Kreis Südliche Weinstraße „Begib Dich direkt in Abschiebehaft“
„Man ist emotional mit dabei und freut sich, wenn man es geschafft hat“, sagen Schüler der „Arbeitsgemeinschaft Flüchtlinge“ und der Oberstufe des Alfred-Grosser-Gymnasiums in Bad Bergzabern, nachdem sie alle Stationen von „Asylopoly“ durchlaufen hatten. Das interaktive Spiel rund um das ernste Thema Asyl, an dessen Ende „abgelehnt“ oder „darf bleiben“ steht, war Teil eines Studientags im Rahmen der Europawoche. Thema war „Zusammenleben mit Flüchtlingen“.
Der Studientag wurde vom Ministerium für Bildung finanziell unterstützt und in Kooperation mit dem Haus der Familie durchgeführt. Sich spielerisch einem ernsten Thema wie den Asylverfahren und den damit verbundenen Schicksalen zu nähern, scheint eigentlich unmöglich. Doch der „Ernst“ stellt sich bereits ein, als die Schlange von rund 30 Schülern vor der sinnbildlichen Tür Deutschland steht, jeder ein Kärtchen bekommt und erfährt, auf welchem Weg er hierher gekommen ist. Und noch nicht weiß, dass damit fast schon die Würfel gefallen sind. Mit dem Flugzeug, auf dem Landweg oder über den gefährlichen Weg über das Mittelmeer. Wer über den Landweg und einen sicheren Drittstaat eingereist war, hatte Pech wie beim Monopoly: „Gehe nicht über Los und begib Dich direkt in die Abschiebehaft!“ Die Hälfte hat die Kontrolle passiert und darf in die Erstaufnahme: Erkennungsdienstliche Behandlung, danach theoretisch drei Monate Massenunterkunft. „Die Realität ist: Es dauert rund ein Jahr bis zur Bearbeitung“, informiert die Lehrerin und Moderatorin des Spiels, Annette Kliewer. „Gib Syrien an, da wirst du auf jeden Fall genommen“, rät sie einem „Flüchtling“, der nicht weiß, ob er sein Herkunftsland angeben soll. Schlussendlich kommen die meisten aus Syrien, bevor es weitergeht. Fabian hat kein Herkunftsland angegeben und muss zurück. „Die Anhörung, die dann folgt, läuft in der Regel nicht gut. Die Menschen schämen sich, haben Angst und sind traumatisiert“, erklärt Annette Kliewer. Zwei Gruppen haben gewonnen, sie dürfen bleiben, eine dritte Gruppe genießt subsidiären Schutz, sie muss selbstständig Arbeit und Wohnung finden und schnellstmöglich die Sprache sprechen. Die „Illegalen“ würfeln um ihr Schicksal: Manche finden jemanden, der sie heiratet, andere reisen freiwillig aus, wieder andere bewerben sich für das Aufnahmeverfahren der USA für traumatisierte Kriegsopfer, das kaum bekannt ist. Die jeweiligen Verfahren lesen die Schüler wiederum von Kärtchen ab, die wie bei Monopoly zum „Spiel“ gehören, das Mehrnousch Zaeri Esfahani 2001 entwickelt hat. „Es bleibt viel hängen, man versteht die Wege, aber oft nicht die Gründe für Ablehnung und ist emotional dabei“, sind Reaktionen der Schüler nach dem Spiel, das auf der sachlichen Ebene die komplizierte Bandbreite der unterschiedlichen Asylverfahren vermittelt hat. Und emotional unter die Haut ging. Zum Studientag gehörte im Anschluss eine Podiumsdiskussion zum Thema „Willkommenskultur? Und wie geht es weiter?“. Einen Imbiss vorbereitet hatte an diesem Tag die deutsch-syrische Kochgruppe aus dem Haus der Familie. Am Nachmittag und am Abend las die deutsch-iranische Schriftstellerin Shida Bazyar aus ihrem Roman „Nachts ist es leise in Teheran“, in dem sie ihre Erfahrungen mit der Auswanderung ihrer Eltern aus Teheran und der Ankunft in Deutschland verarbeitet hat. (pfn)