Meinung
Abi: Warum eine Presseanfrage Panik in Schulen auslöst
Würden Sie nicht auch gerne wissen, welche Aufgaben kürzlich in den schriftlichen Abiturprüfungen gestellt wurden? Ich nehme mal stark an, ja. Ist doch spannend, was die jungen Leute so können müssen, um das Uni-Ticket zu lösen.
Deshalb habe ich die Schulen in Landau und Umgebung darum gebeten, einzelne Abi-Aufgaben zu verraten. Doch Sie glauben es nicht: Die Schulen behandeln die Abi-Klausuren, als wären es Staatsgeheimnisse. Nichts darf nach außen dringen.
Jeder verweist bei Abi-Klausuren auf den anderen
Es gab ein großes Hin und Her: Die Schulleiter verwiesen in vorauseilendem Gehorsam an die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion. Die Schulbehörde wiederum sah die Angelegenheit beim Bildungsministerium, das den Ball aber an die Schulen zurückspielte. Der Grund: Da es in Rheinland-Pfalz anders als in anderen Bundesländern kein Zentralabitur gibt und die Lehrer den Großteil der Aufgaben selbst entwickeln und stellen, ist es auch deren Entscheidung, ob sie diese weitergeben oder nicht.
Wenn die Abiprüfungen geschrieben sind und schon längst am Familientisch besprochen wurden, was spricht nun dagegen, sie öffentlich zu machen? Die meisten Schulleiter aus Landau und dem Landkreis Südliche Weinstraße machen es sich einfach. Sie verweisen darauf, dass es sich um geistiges Eigentum handele, wodurch „urheberrechtliche und datenschutzrechtliche Bedenken bestehen“. Rektoren hatten auch schon mal mehr Eigenständigkeit und Traute. Vertröstet wird man mit Musteraufgaben des Landes.
Auch die Aufgaben, die das Land dieses Jahr zentral gestellt hat, werden nicht herausgegeben. Mit der Begründung, dass die Schüler „sie selbst noch nicht zurückbekommen haben und weil auch dann erst die möglichen Einspruchsfristen laufen“.
Schulleiter: „Angst vor einer Bewertung“
Offenbar haben die Lehrkräfte Angst, dass ihre Aufgaben kritisch bewertet und mit denen von Kollegen anderer Schulen verglichen werden könnten. So ist es jedenfalls von einer Schulleitung aus dem Landkreis zu hören. In Bayern, ja, da gebe es ein ganz anderes Niveau. In der Tat stimmt das.
Ein Landauer Schulleiter hat da ein ganz anderes Problem. Er traut es der Presse schlicht nicht zu, die Aufgaben so wiedergeben zu können, dass die Allgemeinheit sie versteht. Die Aufgaben seien so komplex und tiefgründig, dass sie ohne Vorwissen und dazugehörige Quellen – im Fach Deutsch kann das ein Zeitungsartikel sein – nicht zu begreifen, geschweige denn zu lösen seien. Es ist eine starke These, gerade aus dem Mund eines Lehrers. Es wird der Eindruck vermittelt, es würden hier Doktorarbeiten statt Abiturprüfungen geschrieben .
Abi-Klausuren keine einfache Wissensabfragen
Dass eine Abi-Prüfung nicht mit einer Wissensfrage wie bei „Wer wird Millionär?“ vergleichbar ist, ist doch klar. Dass sie einen gewissen Anspruch erfüllen muss und Vorwissen nötig ist, ist ebenfalls einleuchtend. Das wird zum Beispiel auch bei zwei Abi-Prüfungen deutlich, die das Gymnasium am Pamina-Schulzentrum in Herxheim wohlgemerkt als einzige Einrichtung auf Anfrage zur Veröffentlichung bereitgestellt hat.
So sollten sich die jungen Leute im Leistungskurs Erdkunde mit Berlin beschäftigen. Die Schüler sollten unter anderem Stadtbezirke „nach demografischen, ethnischen und sozialen Kriterien bewerten“. In Geschichte wiederum ging es um Europa und Deutschland im Zeitalter der Industrialisierung, konkret um die Eisenbahn.
Worum es bei der Abi-Anfrage geht
Wie an dieser Stelle deutlich wird, sollten Sie, liebe Leserinnen und Leser, nur einen Einblick in die Abiturprüfungen bekommen, um zu erfahren, welche Leistungen von einem Heranwachsenden heute erwartet werden.
Diese harmlose Presseanfrage an die Schulen löste aber eine hysterische Reaktion in den Rektorenbüros und Lehrerzimmern aus. Dabei sollen doch die Schulen die junge Generation zu selbstständigen und souveränen Mitgliedern der Gesellschaft erziehen. Stattdessen treten hier Bildungsvermittler als Bedenkenträger in Erscheinung. Bei einer Prüfung wären sie durchgefallen. 0 Punkte.