht weiter hilft, spricht Hahn englisch. Dann übersetzt der Eritreer Yoel seinen Landsleuten die Begriffe in die eritreischen Sprachen Blin oder Tigrinya. Während Hahn die Anfängergruppe betreut, laufen in zwei Räumen nebenan weitere Sprachkurse für Fortgeschrittene, ebenfalls von Ehrenamtlichen geleitet. „Jede Unterrichtsstunde ist wichtig“, ist Hahn überzeugt. Denn solange die Flüchtlinge ohne offizielles Bleiberecht in Deutschland sind, bekommen sie auch keine Deutschkurse bezahlt. Hier sehen die ehrenamtlich Engagierten Bedarf und bringen sich deshalb gerne ein: „Die jungen Leute sitzen nur herum und langweilen sich“, so Hahn. Ist doch für Asylsuchende und Geduldete die Arbeit in den ersten neun Monaten ihres Aufenthalts verboten. Mit dem kostenlosen Deutschunterricht wollen Hahn und seine Mitstreiter in diese Lücke stoßen und den Flüchtlingen einen „Hoffnungsschimmer“ bieten. Bei der Organisation der Deutschkurse „haben wir sehr viel Unterstützung erfahren“, lobt Hahn die Welle der Hilfsbereitschaft, etwa seitens Kirche und Gemeinde. Insbesondere die Beigeordnete der Verbandsgemeinde, Sigrid Schwedhelm-Schreiner (FWG), habe das Vorhaben tatkräftig unterstützt, so Hahn. Auch die Schüler sind über den Unterricht hocherfreut: „Wir sind sehr zufrieden mit unserem Lehrer, er ist witzig und nett“, versichert Yoel auf Englisch. Damit sich Einheimische und Flüchtlinge besser kennenlernen können, gibt es in Edenkoben jeden zweiten und vierten Freitag von 15.30 bis 17 Uhr im Seniorenbüro am Ludwigsplatz den „Café-Treff“. Nach ihrem Unterricht machen sich Hahns Schüler auf den Weg dorthin, um ihre frisch erworbenen Deutschkenntnisse auszuprobieren. (ovi)

x