Kreis Südliche Weinstraße Begegnung auf Augenhöhe

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Nicht wenige Menschen haben Angst vor psychiatrischer Behandlung. „Zwangsjacke, Gummizelle, Chemiekeulen“ nennt Sylvia Claus, Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Pfalzklinikum, die Begriffe aus dem Gruselkabinett, die immer noch in vielen Köpfen spuken. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus.

Begegnung auf Augenhöhe, Entstigmatisierung durch Beteiligung der Betroffenen, gemeindenahe Angebote statt langer Klinikaufenthalte – das sind Stichworte, die den heutigen Umgang mit psychisch erkrankten Menschen charakterisieren, so die Verantwortlichen des Klinikums. In einem Pressegespräch gemeinsam mit dem Bezirksverband Pfalz, das unter der Überschrift „Zukunft seelische Gesundheit“ stand, wurden verschiedene Angebote dargestellt, die im Wandel begriffen sind. Zukunftsthema Demenz: Weil die Menschen immer älter werden, wird die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie an Alzheimer oder einem anderen Demenzleiden erkranken. Bleibt dann nur noch der Umzug in ein Heim oder die Abhängigkeit von Angehörigen, die sich in einem 24-Stunden-Dienst aufopfern? Nein, meint Rita Becker-Scharwatz, die Leiterin der Tagesstätte für Senioren in Bad Bergzabern. Eine Alternative seien dezentrale Angebote in den Gemeinden. Neben der Bergzaberner Einrichtung, die als Außenstelle des Pfalzklinikums seit 2014 besteht, ist kürzlich eine neue Tagesstätte in Annweiler eröffnet worden, 2017 soll eine weitere in Dahn folgen. „Aktiv bleiben“ heißt das Motto in diesen wohnortnahen Einrichtungen: Die Demenzerkrankten werden tagsüber aktiv in Alltagsaktionen einbezogen, ihre noch vorhandenen Fähigkeiten werden trainiert. Jeden Abend können sie in ihre gewohnte Häuslichkeit zurückkehren. Die Angehörigen aber werden spürbar entlastet und können sich Freiräume schaffen. In jedem Stadium der Demenz ist in Kooperation mit den Kliniken für Gerontopsychiatrie und Neurologie eine umfassende Diagnostik möglich. Außerdem bieten die Mitarbeiter der Tagesstätten den pflegenden Verwandten Beratung bei allen Problemen. Ein Schwerpunkt der Beratung, so Rita Becker-Scharwatz, ist zurzeit das Pflegestärkungsgesetz II, das Anfang 2017 in Kraft tritt. Es bringt neue Einstufungen – und damit für die betroffenen Angehörigen manche Verunsicherung mit sich. Begegnung auf Augenhöhe mit den Klienten: Das ist ein Ziel, das sich die Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie gestellt hat. In mehreren Workshops wurden ehemaligen Patienten gefragt, was sie sich wünschen und was man verbessern könnte, berichtet Sylvia Claus. Ein Ergebnis: Gewünscht werden mehr niedrigschwellige Angebote, die vor einem Klinikaufenthalt liegen oder ihn überflüssig machen. „Das heißt für uns: Selbsthilfegruppen ausbauen“, sagt die Chefärztin. Ein Beispiel ist ein Psychose-Seminar an der Volkshochschule, in dem sich bis zu 40 Betroffene, Angehörige und medizinisches Fachpersonal „auf Augenhöhe austauschen“. In Kooperation mit dem Landesverband der Psychiatrie-Erfahrenen bietet das Klinikum ehemaligen Patienten eine Ausbildung zum Genesungsbegleiter an. Wer selbst eine psychische Krankheit erlitten hat, kann Leidensgenossen in der Krise auf ganz andere Weise unterstützen als Ärzte das können. Sylvia Claus berichtet von einer Genesungsbegleiterin, die selbst Stimmen hört, aber damit inzwischen gut zurecht kommt. Sie gibt anderen Menschen mit diesem Problem ganz konkrete praktische Tipps. Eine weitere Form der Beteiligung: Zwischen Ärzten und Patienten werden Verhandlungsvereinbarungen geschlossen. Wenn wieder eine Krise kommt, was möchte ich dann? Die Antwort auf diese Frage steht in der Vereinbarung. In die Zukunft blickt auch die Klinik für Neurologie. In drei Jahren soll ein Erweiterungsbau fertiggestellt sein, der mehr Angebote und einige Innovationen ermöglichen werde, davon ist Chefarzt Uwe Pfeiffer überzeugt. Angeschafft wurde ein neuer Computertomograph – „der modernste in der Südpfalz“. Die Klinik wende sich auch seltenen Behandlungsmöglichkeiten zu, meint der Chefarzt stolz: „Wir bleiben am Ball.“

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