Südpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Billig statt Bio: Südpfälzer Händler über die Trendwende beim Kundenkonsum

Auch die Südpfälzer Bio-Händler merken, dass bei vielen Kunden das Portemonnaie nicht mehr so locker sitzt.
Auch die Südpfälzer Bio-Händler merken, dass bei vielen Kunden das Portemonnaie nicht mehr so locker sitzt.

Jahrelang gab es beim Bio-Umsatz nur eine Richtung: nach oben. Doch die hohe Inflation hat den Öko-Kunden die Einkaufsstimmung verhagelt. Erstmals sind die Zahlen eingebrochen. Wie reagieren Händler vor Ort auf die Trendwende? Und wer sind die heimlichen Gewinner des neuen Kaufverhaltens?

Billig statt Bio scheint zum Einkaufsmotto der aktuellen krisengeschüttelten Zeit geworden zu sein. Ob ein Bio-Lebensmittel, das seinen Preis hat, im Einkaufskorb landet, überlegen sich die Deutschen angesichts des Inflationsdrucks zweimal – oder verzichten gleich ganz darauf. Die Branche für Bio-Lebensmittel ist 2022 zum ersten Mal in ihrer Geschichte geschrumpft. Bis Ende Oktober sei der Öko-Umsatz um 4,1 Prozent gesunken, heißt es im Marktbericht des Deutschen Bauernverbands, den dieser zum Jahreswechsel vorlegte. Besonders hart erwischte es den Naturkostfachhandel und den Direktverkauf. Merken auch die Händler in der Südpfalz, dass die Lust auf Bio schwindet, wenn alle nur ans Sparen denken?

Einer, der ganz nah dran ist, ist Ralf Gensheimer, der mit seiner Familie in Offenbach einen großen Bioland-Hof betreibt. Etwa 50 Produkte aus eigenem Anbau kann man im Hofladen und auf Wochenmärkten kaufen. Und ja, der Chef hat dieses Jahr einen Umsatzrückgang von etwa zehn Prozent bemerkt – während die Kosten um etwa 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen seien. Allerdings sagt Gensheimer, dass die vergangenen zwei Jahre coronabedingt sehr gut liefen. Auch deutschlandweit zeigt sich, dass 2021 ein Rekordjahr war mit knapp 16 Milliarden Euro Umsatz. Im Lockdown waren zu Hause kochen und eine gesunde Lebensweise angesagt. Jetzt liegen wir bei etwa 15 Milliarden, was – trotz Krise – aber immer noch mehr ist als im Vor-Corona-Jahr.

Ruf des Billigen lockt

Der Offenbacher hat besonders bei den teuren Produkten wie Spargel und Erdbeeren gemerkt, dass bei den Leuten das Portemonnaie nicht mehr so locker sitzt. „Wenn der Kunde wegen eines unnötigen Kriegs weniger Geld in der Tasche hat, muss er logischerweise sparen.“ Wobei sein Hof eigentlich die Preisen gehalten habe und die meisten Kunden ihm treu geblieben sein. Wohingegen die Discounter ihre Preise stark erhöht hätten, „meist ohne es dem Landwirt weiterzugeben“, bemerkt Gensheimer kritisch. Trotzdem gingen Kunden wohl vermehrt zum Discounter, weil dieser den Ruf haben, am billigsten zu sein. Zu dieser Analyse kommt auch der Deutsche Bauernverband, der die Discounter-Märkte als Gewinner der Inflation ausmacht. Diese profitierten vom „Trend zum Billig-Einkauf“ auch bei den Bio-Waren. „Dabei sind viele Öko-Produkte im Discounter nur geringfügig preiswerter oder gleich teuer, aber das Preisimage lenkt den Konsum offenbar mehr als echte Preiskenntnis“, so der Verband.

Entsprechend schmallippig fallen die Antworten der beiden großen von uns angefragten Lebensmitteldiscounter aus. Mit Zahlen herausrücken will weder Lidl noch Aldi. „Das Bio-Sortiment erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit bei unseren Kunden und wir arbeiten daran, es sukzessive auszubauen“, bleibt die Lidl-Pressestelle vage. Denn: „Zur Umsatzentwicklung und zum Kundenverhalten machen wir grundsätzlich keine Angaben“, so Sprecherin Gloria Funke.

