Kreis Südliche Weinstraße
Birkenhördt: Einbeinige Jacqueline Fritz erobert nun auch Schneepisten
Jacqueline Fritz aus Birkenhördt ist nicht zu bremsen. Sie überquerte die Alpen, erklomm die sieben schwersten Berge des Stubaitals, klettert für die Nationalmannschaft. Wohlgemerkt auf einem Bein. Nun macht sie als erste Amputierte Bergtouren auf Ski.
Dass ihr Leben einmal so einen Fahrtwind aufnehmen würde, hätte Jacqueline Fritz vor ein paar Jahren auch nicht gedacht. Nach einer missglückten Bänderriss-OP mit 15 Jahren stirbt ihr rechtes Bein ab. Als sie 22 Jahre alt ist, muss es amputiert werden. Aber auch danach hören die gesundheitlichen Probleme nicht auf. Ihre Sportbegeisterung lässt sie sich nicht nehmen. Reiten, Schwimmen, Klettern, Luftgewehrschießen, Kraftsport sind ihre Steckenpferde. Bei einem Reha-Aufenthalt in Bayern verfällt sie auch noch dem Bergsport.
Seitdem geht es steil für die 33-Jährige bergauf: Bergsteiger- und Klettertouren, Filme, TV-Auftritte, Vorträge, Messen. Eine toughe junge Frau, die einbeinig – auf Krücken, ohne Prothese – anspruchsvollste Gipfel meistert, das sorgt für Anerkennung im Outdoor-Universum. Ihre kleine Werbeagentur betreibt die Grafik-Designerin nur noch im Home-Office, ihr Ziel ist es, vom Bergsport leben zu können. Die warmen Monate ist sie im Trekkingschuh unterwegs. Aber für die kalte Jahreszeit braucht man auch Ziele. Also wagt Fritz die Bekanntschaft mit Kufen – obwohl sie eigentlich ein Wintermuffel ist. „Ich hätte nie gedacht, dass es mir so liegt und Spaß macht.“
Vom Rodelhang auf 2000 Meter Höhe
Anfang Januar fährt sie nach Tirol. Ihr Ziel: als erste Beinamputierte Skitouren gehen. Also Bergsteigen auf Ski mit anschließender Talfahrt. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Erst einmal muss Fritz überhaupt lernen, sich auf Kufen fortzubewegen. Die Schneesportlehrerin Saskia Groos, die sie vor zwei Jahren bei einem Outdoorfestival kennengelernt hatte, bringt ihr das Skifahren von der Pike auf bei. Unter dem Motto „Zwei Mädels, drei Beine, eine Ziel“ halten sie ihr Abenteuer von den wackligen Anfängen auf dem Rodelhang bis zum Skibergsteigen auf 2000 Meter Höhe auch filmisch für den Sender Health TV fest. Für Groos ist es eine Umstellung, auf einem Bein laufen Gleichgewicht, Koordination et cetera einfach anders. Deswegen mischt bald noch ein Co-Trainer mit: der ebenfalls beinamputierte Mario Oberlechner, der für die österreichische Behinderten-Ski-Nationalmannschaft fuhr.
Ihre Krückenski – also Stöcke mit Kufen – bekommt Fritz von einem Hersteller aus Kufstein, der selbst im Rollstuhl sitzt. Die sind für die Abfahrt. Aber da die 33-Jährige ja begeisterte Bergsteigerin ist, will sie nicht nur die Pisten herunter, sondern auch hinauf – nicht per Lift, sondern aus eigener Kraft. Fürs Tourengehen bastelt sich Fritz Stöcke mit den Frisbee-Scheiben ihres treuen vierbeinigen Begleiters Loui.
Der viereinhalbjährige Mischling ist ein echter Berghund und hat sein Frauchen bisher auf jeder Tour begleitet. Klaro, flitzt er auch auf der Piste mit. „Ich hätte auch nie gedacht, dass das klappt“, gibt Fritz zu. Aber tägliches Training und Sportsgeist bei Ein- und Vierbeiner machen es möglich. „Jetzt sind wir seit zwei Tagen zu Hause und er langweilt sich“, meint die 33-Jährige schmunzelnd. Der Aufenthalt in der Südpfalz wird aber nur bis 20. Mai währen. Dann steht schon wieder eine größere Bergtour in Österreich an.
Der Kalender ist pickepackevoll
Und im Juni will sie den 4013 Meter hohen Dent du Géant an der italienisch-schweizerischen Grenze auf Ski besteigen. Fritz fackelt nicht lang, wenn es um neue herausfordernde Ziele geht. Während ihrer Österreichmonate erklimmt sie bereits zwei Berge: den 1758 Meter hohen Christlumkopf und den 2078 Meter hohen Unnütz. „An meinem ersten Gipfelkreuz sind mir die Tränen gekommen, das war ergreifend“, erinnert sie sich. Über Pisten, stellenweise durch Tiefschnee saust sie wieder hinunter. Das Trainieren des Tiefschneefahrens, auch mal durch Wald und über Steine, steht für nächsten Winter auf der Agenda. Und Eisklettern – also das Erklimmen von zugefrorenen Wasserfällen mit Steigeisen und Pickel. Erste Versuche hat sie schon gemacht.
Damit es bis dahin nicht so langweilig wird, klettert sie für die deutsche Paraclymbing-Nationalmannschaft im Mai bei der belgischen Meisterschaft, hat sie im Sommer eine Trekking/Kletter-Tour am Monte Rosa geplant, erzählt sie von ihren Erlebnissen in ihrem Bergsteiger-Blog, schreibt sie ein Buch über ihren Alpencross, steht eine Vortragsreihe durch Österreich an – ach ja, und Pläne für nächstes Jahr gibt’s natürlich auch schon.
„Es ist ein wahnsinnig schöner, aber auch anstrengender Traum“, sagt Fritz. Es hänge viel mehr dran, als die Leute auf den schönen Fotos sehen. „Aber ich finde es toll, dass ich in der Outdoor-Community angenommen und nicht belächelt werde.“ Ihre schönsten Momente: „Wenn ich in Schulen Vorträge halte und sehe, wie die Kinder darauf reagieren, dann weiß ich, dass ich alles richtig gemacht habe.“
Vortrag in Bad Bergzabern
Unter dem Titel „Huat o! Oa Hax ,geat’ scho“ hält Jacqueline Fritz am Freitag, 26. April, 19.30 Uhr, einen Vortrag über ihre „Stubai Challenge“ im Haus des Gastes in Bad Bergzabern. Im Sommer 2018 erklomm die beinamputierte Sportlerin aus Birkenhördt nur mithilfe von Krücken die „Seven Summits“ – die sieben anspruchsvollsten Berge – des Stubaitals in Österreich. Und das nach einem Trümmerbruch im Bein und einem Hüftbruch ein halbes Jahr zuvor. An dem Abend berichtet sie von ihrem Abenteuer und stellt den dabei gedrehten Film vor. Karten gibt es im Vorverkauf für sieben Euro im Tourismusbüro, Telefon 06343 989660, und an der Abendkasse für neun Euro.