Insheim / Kandel
Baustellen-Reportage: Große Maschinen und radioaktive Geräte auf der A 65
Als meine Tour über die A-65-Baustelle zwischen Insheim und Kandel beginnt, bemerke ich gleich etwas Sonderbares: Ein Lkw fährt rückwärts auf eine riesige Maschine zu, die im Schneckentempo unterwegs ist. Hat der Brummifahrer etwa die Orientierung verloren? Er sollte langsam bremsen, denn an der großen Maschine kommt er nicht vorbei. Sie füllt die komplette Straße in der Breite aus.
Jens-Uwe Tesch-Veil, Teamleiter beim Landesbetrieb Mobilität (LBM) Rheinland-Pfalz, der den Bau in Auftrag gegeben hat, erklärt mir, was hier los ist: „Der Lieferverkehr muss auf der Baustelle rückwärts fahren, da diese nicht breit genug zum Wenden ist.“ Verstehe. Dass das gar nicht so leicht ist, zeigen die kleinen Schlenker, die der Lkw manchmal macht. Er kommt von der Asphaltmischanlage in Landau und bringt frisches Material. Die alte Fahrbahndecke wurde bereits weggefräst.
Warum klebt der Boden?
Wir gehen weiter. Der Boden klebt etwas. In den kommenden Tagen soll auf die Binderschicht, die an diesem Tag ausgelegt wird, noch die Deckschicht kommen. Deshalb ist der Asphalt mit Kleber versehen. Unter der Binderschicht befindet sich die Tragschicht, die in den Vortagen aufgetragen wurde.
Dann erreichen wir die große Maschine. Auch der Lkw ist mittlerweile da. Die beiden docken an. Bei näherer Betrachtung bemerke ich, dass das große Ding sogar zwei Maschinen sind. Mit dem Laster hängen nun also drei Gefährte aneinander, die sich alle im Minimaltempo voranbewegen. Der Lkw füllt warmen Asphalt in die vordere Maschine – den Beschicker. Der Beschicker sorgt dafür, dass die hintere Maschine – der Fertiger – stetig mit Asphalt versorgt wird. Hier wird das Mischgut zwischengelagert und über ein Förderband weitergegeben. Langsam wird es laut. Auf der einen Seite machen die Maschinen Krach, auf der anderen die fahrenden Autos. Die Autobahn ist ja nur auf einer Seite gesperrt.
Präzisionsarbeit nach Gespür
Aber was macht der Fertiger eigentlich? Dominik Klein, Bauleiter der vom LBM beauftragten Firma Gerst und Juchem aus Edenkoben, erklärt’s mir. Kurz gesagt: Er nimmt den Asphalt auf und verteilt ihn gleichmäßig auf der Straße. Klein nimmt mich mit auf die Maschine. Der Arbeiter wirkt hochkonzentriert. Das muss er auch sein. Die Abläufe müssen stimmen. Zeit zum Reden ist nicht. Oben ist es nicht nur laut, sondern auch warm. Man merkt, dass der heiße Asphalt durch die Maschine läuft. Also schnell wieder runter. Dahinter gibt es noch mehr zu sehen.
Dort wuseln fünf weitere Gefährte. Als eines davon an mir vorbeifährt, erschrecke ich kurz. Der Boden vibriert. Zwei Gummiwalzen knattern über den Asphalt und verdichten ihn, drei starre Walzen machen ihn glatt. Dabei fahren sie immer wieder auf und ab. Was simpel aussieht, ist in Wahrheit Präzisionsarbeit. Deswegen behalten Bauarbeiter, die zu Fuß unterwegs sind, die Walzen stets im Auge. Am Fertiger sind links und rechts je zwei Messeinrichtungen angebracht, die per Infrarot die Oberfläche kontrollieren. „Unebenheiten dürfen nicht größer als vier Millimeter sein“, sagt Klein. Ansonsten muss nachgebessert werden. Das kostet Zeit und Geld. Deshalb braucht es auf der Baustelle ein eingespieltes Team, wie Klein sagt. Seine Arbeiter wüssten aber, was sie tun. „Die Walzenfahrer spüren sofort, wenn die Walze hüpft. Sie hören auch schon beim Fahren, ob der Boden gerade genug ist“, sagt der Bauleiter.