Discounter geben sich schmallippig

Aldi Süd, das mit 500 Bio-Produkten noch mal 200 mehr als Lidl im Sortiment hat, gibt ein klein wenig mehr Einblick, was die Leute so in den Einkaufskorb legen. „Generell spüren wir, dass der Einkauf bei Aldi Süd für viele Kunden in dieser herausfordernden Zeit relevanter wird denn je“, so Sprecherin Linda van Rennings. Aldi bestätigt eine gestiegene Nachfrage seiner Kunden nach Bio-Produkten, obwohl diese im Gesamt-Lebensmittelhandel im Vergleich zum Vorjahr zurückgeht. „Aufgrund der hohen Inflation sehen wir, dass Verbraucher insgesamt preissensibler werden.“ Wie sich die aktuelle Situation auf Bio-Produkte auswirkt, vermöge Aldi aber nicht abzuschätzen, so van Rennings.

Dass Bio-Fachmärkte oftmals günstiger seien als Supermärkte oder Discounter mit ihrem Bio-Angebot, müsse man den Kunden wohl noch beibringen, bemerkt Michael Eckert, der Füllhorn in Landau betreibt. Der Biomarkt habe im vergangenen Jahr einen Umsatzrückgang von 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr wegstecken müssen – bei gestiegenen Kosten für Miete und Energie. „Das war schwer zu verkraften.“ Der Fall war besonders tief, „weil wir von den Corona-Zeiten verwöhnt waren“. In der Weihnachtszeit hätten es sich die Menschen gut gehen lassen, Käse, Fleisch und Wurst wie in den Vorjahren gekauft. Aber gleich zum Jahresanfang sei die Konsumzurückhaltung zurückgekommen. „Wir haben einen guten Stammkundenkreis, und der ist uns auch weiter treu. Aber die Bongroße ist kleiner geworden“, schätzt Eckert die Lage ein. Die Leute kauften noch in etwa die gleichen Produkte ein, griffen aber eher zu den günstigeren Marken.

„Im System läuft etwas grundlegend falsch“

Im Gegensatz zum Bio-Einzelhandel ist die Reformhauskette Escher aus Pirmasens, die Filialen in Landau und Bad Bergzabern hat, bisher noch nicht von großen Umsatzrückgängen betroffen gewesen, wie Geschäftsführer Joachim Escher berichtet. Das liege aber daran, dass Reformhäuser nicht unbedingt Absatzstellen für den täglichen Bedarf seien. Die Bereiche, die besonders stark betroffen seien wie Milchprodukte, Obst und Gemüse oder Getreide, seien nicht Schwerpunkt der Escher-Geschäfte. „Aber natürlich bemerken auch wir die Kaufzurückhaltung.“ Das Umsatzminus 2022 bewege sich im niedrigen einstelligen Bereich, allerdings seien parallel die Kosten gestiegen, berichtet der Geschäftsführer. Er beschreibt das Kundenverhalten in der Krise als „wohl überlegt“. Die Menschen entschieden sich bewusst dafür, im Reformhaus einzukaufen. „In unruhigen Zeiten ist das Reformhaus ein Gegenpol zu Hektik, Oberflächlichkeit und Unsicherheit“, erklärt er. In der heutigen Situation gehe es zwar einerseits um die finanziellen Möglichkeiten, aber andererseits spiele bei vielen die Gesundheit eine wichtige Rolle – oft mehr als die Anschaffung eines neuen technischen Geräts.

Trotzdem ist er überzeugt, dass sich der deutlich erkennbare Trend zur Billig-Bio-Ware fortsetzen wird. Dadurch werde diese Produktsparte bei Supermärkten und Discountern immer stärker werden. Produkte, hinter denen Bio-Verbände wie Demeter oder Bioland mit strikteren Vorgaben stehen, würden es noch schwerer haben, so seine Prognose. Dass Bio-Produkte für alle erschwinglich sein sollten, ist seiner Ansicht nach die richtige Entwicklung. Diese sei durch die Krise nur verstärkt, nicht ausgelöst worden. „Allerdings zeigt die aktuelle Entwicklung, wenn Öko-Bauern für Bio-Milch, Bio-Schweinefleisch und Bio-Getreide momentan niedrigere Preise als für konventionelle erhalten, dass im System etwas grundlegend falsch läuft“, macht Escher seine Meinung deutlich. Ihm ist klar, dass Produkte – egal, ob bio oder nicht – immer austauschbarer und überall, auch im Internet, erhältlich werden. „Das Fachgeschäft muss sich durch persönliche Beratung, Vertrauen und Qualität auszeichnen, sonst werden wir überflüssig“, so seine Bilanz.

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