Autobahn-Stück fürs Labor
Der Asphalt liegt nun also auf diesem Abschnitt. Insgesamt 36.000 Quadratmeter Straßenfläche werden die Arbeiter befüllen. Doch was sehe ich da? Jemand füllt ausgelegten Asphalt in Eimer. Will dort jemand ein Stück Autobahn klauen? „Der macht Asphaltproben, die im Labor untersucht werden“, beruhigt mich Tesch-Veil. Eine weitere Kontrolle also. In den nächsten Tagen kommen die oberste Schicht und die Markierung auf die Bahn. Dem Ende der Baustelle steht dann nichts mehr im Wege. Ich habe nun alles gesehen. Trotzdem führen mich Tesch-Veil und Klein noch ein Stück weiter.
Als wir ein paar Meter gehen, sehe ich einen Menschen, der einsam hinter den Geräten herläuft. Er stellt einen Kasten auf den Boden. Einmal links, einmal rechts und einmal in der Mitte von der Straße. Dann notiert er sich etwas auf einem Klemmbrett, läuft 50 Meter weiter und wiederholt den Vorgang. „Ich überwache den Einbau, messe die Verdichtung“, erklärt mir Eduard Weber vom Laboratorium für Straßen- und Betonbau Trier. Dazu dient ihm ein Gerät, das nur er bewegen und das auch nur er transportieren darf. Denn es ist radioaktiv. Ich halte etwas Abstand, aber linse trotzdem auf das Display. 98,84 Prozent steht da. „Das reicht“, sagt Weber mit gelassener Miene. Um den Belastungen der Autos standzuhalten, muss der Boden eine Dichte von mindestens 98 Prozent haben. Wenig Spielraum also für die Arbeiter.
Wasser als größter Feind
Etwas mehr als 1,1 Millionen Euro kostet der Bau. Läuft alles nach Plan, ist der Straßenabschnitt am 14. November fertig. Doch dafür muss der größte Feind der Bauarbeiter fernbleiben: Wasser. „Wenn es regnet, kann kein Asphalt aufgetragen werden, weil er dann zu kalt ist“, erklärt Tesch-Veil, warum es auf Straßenbaustellen immer wieder zu Verzögerungen kommt. „Im Sommer kann der Asphalt aber auch zu heiß werden.“
Auf dem Rückweg schaue ich noch einmal in die konzentrierten Gesichter der Arbeiter. Geredet wird hier nicht viel. Dennoch läuft alles reibungslos. „Sie arbeiten viel mit Blickkontakt. Es ist ein harter Job. Sie arbeiten bei Wind, Wetter und mit viel Lärm“, sagt Tesch-Veil. „Teamwork ist wichtig. Wenn ein oder zwei Leute ausfallen, macht es das enorm schwer. Deswegen ist es wichtig, dass die Arbeiter sich in Zeiten von Corona nicht anstecken.“ Masken tragen die Arbeiter nicht. Das wäre wohl eine Zumutung. Außerdem arbeiten sie ja im Freien.
Ich fahre mit Tesch-Veil wieder runter von der Baustelle. Eigentlich hatte ich mir erhofft, auch mal selbst Hand anzulegen. Nach den Erklärungen von Klein und Tesch-Veil ist mir nun aber klar, dass das Ganze Maßarbeit ist und nur funktioniert, wenn das eine Zahnrad ins andere greift. Ein Job für Profis eben. Für mich heißt es dafür zu Hause: den klebrigen Asphalt von den Schuhen kratzen.